Montag, 27. Juli 2026

#0018 - Das Wiedersehen

 

Liebe Leserinnen und Leser, 

Spike genießt gerade seine Sommerferien, deshalb kommt er in dieser Geschichte nicht vor. 

Die Geschichte widme ich der Person, mit der ich letztes Jahr eine wunderschöne Ferienwoche im Norden verbracht habe. 

Viel Spaß beim Lesen und auch viele sommerliche Grüße von Spike. 

Liebe Grüße von der Autorin




Das Wiedersehen

Die ausgeblichene Markise spendete Schatten. An einem der kleinen Tische darunter saß Maren und tupfte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Einen Cappuccino, bitte“, sie lächelte den Kellner mit dem weißen Hemd freundlich an.

„Kommt sofort.“

Sie konnte es kaum glauben, dass sie nach so vielen Jahren wieder an diesem Ort war. Selbst in der Einkaufsstraße der Kleinstadt an der Nordsee roch die Luft salzig. Sie dachte an die Nachricht, die sie vor einigen Wochen über Social Media erreicht hatte. Eine kleine unscheinbare Nachricht von Robert, den sie damals bei der Radtour mit ihrer Freundin Inga kennengelernt hatte. Mittlerweile lebte Inga im Ausland und der Kontakt war abgebrochen. Unterschiedliche Leben forderten manchmal den Preis einer einst engen Freundschaft.

Maren und Robert hatten seinerzeit im Außenbereich der Jugendherberge mit Tischtennisplatte und Bank verstohlene Blicke getauscht. Dieser Ort war der abendliche Treffpunkt der Jugendlichen gewesen, die in der Jugendherberge ihre Ferien verbrachten. Maren grinste bei dem Gedanken. Abends gab es zum Abendessen den berüchtigten Früchtetee aus riesigen Metallkannen. Sie konnte sich genau an den leicht metallischen Geschmack erinnern, genauso wie an das Geschirrklappern und das Stimmengewirr im großen Speiseraum. Profis unter den Jugendlichen hatten Nussnougatcreme von zu Hause mitgebracht, um die geschmackneutralen Käsescheiben zu vermeiden.

Es war ein warmer Sommer gewesen. Inga hatte wie immer beim Tischtennis und in allen anderen Lebenslagen alles im Griff. Sie schlug die besten Bälle, hatte die passenden Sprüche auf Lager und angesagte Klamotten, die ihre tolle Figur in Szene setzten. Maren konnte in keinem dieser Bereiche mithalten. Robert war ebenfalls mit einem Freund unterwegs. Robert, Markus, Inga und sie bildeten ein Kleeblatt in dieser Ferienwoche und verbrachten viel Zeit miteinander. Manchmal hatte sich Maren gewundert, warum Robert statt Inga sie anschaute und dann schnell wieder wegsah.

An einem Abend hatten sich Inga und Markus beim Tischtennis festgebissen und waren wie im Bälle-Rausch. Markus fragte Maren leise, ob sie Lust hätte, noch eine kleine Runde am Strand spazieren zu gehen. Maren war ein bisschen rot geworden und hatte genickt.

„Hey, ihr beiden“, hatte Robert den beiden Sportskanonen zugerufen „Maren und ich gehen noch eine Runde ans Wasser.“

Inga unterbrach das Spiel für einen Moment: „Okay, bis später.“ Darauf folgte eine perfekte angeschnittene Angabe von ihr, die Markus nicht zurückschlagen konnte.

Das Klicken der Tischtennisbälle wurde leiser. Robert und Maren erklommen die kleine Betontreppe zur Deichkrone. Wollige Schafe grasten dort, Meeresrauschen war zu hören. Auf der anderen Seite des Deiches öffnete sich eine andere Welt, fernab von metallisch schmeckendem Tee, Rundlauf und knarrenden Stockbetten. Es war gerade Flut und die beiden liefen barfuß durch das flache Wasser. Sie redeten wenig, ab und zu hob Maren eine Muschel auf. Robert betrachtete Maren von der Seite.

„Wollen wir uns schreiben, wenn wir wieder zu Hause sind?“

Maren war von Roberts Frage überrascht, aber sie freute sich darüber. „Gerne, ich schreibe dir nachher meine Adresse auf.“

So war es dann auch passiert. Sie hatten nach den Sommerferien drei Jahre lang Briefe geschrieben. Schulabschluss, Ausbildung, Studium hatten dann viel Raum eingenommen und die Briefe blieben irgendwann aus. Bis vor einigen Wochen, als Maren diese besagte Nachricht von Robert erhielt, dieses Mal digital.

Hallo Maren, beim Aufräumen habe ich unsere alten Briefe und ein paar Fotos von den Ferien an Nordsee gefunden. Wie geht es dir? Liebe Grüße von Robert

Einige Wochen, Nachrichten und Telefonate später saß sie vor der Tasse Cappuccino und wollte sich gleich mit Robert treffen. Natürlich bei der Jugendherberge, wo auch sonst. Ihr Herz klopfte und sie freute sich. Sie wollten spazieren gehen und abends etwas essen. Maren hatte sich dieses Wochenende in einer Pension in dem Städtchen eingemietet, er wohnte mittlerweile in der Nähe. Anscheinend hatte es ihm die herbe Schönheit dieser Landschaft angetan.

Maren erreichte nach dem Eisdielenabstecher das Gelände der Jugendherberge. Die Tischtennisplatte war verwaist und Moos war an einigen Stellen zu sehen. Zwei Kids saßen stumm auf ihrer Bank und blickten auf Smartphones. Dann hielt ein frisch geputztes dunkelblaues Auto in der Parkbucht am Deich. Marens Puls schnellte in die Höhe, gleich würde vermutlich Robert aus diesem Auto aussteigen.

„Hey, Maren, wie lange ist das alles her?“, Robert gab Maren die Hand und schaute ihr in die Augen.

„Eine halbe Ewigkeit.“

„Gehen wir?“

„Ja“, antwortete sie.

Er reichte ihr die Hand und wieder stiegen sie die Treppen zur Deichkrone hinauf. Schafe grasten auf dem Deich und Wellen rollten sanft an den Strand. Es war Flut.


Für H.