Montag, 24. Mai 2021

#006.15 – Sarah – Frühlingsgefühle

 

#006.15 – Sarah – Frühlingsgefühle

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Frühlingsgefühle


Ein langes Feiertags-Wochenende stand vor der Tür. Langsam stiegen die Temperaturen und ab und zu war wieder ein Lächeln im Alltag zu sehen. Die Natur hatte alles gegeben und das satte Grün wetteiferte mit den unterschiedlichsten bunten Frühlingsblumen.

Der Kater Spike war in seinem Element, beobachtete Insekten und Vögel und den rot goldenen Sonnenaufgang und -untergang. Er sog den warmen bunten Frühling förmlich in sich auf. Die menschlichen Mitbewohner waren jetzt öfter gut gelaunt und er bekam mehr Leckerlis als noch vor einigen Wochen.

Sarah freute sich auf drei freie Tage. Der Freitag war noch vollgepackt mit den verschiedensten Aufgaben, aber irgendwann war es geschafft und sie schaltete den Computer in ihrem Büro aus. Alle anderen Kolleginnen und Kollegen hatten sich schon verabschiedet.

Im Briefkasten war Post von Thomas aus Hessen. Der Umschlag fühlte sich sehr fest an, so als ob er eine Postkarte enthielt. Sarah war gespannt auf den Inhalt und wollte den Brief am liebsten sofort öffnen. Aber die alte Frau Schulze gesellte sich zu ihr und schaute neugierig auf Sarahs Post. 'Manche Menschen sind völlig hemmungslos', dachte Sarah.

Hallo Frau Schulze, wie geht es Ihnen?“

Danke, es muss ja irgendwie gehen. Ich bin mittlerweile geimpft. Die fiesen Ärzte haben mir den schlechten Impfstoff verabreicht“, schimpfte Frau Schulze.

Haben Sie den Impfstoff vertragen oder gab es Komplikationen?“, erkundigte sich Sarah.

Nein, keine Komplikationen, trotzdem war es eine Frechheit, mir einfach das schlechte Mittel zu geben.“

'Ich wäre froh, wenn ich überhaupt eines bekommen würde', waren Sarahs Gedanken dazu.

Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag“, verabschiedete sich Sarah und wollte schnell diesen Ort der schlechten Laune verlassen. Außerdem hatte sie nicht die geringste Lust, über dieses Thema mit ihrer Nachbarin zu diskutieren.

'Lasse ich mir davon jetzt den Tag verderben?', war die Frage, als sie in ihrer Wohnung angekommen war, 'nein, auf gar keinen Fall!'

Den Brief hatte sie unten bei den Briefkästen unauffällig in ihre Tasche geschoben, um ihn vor Frau Schulzes unverblümten Blicken zu verbergen, und holte ihn jetzt wieder heraus.

Für Sarah lächelten diese Briefe immer und sie lächelte freudig zurück. Mit einer Banane in der Hand ging sie ins Wohnzimmer und machte es sich auf der Couch gemütlich.

Der Umschlag enthielt wirklich eine Postkarte. Auf der Bildseite war ein Ausschnitt eines hübschen alten Fachwerkhauses zu sehen.


Der Text, der die ganze Rückseite der Postkarte ausfüllte, lautete:

Liebe Sarah,

danke für Deinen letzten Brief. Ich möchte nächste Woche meine Schwester in Norddeutschland besuchen und dabei hoffentlich nicht noch einmal meine Geldbörse verlieren. :-) Wer weiß, ob ich noch einmal so viel Glück hätte, dass sie gefunden und von so einer hübschen netten Frau wie Dir zurück geschickt werden würde ...

Hier ist meine Telefonnummer: 0171 xxxxx

Darf ich Dich zu einem Kaffee und Kuchen einladen? Schicke mir doch eine SMS oder rufe mich einfach an, wenn Du magst. Dann können wir uns vielleicht bald persönlich kennenlernen?

Liebe Grüße von Thomas

PS Ich weiß, dass eine Handynummer und SMS nicht so ganz zu unserem altmodischen Briefwechsel passen, aber die Neugier hat gesiegt. Ich möchte Dich so gerne treffen.

Sarahs Herz klopfte aufgeregt, nachdem sie die Zeilen gelesen hatte. Einerseits war der Zauber der Papierbriefe ein bisschen gebrochen, aber sie war auch sehr gespannt darauf, Thomas persönlich zu treffen.

'Ich werde noch eine Nacht darüber schlafen und mich morgen bei ihm melden', dachte sie und strich sanft über die Silhouette des Fachwerkhauses auf der Postkarte.

Was für eine schöne Vorstellung, mit Thomas in einen Café zu sitzen, in einer großen Kaffeetasse den Milchschaum zu verrühren und mit ihm über Shakespeare, den Sinn und Unsinn des Lebens, Musik und stimmungsvolle kitschige Kinofilme zu plaudern.

Till Brönner: Run To You



Fortsetzung folgt


Mittwoch, 12. Mai 2021

#006.14 – Sarah – unbeirrbarer Kreislauf des Lebens

#006.14 – Sarah - unbeirrbarer Kreislauf des Lebens

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Unbeirrbarer Kreislauf des Lebens


Der Frühling kämpfte mühsam voran. Es war immer noch sehr kalt und eine Winterjacke durchaus angebracht. Trotzdem zeigte sich überall ein zartes Grün und bunte Frühlingsblumen, die den kalten Nächten trotzten. Der Verlauf der Pandemie war ähnlich. Immer noch galten viele Beschränkungen, aber auch kleine hoffnungsvolle Silberstreifen am Horizont für Besserung und Freiheiten waren sichtbar, zum Beispiel durch den Fortschritt des Impfens.

Sarah war nach der Arbeit noch in der Stadt unterwegs. Sie hatte ein paar Kleinigkeiten im Drogeriemarkt und ein Geschenk besorgt. Theoretisch war es sogar möglich, jetzt nach dem Einkauf noch einen Kaffee draußen in einem Café zu trinken. Die Stadt war nicht mehr so ausgestorben wie noch vor wenigen Wochen, das fühlte sich gut an.

Gut gelaunt fuhr Sarah mit dem Rad nach Hause. Heute Abend wollte sie wieder an ihren Seelenverwandten in Hessen, Thomas, einen Brief schreiben.Die Brieffreundschaft war durch die Rücksendung einer verlorenen Geldbörse entstanden und hatte sich zu einem Austausch sehr tiefgründiger und persönlicher Dinge entwickelt. Für Sarah war dieser Briefwechsel ein echter Lichtblick in den Pandemiezeiten gewesen.

Spike, der Kater, lugte hinter einem Busch hervor, als Sarah um die Ecke bog. Er schaute, wer die Maus, die er eben noch unter der Erde gehört hatte, verscheucht hatte. Gemächlich legte er sich wieder hin und schloss die Augen, um seinen Katerträumen weiter zu folgen. Dabei wackelte er ein wenig mit seinen pelzigen Ohren.

Sarah lief die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf und freute sich auf den Feierabend. Schnell wurden die Einkäufe verstaut und der Wasserkocher für das Teewasser angestellt. Jetzt begann der entspannte Teil des Tages mit einem echten Brief und einem Becher heißen Tee.

Lieber Thomas,

danke für das Foto (der Mann auf dem Foto gefällt mir) und die stimmungsvollen Gedanken und Assoziationen in Deinem letzten Brief.

Ich habe die Elfen aus Shakespeares Sommernachtstraum im Schlosspark Deiner Stadt förmlich vor mir gesehen. Ja, ich bin sicher, dass sie dort im Rosengarten und in den alten Bäumen hoch über den Dächern der Stadt wohnen, kichern und viel Unsinn anstellen. Mit dem Genuss eines prickelnden Getränkes bzw. Zaubertranks mit feinsprudeligen winzigen Bläschen werden sie bestimmt sichtbar und lassen Träume Wirklichkeit werden. Du merkst, ich komme langsam in Frühlingslaune und freue mich auf den Moment, wenn wir beide wirklich auf einer Picknick-Decke mit dem Zaubertrank sitzen und dem Treiben dieser Wesen zusehen können. Dann ist es natürlich warm und wir erzählen uns allerlei Sinnvolles und Sinnloses, lachen und haben Spaß.

Vorhin hätte ich sogar in einem Café draußen einen Kaffee trinken können, also es geht aufwärts. Wer weiß, ob wir uns diese trübe Zeit der Pandemie in ein paar Monaten noch vorstellen können. Oder wir wissen Freiheiten, Sonne, Wärme und gute Momente mehr zu schätzen und genießen sie ausgiebiger als vorher. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr so viele Pläne und Ideen aufzuschieben, sondern zum Beispiel sofort, wenn es passt, eine Fahrkarte in Richtung Hessen zu kaufen, um dort eine schöne Zeit zu erleben. Falls es regnen sollte, gehen wir einfach in das letzte verbliebene plüschige Kino und schauen uns einen Film mit schönen Bildern, Landschaften und wenig sichtbarer Handlung an und gehen danach in eine der Studentenkneipen, um einen Croque mit ganz viel Soße zu essen und den klebrigen Tisch damit zu bekleckern. :-)

Mir fällt aktuell eine starke Gereiztheit auf. Viele sind wohl müde und gestresst von diesem ewigen Lockdown, der Kälte des Frühlings, der sozialen Isolation und den Sorgen, die berechtigterweise viele umtreiben. Ich wünsche mir trotzdem, öfter im Alltag ein Lächeln zu sehen. Mittlerweile ist ein Einkauf im Supermarkt eine wirklich depressive Angelegenheit geworden. Höchste Zeit für Frühling und Aufbruch, finde ich. Auf meinem Balkon blüht schon alles und die Vögel singen morgens um die Wette, als gäbe es die Pandemie und die Kälte nicht. Das könnten wir uns als Vorbild nehmen. Was meinst Du?

Damit mich der Strudel der schlechten Stimmung nicht mitreißt, zähle ich mir oft die guten Dinge in meinem Leben auf: Gesundheit, mein relativ sicherer Arbeitsplatz, meine Familie, Freunde, ein Leben in Frieden mit vollem Kühlschrank und allem, was ich zum Leben brauche. Das ist eine Menge, auf jeden Fall Grund genug, um zu lächeln.

In diesem Sinne, freuen wir uns des Lebens und ich mich auf Deinen nächsten Brief

Liebe Grüße von Sarah aus dem Norden

Draußen war ein Sonnenuntergang mit schimmernden roten Wolkenformationen zu sehen. Sarah trat nachdenklich auf den Balkon, lauschte dem Abendkonzert der Vögel und betrachtete die sprießende Natur. Das war gerade ein Wimpernschlag im Kreislauf des Lebens.

Phil Collins - In The Air Tonight ('Panski & John Skyfield Remix) [Deep House]

Fortsetzung folgt


Sonntag, 25. April 2021

#006.13 – Sarah – Ein Sommernachtstraum

 

#006.13 – Sarah – Ein Sommernachtstraum

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Ein Sommernachtstraum


Die Kälte draußen schien kein Ende zu nehmen. Allerdings war es am Tag spürbar länger hell und die Natur erwachte trotz Frostnächten mehr und mehr zum Leben. Die wenigen sonnigen Momente nutzte Spike, der Kater, um sich auf den Steinen wohlig auszustrecken, um möglichst viel von der Wärme aufzunehmen.

Die Medien berichteten viel von politischem Streit über den Umgang mit der Pandemie. Die Menschen hatten das Thema und den wenig konsequenten Umgang der Politiker damit satt. Es knirschte an der Basis, aber die meisten hielten sich an die Regeln.

Sarah war aktuell sehr mit ihren beruflichen Herausforderungen beschäftigt und blendete das ewige Hin und Her in den Medien manchmal aus. Das führte dazu, dass sie sich gerade im Supermarkt fragte, ob sie überhaupt die aktuell vorgeschriebene Mund-Nasen-Bedeckung bei sich hatte. Niemand hatte sie deswegen angesprochen, also schien es das richtige Modell zu sein. Es lag Resignation in der Luft. Die anderen Kunden, die an der Kasse standen, blickten starr und abwesend vor sich hin, es waren weit und breit keine freundlichen Augen zu sehen.

'Jetzt bloß schnell nach Hause', dachte Sarah während sie ihren Einkauf im Rucksack verstaute, 'was für ein anstrengender Tag.'

In ihrem Briefkasten zu Hause, lächelte ihr aber ein Brief von Thomas entgegen. Der ließ ihr Herz höher schlagen und fühlte sie sich sofort besser, so als hätte sich die Tür der schwierigen Realität – zumindest in diesem Moment – geschlossen.

Hallo Spike“, begrüßte Sarah den alten Kater an der Tür. Er strich um ihre Beine und schaute sie aus seinen unergründlichen Augen an.

In ihrer Wohnung war es wie immer angenehm still. In der Küche stand noch der Kaffeebecher von heute morgen, das leise Ticken der Küchenuhr war zu hören und ein verhaltenes Wassergeräusch aus der Nachbarwohnung.

Der Brief wurde als erstes feierlich auf den Wohnzimmertisch vor dem Sofa platziert und er lächelte Sarah in ihrer Wahrnehmung weiterhin zu. Es ging etwas Besonderes von diesen Briefen aus, was schwer in Worte zu fassen war.

Nach den Einräumen der Einkäufe und der Teezubereitung steuerte Sarah mit ihrem heißen Becher wieder die freundliche Aura des altmodischen Briefes an. 'Wie eine Art Blase in dieser verrückten Zeit', dachte sie und machte es sich auf dem Sofa bequem.

Ein Foto eines lächelnden Mannes mit einer modernen Brille und ein paar Lachfältchen um die Augen fiel aus dem Umschlag.

Liebe Sarah,

mittlerweile freue ich mich darüber, dass ich vor einiger Zeit in Deiner Stadt meine Geldbörse verloren habe. Es sollte wohl so sein, dass wir uns „treffen“, bis jetzt nur per Brief, aber wer weiß, was noch kommt, sofern die Entwicklung der Pandemie es zulässt.

Ich freue mich, wenn Du mich in meiner Stadt besuchst. Gerne können wir ein Picknick im Schlosspark machen. Für mich steckt in diesem Park sehr viel von Shakespeares Sommernachtstraum. Du hast recht, es gibt dort so viele verwunschene kleine Orte, zum Beispiel der Rosengarten oder der verwilderte Bereich mit den vielen alten Bäumen. Dort können gut Elfen und andere Wesen wohnen und sich allerlei Unsinn ausdenken … und wir daneben mit unserer Picknick-Decke. Ich werde entsprechende prickelnde Getränke besorgen (bei uns in der Stadt gibt es eine eigene Sektkellerei), mal sehen, was die Wesen dann anstellen werden.

Du hattest mich vor kurzem gefragt, was ich genau im Bücher-Business tue. Ich sorge unter anderem dafür, dass die vielen Studenten alle notwendigen Bücher für ihr Studium erhalten, d. h. Ich betreibe einen Buchladen, bzw. zwei Buchläden, in der Stadt. Natürlich hat das Internet seine eigene Dynamik in dieses Geschäft gebracht, aber dadurch, dass ich die Läden in einer Studentenstadt habe, erzielen mein Team und ich nach wie vor einen guten Umsatz. Vielleicht hast Du sogar damals, als Du Deine Freundin hier besucht hast, schon einmal ein Buch einem meiner Läden gekauft?

Ich bin mit dieser Stadt sehr verbunden, engagiere mich auch in der Kulturszene und habe gute Kontakte zur Uni. Darüber, dass Du dieses beschauliche Städtchen magst, freue ich mich. Anscheinend mögen wir beide ähnliche Plätze hier. Ich kann Dir vielleicht auch noch neue Orte zeigen, die Du noch nicht kennst, wenn Du magst.

Ich habe übrigens nicht gedacht „Sarah spinnt...“, das hast Du richtig eingeschätzt. Wir sind uns im Denken und Fühlen wahrscheinlich ähnlich. „Pfützenmalerei“ ist mir nicht fremd und auch Deine Gedanken zum Pachelbel Canon kann ich gut nachvollziehen. Dieses Stück Ewigkeit, dass uns berührt, steckt in jeder echten Kunst, der Natur oder in einem selbstvergessenen Tun.

Ein Foto schicke ich Dir heute mit, damit Du Dir vorstellen kannst, mit wem Du diese tiefgründigen Gedanken teilst. Außerdem lege ich noch den Flair dieser besonderen Stadt im tiefsten grünen Hessen-Land mit in den Umschlag.

Ich freue mich auf Deine nächsten Zeilen. Deine Briefe erhellen diese trübe Zeit …

Liebste Grüße Thomas 


Ja, Shakespeares Sommernachtstraum. Erinnerungen an eine Theateraufführung in der Schulzeit stiegen in Sarah auf. Selbst in der leicht muffigen Aula der Schule war ein sanfter Sommerwind durch die Reihen der Zuschauer geweht. Später hatte sie das Stück mindestens dreimal in verschiedenen Theatern gesehen und war jedes Mal träumend in die Handlung gezogen worden und am Ende durch den Applaus wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt.

Schöne Aussichten waren das, vielleicht mit dem unbekannten Mann namens Thomas einen ganz eigenen Sommernachtstraum im Schlosspark zu erleben. Die Pandemie und die vielen Jobprojekte waren gerade in weite Ferne gerückt und hatten Sommerwärme und schelmischen tuschelnden Wesen Platz gemacht.

Kygo - Higher Love


Fortsetzung folgt


Sonntag, 18. April 2021

#006.12 – Sarah – Pfützenmuster

 

#006.12 – Sarah – Pfützenmuster

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Pfützenmuster



Das zweite Osterfest, das von der Pandemie geprägt war, war vorbei. Sarah hatte sehr stille und zurückgezogene Ostertage erlebt, ein kurzer Besuch bei ihrer Mutter, ein paar Telefonate, mehr war nicht möglich gewesen. Am Ostermontag hatte sie allerdings Thomas Brief beantwortet. Sie wollte sich unbedingt für seine Geschenke bedanken.

Lieber Thomas,

vielen Dank für das kleine Päckchen, das am Donnerstag vor meiner Wohnungstür stand. Das Buch hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal bekommen, neben seinem unscheinbaren Bruder mit dem gleichen Inhalt.

Das Buddelschiff steht in meinem Badezimmer. Immer, wenn ich in meiner Badewanne abtauche und die restliche Welt draußen bleibt, kann ich es anschauen und mir vorstellen, wie wir beide am Ufer des Edersees sitzen (wo ich noch nie gewesen bin) und gemeinsam dem Spiel der Wellen zusehen. Ich stelle mir vor, dass Du ein Mensch bist, mit dem ich einfach schweigen könnte, ohne dass es sich komisch anfühlt, ein einträchtiges und entspanntes Schweigen, das sich selbst genügt. Ich habe in meinem Leben selten Menschen getroffen, mit denen das möglich war.

Ich beneide Dich um Deinen besonderen Ort, an den Du Dich zurückziehen kannst. Wasser hat eine besondere Wirkung. Als Kind habe ich sehr gerne mit einem Stock oder Blättern in Pfützen gerührt und die Verwirbelungen des Sandes genau beobachtet. Es ergaben sich immer neue Muster dabei. Ich konnte mich absolut in diese Pfützenbilder versenken und habe alles andere um mich herum vergessen. Aus einem intuitiven Grund weiß ich, dass Du genau verstehst, was ich meine und wie es anfühlt, so etwas zu tun. Woher kommt dieses Wissen, frage ich mich? Vielleicht schüttelst Du in Wirklichkeit den Kopf, während Du das liest, und denkst: 'Sarah ist zwar nett, aber spinnt auch ein bisschen...' (ich bin mir aber sicher, dass Du das nicht tust!)

Eine gute Freundin und ich haben neulich bei einem gemeinsamen Abendessen darüber gesprochen, dass es nach unserer Auffassung eine Essenz der Ewigkeit gibt. Das klingt sehr hochtrabend, ich weiß, es handelt sich aber um eine einfache Wahrheit. Wir meinen damit, dass eine höhere, intuitive Wahrheit existiert, die zeitlos und unzerstörbar ist. Sie drückt sich unter anderem in der Natur, Musik, in Bildern und Büchern aus oder wenn Kinder selbstvergessen träumen und spielen. Der Pachelbel Canon ist ein Beispiel für die zeitlose Harmonie und einem Gefühl von Ewigkeit, die alles überdauern wird. Dieses Stück lief im Hintergrund beim Essen. Meine Freundin hatte sehr fein gekocht und das Essen mit einer dazu passenden Musikauswahl serviert.

Wer weiß, wie lange uns diese Pandemie noch begleiten wird. Vielleicht besuche ich Dich wirklich dieses Jahr in Hessen. Natürlich werde ich dann in einem Hotel wohnen, aber Dich dann sehr gerne zum Beispiel in der Jazz-Kneipe oder im Schlosspark oben über den Dächern der Stadt bei einem Picknick treffen. Ich erinnere mich an viele verwunschene und Phantasie beflügelnde Orte in dem Park.

Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Brief - vielleicht mit Foto :-) .

Liebe Grüße von Sarah

Sarah trank den Tee aus, der neben ihr stand und kalt geworden war. Der Brief wurde sorgsam in einen Umschlag geschoben, beschriftet und mit einer Briefmarke versehen. Es fühlte sich ein bisschen feierlich und altmodisch an.

Obwohl es draußen gerade regnete und stürmte, lief Sarah die Treppenstufen hinunter. Spike, der Kater, der gerade ein Schläfchen in seiner Box im Treppenhaus machte, registrierte sie gar nicht. Noch nicht einmal er wollte bei diesem Wetter vor die Tür, Sarah schon. Schließlich gab es wichtige Post zu versenden. 

Canon in D

Fortsetzung folgt


Samstag, 3. April 2021

#006.11 – Sarah – Ostern

#006.11 – Sarah – Ostern


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Ostern


Das lange Osterwochenende war angebrochen. Wie im letzten Jahr wurde alles von der Pandemie überlagert. Im benachbarten Bundesland gab es sogar nächtliche Ausgangssperren. Die allgemeine Stimmung war entsprechend gedrückt. Fast jeder zog sich in seine eigene kleine Welt zurück und haderte damit, dass Reisen und Besuche nur eingeschränkt möglich waren.

Sarah hatte immer noch keinen richtigen Plan für das lange Wochenende. Bei der Arbeit war viel los gewesen und eine Ruhepause zum Durchatmen dringend nötig. 

Vor ein paar Tagen hatte sie einen Brief an Thomas nach Hessen geschickt. Thomas und sie kannten sich nicht persönlich, nur aus einem immer intensiver werdenden Briefwechsel. Bei ihrem letzten Brief hatte sie ein Foto von sich dazu gelegt und hoffte insgeheim, dass er ihr ebenfalls eines schicken würde. Sie war sehr neugierig auf diesen Mann, dessen Brieftasche sie vor einiger Zeit gefunden und ihm zurückgeschickt hatte. Daraus war die Brieffreundschaft entstanden, die für Sarah ein heller Silberstreifen am Horizont in diesen trüben Zeiten war.

Gründonnerstag Nachmittag trug sie zwei Einkaufstaschen die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. In ihrem Briefkasten war kein Antwortbrief von Thomas gewesen, nur eine Rechnung von ihrer Versicherung.

Einmal in der Badewanne abtauchen, bitte“, dachte Sarah, „mit ganz viel Schaum, einer Kerze und Barock Musik.“

Wenn Sarah eine Sache während der langatmigen und manchmal zähen Phase der Pandemie gelernt hatte, war es, die kleinen Dinge des Alltags zu zelebrieren. Ein Schaumbad gehörte definitiv dazu.

Auf der Fußmatte vor der Wohnungstür war ein kleines Paket abgelegt worden. Wenn Sarah nach Hause kam, lag der Kater Spike manchmal dort. Ein Paket bekam sie selten. Sie gehörte zu den Menschen, die lieber in Geschäften einkauften, was sich während der Pandemie manchmal als schwierig erwies.

Neugierig stellte sie die Taschen ab und las den Absender. Dieses Päckchen kam aus Hessen, was für eine nette Überraschung nach einem anstrengenden Tag. Einer ihrer Nachbarn hatte es wahrscheinlich angenommen und dort abgestellt.

Stille umfing sie, als sie ihre Wohnung betrat. Es war so wohltuend und beruhigend nach den ganzen Telefonaten und der Hektik im Büro, dazu kam die Aussicht auf die freien Ostertage. Sarah seufzte erleichtert, um dann gleich mit dem Päckchen ins Wohnzimmer zu gehen. Sie war sehr gespannt auf den Inhalt. Die Einkäufe konnten warten.

Sarah öffnete das kleine Paket. Darin war ein Briefumschlag, der mit einem schwungvollen „Sarah“ beschriftet war, und zwei liebevoll verpackte Geschenke. Die verschlungenen Ornamente auf dem Geschenkpapier erinnerten an Geschichten aus tausend und einer Nacht. „Wie schön“, dieser Gedanke war Sarahs erster Impuls. Einmal mehr hatte sie das Gefühl, in eine andere Welt  einer anderen Zeit einzutauchen. Diese Welt hatte mit der Pandemie, schlechten Nachrichten und Ängsten nicht das Geringste gemein.

Liebe Sarah,

vielen Dank für Deinen Brief.

Trotz aller Widrigkeiten wünsche ich Dir ein frohes Osterfest. Wie verbringst Du es dieses Jahr? Bist Du sonst immer um diese Zeit im Urlaub gewesen oder hast Du mit einer riesigen Familie gefeiert, inklusive Ostereiersuche?

Da ich es nach wie vor großartig finde, dass Du mir meine verlorene Geldbörse zurückgeschickt hast, nutze ich die Gelegenheit dieses Osterfestes für zwei kleine Geschenke an Dich. Ich empfehle die Lektüre des Briefes an dieser Stelle zu unterbrechen, und die Päckchen auszupacken. Dann schreibe ich Dir noch ein paar Dinge dazu.


Sarah öffnete erst das Geschenk, in dem offensichtlich ein kleines Buch verpackt war. Es war ein Band von Rainer Maria Rilke „Briefe an einen jungen Dichter“, sehr alt, gut erhalten und mit dem besonderen Geruch alter Bücher. Bedächtig blätterte Sarah in dem Buch. Grüne Blätterranken zierten den Einband. Selten hatte Sarah etwas Schöneres gesehen, es war ein echter Schatz. Ihr oft gelesenes Exemplar der berührenden Briefe im Bücherregal war dagegen unscheinbar, fast schon unansehnlich.

Das zweite Geschenk war ein kleines Segelboot in einer Flasche, ein sogenanntes „Buddelschiff“. Darüber wunderte sich sie sich ein wenig, weil es in Hessen zwar viel Wald aber wenige Segelboote gab. Deshalb war sie umso mehr gespannt darauf, den Brief weiter zu lesen.


Ich gehe zwar davon aus, dass Du das Buch schon besitzt, aber ich möchte Dir trotzdem genau diese Ausgabe schenken. Da wir uns Briefe schreiben, finde ich es sehr passend.

Das kleine Segelboot hat für mich sehr viel Ostern zu tun. Darüber wunderst Du Dich vielleicht. Nein, es ist nicht mein jährliches Ritual, um diese Zeit an die Ostsee zu fahren oder ähnliches. Ich habe ein kleines Ferienhaus am Edersee und verbringe dort oft freie Wochenenden, besondere gerne lange Wochenenden wie Ostern. Im Zuge des Klimawandels führt der Edersee leider weniger Wasser als noch einigen Jahren. Das bedeutet, segeln ist nicht mehr das ganze Jahr möglich. Trotzdem kann man dort eine grandiose Natur beobachten und mein großes Glück ist ein unverbaubarer Blick auf das Wasser. Wer weiß, vielleicht kann ich Dir dieses kleine Paradies irgendwann einmal zeigen? In meinem Häuschen gibt es ein Gästezimmer und eine Terrasse mit gemütlichen Liegestühlen in Blickrichtung des Sees. Ich kann stundenlang auf das Wasser sehen und entdecke immer neue Wellenmuster. Das ist meine Art zu meditieren und zu entspannen.

Übrigens, vielen Dank für das schöne Foto von Dir. Tatsächlich habe ich gerade kein (aktuelles) ausgedrucktes Foto von mir griffbereit. Weil ich Dir unbedingt rechtzeitig dieses Päckchen zu Ostern schicken wollte, bekommst Du ein Bild mit meinem nächsten Brief. Ich hatte verstanden, dass Du - genauso wie ich - den entschleunigten Postversand einer E-Mail vorziehst. Mir geht es wie Dir, Deine Briefe sind gerade in diesen dunklen Pandemie-Zeiten ein Lichtblick, nein, ich korrigiere mich: Sie sind das Licht am Ende des Tunnels! 

Ich freue mich auf Deine nächsten Zeilen, passe gut auf Dich auf, bleibe gesund und

herzliche Grüße

Dein Thomas

Am Edersee war Sarah noch nie gewesen. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Freundin, die damals in Thomas Heimatstadt studierte, davon erzählt hatte. Der Edersee war ein großer Stausee und am Wochenende führen viele Hessen dort hin, um zu baden, zu wandern oder mit Motorrädern am Ufer entlang zu fahren. Über allem thronte ein Schloss, was mittlerweile als Hotel genutzt wurde.

Wer weiß, vielleicht würde sie Thomas wirklich einmal besuchen. Die Idee, einen Kurzurlaub in Hessen zu verbringen, war sowieso in ihrem Kopf. Während der Pandemie war Hessen so weit weg wie Australien, Neuseeland oder der Mond. Weiter als bis zum Supermarkt, zur Arbeit und ab und zu ihrer besten Freundin ein paar Straßen weiter bewegte sie sich momentan nicht. Wie würde es sich anfühlen, ein paar hundert Kilometer mit der Bahn zurückzulegen, zu beobachten, wie sich die Landschaft und die Farben veränderten und zwischendurch einen Kaffee aus dem Bordrestaurant zu holen, ohne ein Stoffgebilde im Gesicht?

Das kann ich mir gerade überhaupt nicht vorstellen“, dachte sie, „schade, dass man ein Buddelschiff nicht in der Badewanne schwimmen lassen kann. Ich könnte es aber auf den Badewannenrand stellen und ansehen, während ich zum Start ins Osterwochenende in Schaumbergen abtauche.“

Ludwig Güttler: Corno da caccia Concerto in E-Flat Major: I. Allegro




Fortsetzung folgt

Liebe Leserinnen und Leser, 

frohe Ostern und viele bunte Ostereier wünsche ich Euch. Lasst Euch nicht
unterkriegen und, um ein Zitat aus meinem Blog zu bemühen: 

"Auch das geht vorbei."

Danke für Eure Treue und Euer Interesse

Liebe Grüße von der Autorin




Sonntag, 28. März 2021

#006.10 – Sarah – Insel in trüber See

 

#006.10 – Sarah – Insel in trüber See

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Insel in trüber See


 
Es war wieder Wochenende. Der Kater Spike spähte unter einen knospenden Busch und fuhr seine Tatze langsam aus. Es war weit und breit keine Maus zu sehen, aber Spike lag trotzdem auf der Lauer. Irgendwann würde das kleine Nagetier seine schützende Höhle verlassen, er hatte alle Zeit der Welt.

Sarah trat gerade durch die Haustür nach draußen und klapperte mit ihrem Schlüsselbund. Sie war auf dem Weg zum Supermarkt. Demnächst war Ostern und auch wenn Besuche wegen der Pandemie so gut wie nicht möglich waren, musste trotzdem der Kühlschrank aufgestockt werden. Sarah hatte noch überhaupt keine Idee, wie sie Ostern verbringen wollte. Die Steuererklärung stand auf der Liste der zu erledigenden Dinge, was für eine sehr langweilige Angelegenheit. Eine Radtour bei schönem Wetter war eine bessere Option für die freien Tage.

Wir werden sehen“, dachte Sarah, als sie den Schlüssel in das Fahrradschloss steckte. Nach ihrem Einkauf wollte sie unbedingt einen Brief an den Mann schreiben, dem sie seine verlorene Geldbörse zurückgeschickt hatte. Der altmodische Briefwechsel zwischen Hessen und Norddeutschland war einfach das Netteste, was gerade in Sarahs Leben passierte.

Wieder zu Hause angekommen, setzte Sarah sich gleich an ihren Schreibtisch. In der Küche arbeitete die Kaffeemaschine geräuschvoll vor sich hin.

Mein Briefpapier geht langsam zu Neige, so viele Briefe habe ich in den letzten fünf Jahren nicht mehr geschrieben“, gedankenverloren wanderte ihr Blick zu dem Blumenbild an der Wand.

Lieber Thomas,

schön, dass wir uns jetzt duzen. Dass Du mir von dem tanzenden Schweinchen im Baum vor Deinem Fenster geschrieben hast, werte ich als besonderen Vertrauensbeweis und weiß es zu schätzen. Obwohl wir uns bis jetzt persönlich noch nicht begegnet sind, habe ich das Gefühl, als würde ich Dich schon sehr lange kennen. Es ist auch ein bisschen unheimlich, finde ich.

Danke, dass Du mir ein kleines Update zu Deinem Wohnort gegeben hast. Das klang für mich alles trostlos: Nur noch ein kleines Programmkino, eine leer gefegte Altstadt ohne die üblichen Scharen von Studenten, geschlossene Trödel- und Buchläden und nicht zu vergessen die Jazz-Kneipe, in der gerade kein Musiker auftritt.

Damals ist mir übrigens aufgefallen, dass kein Cappuccino oder ähnliches auf der Getränkekarte stand. Der Gitarrist, mit dem ich seinerzeit dort war, trank eine Tasse Filterkaffee nach der anderen, ohne Minikeks natürlich. Irgendwie war alles sehr pur, die Getränke, die Gäste, die Musik und auf den zerkratzten, leicht klebrigen Holztischen standen maximal weiße Kerzen als Deko. Verstehst Du, was ich meine? Wahrscheinlich schon, weil wir anscheinend bei solchen Details auf einer Wellenlänge sind, was ich sehr spannend finde.

Du fragtest mich nach meinen Buch-Vorlieben. Im Grunde hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen, bei mir stehen Rilke und Hesse neben tiefgründigen Krimis. Sind wir uns in einem früheren Leben schon einmal begegnet? Rilke und Hesse-Bücher wohnen schon lange mit mir zusammen. Ich würde sie aus der Wohnung retten, falls es brennen sollte. Meiner Meinung nach prägen Bücher das Weltbild ihrer Leserschaft. Ich kann beim Lesen alles um mich herum vergessen und komplett in eine Handlung oder einen Gedanken eintauchen.

Du schriebst, dass Du beruflich mit Büchern zu tun hast. Ich bin natürlich neugierig, mehr darüber zu erfahren. Bis jetzt habe ich Deinen Namen (noch) nicht bei der bekannten Suchmaschine im Internet eingegeben, obwohl ich ein- oder zweimal diesen Impuls hatte. Diese Kommunikation per Brief ist einfach entschleunigt und charmant, das Internet, so praktisch es für andere Belange auch sein mag, passt nicht dazu. Deshalb lege ich diesem Brief ein echtes ausgedrucktes Foto von mir bei, damit Du eine Vorstellung davon bekommst, mit wem Du es zu tun hast. Vielleicht hast Du ja auch eines für mich?

Auf Deinen nächsten Brief freue ich mich schon sehr. Die momentane komplizierte Welt da draußen wird durch Deine Briefe ein bisschen schöner und freundlicher.

Es grüßt Dich Deine Sarah

Sarah faltete das Papier langsam und legte es in einen Umschlag. Wenn es wieder möglich war, würde sie in dem hübschen Städtchen, in dem Thomas lebte, einen Kurzurlaub verbringen. Es fühlte sich an, als wäre ein innerer Magnet eingeschaltet worden. Er zog sie in frühere Zeiten der Sorglosigkeit und gleichzeitig in die Richtung neuer Horizonte.


 
Ihr fiel eine weitere Begebenheit von damals wieder ein. Bei einer Fahrt mit dem Stadtbus in jener Stadt hatte sie mit einem fremden Mann aus dem Nichts ein tiefgründiges philosophisches Gespräch über das Leben geführt. An Einzelheiten konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber der Mann bedankte sich beim Aussteigen bei ihr für den wundervollen Gedankenaustausch, den er niemals vergessen würde. Die Atmosphäre war ihr aber noch lebhaft in Erinnerung geblieben, alle anderen Fahrgäste und das Alltägliche war für diese kurze Zeitspanne ihres Gespräches ausgeblendet gewesen.

Diese Stadt hat einen ganz eigenen Zauber“, dachte sie, „und ich war so lange nicht mehr dort. Das werde ich ändern.“

Pat Metheny: Dream of the Return

Fortsetzung folgt

Montag, 22. März 2021

#006.9 – Sarah – ein tanzendes Schweinchen im Baum

 

#006.9 – Sarah – ein tanzendes Schweinchen im Baum


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Ein tanzendes Schweinchen im Baum


Die letzten Zuckungen des Winters legten sich auf das Gemüt der Menschen. Ständig war es kalt und nass, außerdem gab es rund um die Uhr Nachrichten über die Pandemie. Die Impfungen verliefen schleppend und so mancher Politiker hatte sich im Zuge der Weltnotlage an medizinischer Ausrüstung bereichert. Das war besonders bitter für die Teile der Bevölkerung, die ihre berufliche Existenz verloren hatten oder sehr gefährdet waren, dass genau das demnächst passieren würde. Auch in dem Mehrfamilienhaus, in dem Sarah und der Kater Spike lebten, gab es Bewohnerinnen und Bewohner, die viele Sorgen hatten.

Sarah kämpfte innerlich gegen die schlechte allgemeine Stimmung an. Sie zwang sich immer wieder dazu, ihre Aufmerksamkeit auf die kleinen positiven Lichtblicke des Alltags zu lenken. Einer davon war sicherlich der Austausch altmodischer Briefe mit einem netten Mann aus Hessen. Sie hatte seine Geldbörse auf einem Supermarkt-Parkplatz gefunden und ihm zurück geschickt. Da diesen Briefe die Patina des letzten Jahrhunderts anhaftete, hatte Sarah ihre Neugierde bezwungen und darauf verzichtet, bei einer Suchmaschine im Internet mehr über diesen Mann herauszufinden. Diesen entschleunigten Austausch wollte sie nicht durch das turboschnelle Internet stören.

Wieder lag an einem Dienstag Abend ein Leinenpapier-Umschlag von Thomas Schneider in Sarahs Briefkasten. Sarah nahm den Brief behutsam an sich und freute sich darauf, gleich seine Zeilen zu lesen. In ihrem Kühlschrank wartete noch eine leckere Gemüsesuppe von gestern und ein Rest Weißwein vom Wochenende.

Herr Müller aus dem 1. Stock kam ihr auf dem Weg zu ihrer Wohnung entgegen und schaute leer durch sie hindurch. Herr Müller hatte seine Arbeit verloren und verließ seine Wohnung seitdem sehr selten. Sein Strickpullover war fleckig und er trug eine volle Kiste mit Altpapier. Es war ein sehr deprimierender Anblick, besonders seine glanzlosen Augen. Sarah grüßte ihn trotzdem freundlich, erhielt aber keine Antwort. „Ist Herr Müller dem Alkohol verfallen?“ überlegte Sarah.

Schnell ließ Sarah ihre Wohnungstür ins Schloss fallen. Sie freute sich auf ihre Brief-Abendlektüre.

Wieder hatte Herr Schneider  Leinenbriefpapier benutzt und den Brief mit Tinte geschrieben. Wahrscheinlich gab es in der Umgebung dieses Mannes keine banalen Kugelschreiber aus Plastik mit Werbeaufdruck. Wie er wohl aussah? Sarah stellte sich einen großen schlanken Mann mit gepflegter Kleidung und frisch geputzten Lederschuhen vor. Den Impuls, doch schnell die Suchmaschine im Internet aufzurufen, unterdrückte sie.

Liebe Sarah,

über Ihre Antwort auf meinen Brief habe ich mich sehr gefreut. Die Idee, Ihnen regelmäßig zu schreiben, gefällt mir sehr gut. Alle aktuellen Medien nutze ich natürlich auch, aber Briefe zu schreiben, fühlt sich ganz anders an, als zum Beispiel eine Mail zu verfassen.

Gerne berichte ich Ihnen, was sich in meiner Heimatstadt so tut. In den Pandemie-Zeiten ist es eher traurig hier. Sie schrieben von Ihren damaligen lustigen Abenden in den Studenten-Kneipen mit Ihrer Freundin, ja, die Kneipen sind einfach zu und verwaist. Auf den Straßen und in der historischen Innenstadt mit den Fachwerkhäusern sind wenige Menschen unterwegs. Die beiden Drogeriemärkte dort haben geöffnet, ansonsten ist alles zu. Ein Laden, der Trödel und alte Möbel verkauft hat, hat aufgegeben. Den könnten Sie jetzt mieten, wenn Sie wollten.

Die Jazz-Kneipe ist zwar geschlossen, aber ich hatte neulich gehört, dass die Pächter, wenn es möglich ist, wieder öffnen möchten. In der Tat bin ich vor den Corona-bedingten Schließungen öfter dort gewesen. Und Sie haben recht: Die Musiker auf der kleinen Bühne schienen wirklich mit Ihren Instrumenten verwachsen zu sein.Ich finde es sehr bemerkenswert, wie Sie Ihre Wahrnehmungen beschreiben. Es gibt nicht viele Menschen, die ihre Sichtweise auf ihre Umgebung so ausdrücken wie Sie.

Gehören Sie auch zu den Personen, die versuchen, Muster in einem ausgetretenen alten Straßenpflaster zu erkennen? Oder Bilder in vorbeiziehenden Wolken? Bitte lachen Sie mich nicht aus, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich in der Anordnung der Zweige und Blätter bei einem Baum vor meinem Wohnzimmerfenster letzten Sommer ein lustig hüpfendes Schweinchen erkennen konnte. Obwohl wir uns gar nicht persönlich kennen, vermute ich, dass Sie verstehen, wie ich das meine.

Was die kleinen Kinos betrifft, muss ich Ihnen leider schreiben, dass nur eines davon noch existiert. Ob es nach dem Lockdown wieder öffnen wird, ist nicht sicher, da es seit ein paar Jahren ein neu gebautes modernes Kino gibt, in dem alle Blockbuster laufen. Die Filme, die Preise gewinnen, die keiner kennt (auch sehr schön von Ihnen formuliert), werden vielleicht demnächst nicht mehr in unserer Stadt gezeigt.

Natürlich bin ich neugierig darauf, mehr über Sie zu erfahren. Zum Beispiel interessiert mich, welche Art Bücher Sie mögen. Beruflich habe ich mit Büchern zu tun, deshalb ist das immer spannend für mich. Lesen Sie psychologisch tiefgründige Krimis oder Gedichte von Rilke? Ich vermute, dass Sie beides mögen. Liege ich mit meiner Einschätzung richtig?

Ich freue mich darauf, bald wieder von Ihnen zu lesen.

Es grüßt Sie aus dem (Lockdown)-verschlafenen historischen Studenten-Städtchen ganz herzlich

Thomas Schneider

PS Was halten Sie davon, wenn wir das steife „Sie“ hinter uns lassen und zum vertrauteren „Du“ übergehen? Schließlich habe ich Dir schon von dem tanzenden Schweinchen in dem Baum vor meinem Fenster erzählt ….


Sarah strich versunken über das sorgfältig beschriebene Leinenpapier. Ihr Blick wanderte zu ihrem Bücherregal. Dort standen genau die Art Bücher, die er in seinem Brief beschrieben hatte, altmodische Bände mit Blumenranken von Rilke neben Krimis von skandinavischen und englischen Autoren. Außerdem suchte sie in ihrer Umgebung tatsächlich meistens nach Bildern oder Mustern. Das hatte sie allerdings noch nie jemandem erzählt. Der Mann hatte mit seinen Vermutungen komplett ins Schwarze getroffen. Wie konnte das sein?

In den nächsten Tagen würde sie auf seinen Brief antworten. Gab es so etwas wie Seelenverwandtschaft?

In der Küche schenkte Sarah sich den Rest Weißwein aus dem Kühlschrank ein und nippte nachdenklich an dem Glas. Sie hatte gerade das Gefühl, etwas besonders Wertvolles gefunden zu haben, einen Bernstein bei einem Spaziergang am Strand, in dem ein Insekt eingeschlossen war, inmitten unzähliger zersplitterter Muscheln.



I Believe in Little Things — Diana Panton

Fortsetzung folgt