Sonntag, 14. März 2021

#006.8 – Sarah - Briefe

 

#006.8 – Sarah - Briefe


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Briefe


An einem Samstag vor zwei Wochen war der Parkplatz vor dem Supermarkt voller Autos gewesen. Zum Glück war Sarah mit ihrem Rad unterwegs und sparte sich dadurch den Kampf um die wenigen Parklücken und die aufgeheizte Stimmung zwischen den gestressten Autobesitzern. Entspannt hatte sie einfach das Rad in den Fahrradständer geschoben und ihren Einkauf erledigt.

Beim Zurückstellen des Einkaufswagens fiel ihr Blick auf eine auf dem Boden liegende dunkelbraune Ledergeldbörse mit aufwändiger Prägung. Sarah hob sie auf und blickte sich um, ob jemand in der Nähe war, der offensichtlich etwas Wichtiges suchte. Alle beschäftigten sich mit anderen Dingen, zum Beispiel damit, mit grimmiger Miene die Einkäufe einzuräumen oder banale Unterhaltungen über das geplante Mittagessen zu führen. „Möchtest Du lieber Kartoffeln oder Nudeln zu dem Gulasch essen, Karl-Heinz?“, fragte eine Frau in Sarahs Hörweite ihren mürrisch dreinblickenden Mann.

Sarah öffnete die Börse und schaute nach Hinweisen zu dem Besitzer. Tatsächlich lag ein zusammengefaltetes Arztrezept mit einer Adresse darin. Ansonsten waren die üblichen Dinge wie Bargeld und Bankkarten, allerdings kein Personalausweis, zu finden. Die Geldbörse gehörte einem Mann der in einem weiter entfernten Bundesland lebte, so schied die Möglichkeit aus, das Fundstück einfach innerhalb der Stadt zurückzubringen.

Sarah fragte noch einmal bei der Kassiererin im Supermarkt, ob ein Kunde bei ihr nach seiner Geldbörse gefragt hatte, was sie verneinte.

Okay, also werde ich die gute alte Post bemühen“, dachte sie, während sie mit ihren Einkäufen nach Hause radelte.

Nach dem Verstauen der Einkäufe, kramte sie ganz hinten in ihrer Schreibtischschublade nach ihrem Briefpapier.

Guten Tag Herr Schneider,

beim Einkaufen fand ich Ihre Geldbörse, die ich Ihnen hiermit im versicherten Versand zurück sende. Zum Glück hatten Sie das Rezept von Ihrem Arzt noch nicht eingelöst.....

Entschuldigen Sie meine Neugier, aber es ist gerade in der „C“-Zeit außergewöhnlich, dass jemand, der nicht in der Nähe des Supermarktes wohnt, in dieser Stadt unterwegs ist. Wären Sie mein „Nachbar“, hätte ich einfach bei Ihnen geklingelt und Ihnen Ihr Eigentum übergeben.

Herzliche Grüße von Sarah Behrens“

Die Tage vergingen und Sarah dachte nicht mehr an diese kleine Begebenheit.

An einem Donnerstag nach der Arbeit öffnete Sarah ihren Briefkasten und darin lag neben einem Werbeblättchen ein Briefumschlag aus gefüttertem Leinenpapier. Ihre Adresse hatte der Absender mit echter blauer Tinte geschrieben und der markante Schwung bei dem „S“ ihres Vornamens fiel sofort ins Auge. Dieser Brief sah aus, als hätte er sich aus dem letzten Jahrhundert in das Jahr 2021 verirrt.

Sarah hatte einen vollen Arbeitstag hinter sich und freute sich auf den Feierabend. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung lief sie an Spike, dem Kater, vorbei. Er machte gerade ein Schläfchen auf Frau Schulzes Fußmatte, träumte und wackelte dabei ein wenig mit seinen Katerohren.

Endlich auf dem Sofa angekommen, öffnete Sarah den Brief vorsichtig. Solche Art Briefe waren nicht dazu geeignet, einfach aufgerissen zu werden.

Liebe Sarah,

darf ich Sie Sarah nennen? Falls es Sie stört, bitte ich um Verzeihung für meine persönliche Anrede. Für mich passt Frau Behrens nicht so gut, weil ich Ihnen so unendlich dankbar dafür bin, dass Sie mir mein verlorenes Portemonnaie zugeschickt haben. Sie können mir glauben, dass ich ehrlich verzweifelt war, als ich den Verlust bemerkte. Sie haben sogar den versicherten Versand extra bezahlt, nicht zu vergessen, Ihre Mühe, alles gut zu verpacken und zu beschriften.

Ja, was hatte ich in Corona-Zeiten in Ihrer Stadt zu suchen? Das ist eine berechtigte Frage, die ich Ihnen gerne beantworte. Meine Schwester wohnt mit ihrer Familie in Ihrer Nähe und ab und zu besuche ich sie. Da die Blumenläden immer noch geschlossen sind, musste meine Schwester mit einem Standard-Supermarkt-Blumenstrauß vorlieb nehmen. Beim Einkauf ist mir die Börse wohl aus der Jackentasche gefallen. Eigentlich verschenke ich viel lieber andere Sträuße, die mit Liebe und Ideen gestaltet sind, aber es sind besondere Zeiten.

Das Wochenende bei meiner Schwester war unter anderem wegen des Verlustes meiner Geldbörse nicht so entspannt wie geplant, da ich meine Bankkonten sperren musste usw. Eigentlich war der Ausflug als Tapetenwechsel im ständigen Lockdown-Einerlei gedacht. Ich musste einfach einmal etwas anderes sehen und erleben. Vielleicht verstehen Sie das. Es geht wohl nicht nur mir so.

Für Ihre Mühe und Ehrlichkeit möchte ich mich gerne erkenntlich zeigen. Womit kann ich Ihnen eine Freude bereiten? Mögen Sie schöne Blumensträuße? Das ist vielleicht nicht so eine gute Idee, falls es einen Partner an Ihrer Seite gibt. Ich möchte Sie natürlich weder in Verlegenheit oder noch in Erklärungsnot bringen. Also, lieber etwas anderes, zum Beispiel einen Gutschein? Ich freue mich, wenn Sie mir einen Tipp geben, auf welche Weise ich mich bei Ihnen bedanken darf.

Bleiben Sie so (ehrlich), wie Sie sind, und ich freue mich, von Ihnen zu hören.

Ihr Thomas Schneider aus dem schönen Hessen“

Sarah las die Zeilen noch einmal .Ihr gefiel die harmonische Handschrift und die Sorgfalt, mit der dieser Brief geschrieben war.

Herr Schneider hatte keine Telefonnummer angegeben. Sie konnte ihm nicht per SMS auf seinen altmodischen Brief antworten oder anrufen.


 
Mein Buch habe ich gerade fertig gelesen und im Fernsehen läuft sowieso nichts Interessantes, nur jede Menge Informationen zur Pandemie, die in größerer Dosierung schlechte Laune verbreiten“, dachte Sarah, „also, schreibe ich einen Brief an Herrn Schneider und eine Briefmarke gibt es in den Tiefen meines Schreibtisches auch noch irgendwo.“

Wieder holte Sarah das Briefpapier aus ihrer Schublade. Der Füller in dem alten Federmäppchen war eingetrocknet, aber es gab noch Tintenpatronen. Das Schreibgerät musste unter fließendem Wasser und mit einiger Mühe erst wieder im Leben erweckt werden.

Warum schreiben wir heutzutage so selten richtige Briefe?“ fragte sich Sarah, „es ist echte Entschleunigung und total schön.“

Mit der Teetasse neben sich, fing Sarah an zu schreiben.

Lieber Thomas,

Ihre Form der Anrede nehme ich gerne auf. Sie dürfen mich natürlich mit „Sarah“ ansprechen. Es ist lange her, dass ich so einen charmanten Brief bekommen habe.

Dass Sie Ihr Eigentum von mir zurück bekommen haben, finde ich selbstverständlich. Dafür müssen Sie mir nichts schenken. Diese üblichen Gutscheine des großen Onlineversenders sind aus meiner Sicht sehr unpersönlich. Nein, für mich muss dieser Online-Händler, der fast keine Steuern zahlt und während der Pandemie immer reicher wird, nicht noch extra verdienen. Was natürlich nicht bedeutet, dass ich nie etwas dort bestelle, ab und zu passiert es schon, aber nicht ständig. So politisch wollte ich an dieser Stelle gar nicht werden.

Mit einem Blumenstrauß würden Sie mich nicht Verlegenheit bringen, da ich momentan Single bin. Blumen kaufe ich mir manchmal selbst, um den Frühling in meiner Wohnung einziehen zu lassen. Diese Corona-Zeiten schlagen mir – wie den meisten – öfter auf die Stimmung, von daher kann ich den Wochenend-Ausflug zu Ihrer Schwester gut nachvollziehen. Ich war in den letzten Monaten immer in meiner vertrauten Umgebung und dabei ist mir manchmal die Decke auf den Kopf gefallen.

Den Ort, in dem Sie leben, kenne ich ganz gut. Eine gute Freundin von mir hat dort vor vielen Jahren studiert und ich war öfter bei ihrer damaligen WG zu Besuch. Abends haben wir die Stadt unsicher gemacht, waren unter anderem in der kultigen Jazz-Kneipe oder in den Programm-Kinos unterwegs. Mein Spruch zu diesen kleinen Kinos war immer:

Dort werden Filme gezeigt, die Preise gewinnen, die keiner kennt. :-)

Diese aus der Zeit gefallenen plüschigen Kinos sind aber typisch für Ihre Heimatstadt. Hoffentlich überleben sie die Pandemie.

Es hat mir Spaß gemacht, auf Ihre Zeilen zu antworten. Wenn Sie mögen, können wir uns gerne ab und zu richtige Briefe schreiben und Sie erzählen mir zum Beispiel, wie sich Ihr Heimatstädtchen entwickelt hat.

Sind Sie auch manchmal vor den Corona-Schließungen in der besagten Jazz-Kneipe gewesen und haben den in sich gekehrten Jazz-Musikern zugehört, die anscheinend mit ihren Instrumenten verwachsen sind? Gibt es noch die Trödel- und Second-Hand-Läden und die vielen Studenten-Kneipen? In Letzteren habe ich lustige Abende verlebt.

Bleiben Sie gesund und ich freue mich, wenn Sie mir auf diesen Brief wieder ganz altmodisch auf Papier, mit Umschlag und Briefmarke antworten. Das fühlt sich für mich an wie eine Insel im bewegten Ozean der „C“- Zeit. So ähnlich, als würde ich ein altes Schmuckkästchen öffnen und darin die alten goldenen Manschettenknöpfe meines Vaters wieder finden, die er zu besonderen Anlässen getragen hat.

Ihre Sarah“

Nachdenklich blickte Sarah vor sich hin, las den Brief noch einmal und legte ihn gefaltet in einen Umschlag. Sie würde ihn morgen auf dem Weg zur Arbeit in den Briefkasten werfen.

Chris Botti - Cinema Paradiso: Love Theme - 8/13/2006 - Newport Jazz Festival (Official)

Fortsetzung folgt

Freitag, 5. März 2021

#004.14 – Marie – kalter Frühling

 

#004.14 – Marie – kalter Frühling


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Marie, wie sich der
nahende Frühling im Lockdown anfühlt.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Kalter Frühling


Die Sonne schien und der Himmel strahlte in einem frischen Blau. Vögel sangen fröhlich und die Eisreste auf den Autoscheiben schmolzen langsam dahin.

Spike startete gerade seine Morgenexpedition nach draußen. Frau Schulze in dicker Winterjacke, mit einer Mülltüte in der einen Hand, hielt ihm die Eingangstür auf und er verschwand wie ein Rentner-Kater-Blitz hinter in den Büschen. Es war Samstagmorgen und die meisten Bewohner des Hauses schliefen noch.

Marie blinzelte ein wenig und war noch in ihren Träumen gefangen. Sie hatte von dem großen Fluss geträumt. Dort hatten Christian und sie sich vor mehr als einem Jahr zu einem Spaziergang verabredet und das erste Mal geküsst.

Gestern Abend hatten sie sich richtig gestritten. Marie hatte sich spätabends wieder auf den Weg zu ihrer Wohnung gemacht. Dabei hatte sie im Auto während der Fahrt die eine oder andere Träne vergossen.

Lag es an diesem Lockdown? Oder war in ihrer Beziehung einfach Sand im Getriebe?

Marie ging zum Fenster, öffnete es und ließ die kalte und klare Morgenluft in ihr Schlafzimmer. Draußen schwirrten Vögel umeinander herum.

Kaffee ist jetzt genau das Richtige“, dachte sie und ging in die Küche.

Sie dachte an den Frühling vor zwei Jahren. Sie war Single gewesen und hatte sich mit Freundinnen und ihrem besten Kumpel nach Lust und Laune abends auf einen Feierabend-Wein treffen können. Außerdem gab es diesen Mann, mit dem sie ein bisschen geflirtet hatte. Im Nachhinein betrachtet schienen es Begebenheiten vor einer Zeitenwende gewesen zu sein. Damals hatte sie ihre Freundinnen bei den Treffen noch umarmt, und den Mann, für den sie sich interessierte und der ihr so nette Dinge erzählte, natürlich auch. Sie hatte sich nichts dabei gedacht, und es überhaupt in Erwägung gezogen, dass diese Sorglosigkeit ein Jahr später nicht mehr möglich war. Und nach einem weiteren Jahr immer noch nicht.

Sie schaltete das Radio ein. Ein Mann erzählte dem Moderator am Telefon, dass er nächste Woche einen Friseurtermin bekommen habe und gerade aussähe wie ein „Monchichi auf Koks“. Marie lachte, als sie sich einen Affen aus Plüsch mit Haarschleife auf dem Kopf im Drogenrausch vorstellte. Ihre Frisur war auch ziemlich zusammengefallen, meistens trug sie einen Pferdeschwanz. „Ich werde nächste Woche einen Friseurtermin vereinbaren, das ist bestimmt stimmungsaufhellend.“


Was war gestern nur los gewesen? Sie hatte eine anstrengende Arbeitswoche gehabt und Christian war verärgert gewesen, dass ein wichtiger Auftrag storniert worden war. Dazu noch eine Prise Lockdown-Tristesse und schon gab ein Wort das andere.

Es war das erste Mal, dass sie so unversöhnlich auseinander gegangen waren. Christians Wohnungstür hatte sich laut hinter Marie geschlossen, als sie die Wohnung verließ.

Heute morgen vermisste sie ihn schon wieder und überlegte, was genau der Auslöser ihres Streits gewesen war.

Was macht diese Zeit nur mit uns?“, überlegte sie, während sie die Kaffeedose aus dem Schrank holte, „wie angespannt alles ist: Privat, im Job und in der Welt. Wir sind alle mehr oder weniger Lockdown-Zombies oder wahlweise Plüschaffen auf Koks, nicht nur auf dem Kopf sondern auch im Kopf.“

Es klingelte an ihrer Wohnungstür.

Marie“, die Stimme klang bedrückt durch die Sprechanlage, „ich fühle mich schrecklich und habe heute Nacht kein Auge zugemacht. Wie wäre es mit einem Frühstück? Ich habe Brötchen dabei.“

Marie zögerte eine Sekunde und drückte den Knopf, um Christian hineinzulassen.

Ich sehe furchtbar aus“, dachte sie und schaute an ihrem alten Minnie Mouse Schlafshirt herunter, „geschlafen habe ich auch wenig, vielleicht dreht er sich gleich auf dem Absatz wieder um.“

Marie“, er stand etwas atemlos vor ihrer Wohnungstür, „was war das gestern? Heute morgen dachte ich, ich drehe durch.“

Komm doch rein“, antwortete sie und verlagerte ihr Gewicht verlegen von einem Bein auf das andere, „keine Ahnung, was das war. Kein Licht am Ende des Lockdown-Tunnels und Dein stornierter Auftrag, plus meine seltsame, stressige Arbeitswoche vielleicht? Wie findest Du eigentlich meine Frisur?“

Christian konnte sich ein Lachen nicht verkneifen: „Wenn Du gerade aufgestanden bist, mag ich Dich am liebsten anschauen, egal, ob Deine Haare länger sind als sonst.“

Sehr charmant, aber das kannst Du doch nicht ernst meinen. Ich möchte so gerne wieder ausgehen, ein schönes Kleid anziehen, toll gestylt sein und ohne ein Stück Stoff im Gesicht Spaß haben. Alles erscheint gerade sehr trübe und hoffnungslos.“

Auch das geht vorbei“, sagte er leise.

Das hat Regine neulich gesagt. Sie sagte, es sei ein Spruch von ihrer Oma.“

Regines Oma hat Recht. Entschuldige, dass ich gestern so gereizt war. Ich möchte mich überhaupt nicht mit Dir streiten. Worüber eigentlich? Ich bekomme es nicht mehr zusammen.“

Ich auch nicht. Nachher rufe ich bei meiner Friseurin an. Das ist doch ein guter Plan.“

Frühstück? Oder verschieben wir das auf später?“, fragte er leise.

Später“, flüsterte Marie.

Chris Botti: No Ordinary Love

Fortsetzung folgt


Sonntag, 28. Februar 2021

000.6 - Ein Nachmittag im Wald

 000.6 - Ein Nachmittag im Wald


Liebe Leserinnen und Leser, 

heute hatte ich das große Glück, in netter Gesellschaft einen langen Spaziergang im Wald, unter anderem mit diesem Fellknäuel, unternehmen zu dürfen. 

Das hat in den tristen Zeiten des Lockdown richtig gut getan. 

Eine schöne Woche wünsche ich. Freut ihr euch auch so sehr auf den Frühling? 

Liebe Grüße von der Autorin 

Mittwoch, 24. Februar 2021

#004.13 – Marie – Melancholie

 

#004.13 – Marie – Melancholie

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Marie, wie
sich der zweite zähe Lockdown im Winter anfühlt.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Melancholie



Der Mond schien durch den Spalt der Jalousie. Es war still draußen. Nur Spike, der Kater, war noch unterwegs und lief auf leisen Pfoten über den Rasen. 

Es war Feierabend und Marie hatte sogar vorhin ihr Fahrrad aus dem Keller geholt, um damit zum naheliegenden Supermarkt zu fahren. In den letzten Wochen hatte das Rad unbenutzt im Fahrradkeller gestanden, Reifendruck verloren und vom Frühling geträumt.

Nach der kalten ausklingenden Winterphase hatte plötzlich ein Hauch von Frühling Einzug gehalten. Nachbarn unterhielten auf dem Grundstück wieder ausgiebiger miteinander – natürlich in dem gebotenen Corona-Abstand – und tauschten sich über Banalitäten oder wahlweise die Weltlage aus.

Marie hatte die Sonnenstrahlen auf dem Weg zum Supermarkt genossen und beim abendlichen Abwasch schnulzige Soulmusik gehört. Eine Welle der Melancholie schwappte in ihr Gemüt. Das Album des Künstlers hatte sie schon lange nicht mehr gehört und es berührte sie jedes Mal, egal wie oft die Songs schon an ihr Ohr gedrungen waren.

Sie dachte an ein Buch, was sie einmal gelesen hatte. Darin wurde unter anderem eine Frau beschrieben, die nicht gut sehen konnte, aber durch eine OP wieder mehr Sehkraft erlangt hatte. Diese Frau genoss jeden Abwasch, weil sie sich an dem bunten Seifenschaum erfreute, den sie nun endlich richtig erkennen konnte. Marie ging diese kleine Schilderung unter die Haut, zeigte diese Geschichte doch, wie wenig die meisten Menschen im Gegensatz zu der Heldin der Seifenblasen die kleinen Wunder des Alltags beachteten.

Durch den andauernden Lockdown bestand das Leben aus sehr viel grauem Alltag – vermeintlich ohne Wunder, Anregungen und Erlebnisse.

Maries Telefon brummte. Es war ihre beste Freundin.

Hey, Marie, wie geht’s? Sehen wir uns nächstes Wochenende? Wir könnten spazieren gehen.“

Ja, gerne. Ich hänge gerade ein bisschen durch. Wenn es so warm bleibt, könnten wir eine Art Picknick mit einer Thermoskanne Kaffee und paar Sachen zum Knabbern machen. Aber eigentlich hätte ich mehr Lust, mit Dir ins Kino zu gehen und anschließend einen Wein in unserer Lieblingskneipe zu trinken. Wie gesagt, ich bin gerade ein wenig melancholisch.“

Das kann ich verstehen. Mir geht es ähnlich, aber es ist nicht zu ändern. Kino und Wein holen wir nach.“

Du hast ja Recht. Also, lass uns einen Spaziergang machen und einen Kaffee auf einer Bank im Wald zusammen trinken“, sagte Marie und dachte wieder an die Geschichte der Frau, die sich an den Seifenblasen im Abwaschwasser erfreute, „dann sehen wir uns am Samstag Nachmittag.“

Mache es gut und grüble nicht so viel. 'Auch das geht vorbei' sagte meine Oma immer und sie hat Recht. Bis Samstag“, mit diesen Worten verabschiedete sich die Freundin.

Okay, Lockdown-Abendprogramm“, dachte Marie, „gleich noch Christian anrufen, dann eine Gesichtsmaske im Bad auftragen, im Bett das Hörbuch weiter hören und dabei einschlafen. Das klingt spannend wie eingeschlafene Füße.“

Auch das geht vorbei …..

Bob James Quartet "Feel like making Love" Live at Java Jazz Festival 2010

Fortsetzung folgt


Freitag, 19. Februar 2021

#001.3 Spike – Erwachen

 

#001.3 Spike – Erwachen


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)



Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Spike, was sich im Angesicht der Pandemie am Ende des Winters bei seinen menschlichen Mitbewohnern abzeichnet.
Spike ist der Hauskater von allen Bewohnern und lebt überall
auf dem Gelände der Hausgemeinschaft.

Erwachen


Spike, der alte Kater, lag entspannt neben der Eingangstür. Er drehte langsam seinen Kopf nach rechts. Etwas fesselte seine Aufmerksamkeit. Es war ein kleiner Käfer, der gemächlich über die Steine in Richtung Blumenbeet krabbelte. Ohne Eile, aber ein bestimmtes Ziel fest im Blick, bewegte sich das Krabbeltier voran. Spike hingegen hatte gar keine Lust auf Bewegung.

Nach einer gefühlten langen Phase von Kälte, Nässe und eisigem Wind waren von dem Schnee nur noch kleine Reste übrig geblieben, aus denen Wasserrinnsale liefen. Die Sonne hatte Kraft und wärmte in geschützten Ecken die Steine, auf denen sich Spike gerne niederließ. Nein, sein gemütliches sonniges Plätzchen zu verlassen, kam ihm nicht in den Sinn.



Ein Mann mit einem Paket näherte sich der Eingangstür. Spike wackelte ein wenig mit seinen Katerohren. Der Mann lief im Gegensatz zu dem kleinen Krabbeltier von eben sehr zügig den Weg entlang.

Warum bestellen Menschen bloß so viel Zeug? Kannst Du mir das sagen?“ Diese Frage richtete der Mann mit der gelben Weste an Spike. Spike schaute den Mann interessiert an.

Du brauchst gar nichts zu sagen. Ich weiß es auch so. Sie langweilen sich und bestellen sich deshalb Sandwichtoaster, Heizdecken, Deko-Figuren, Klamotten und das fünfzigste Paar Schuhe, das im Schrank verstaubt. Und ich renne von Tür zu Tür, um diesen Schrott zu verteilen“, knurrte der Mann in seinen nicht vorhandenen Bart.

Er drückte eine Klingel, wischte seinen Unmut weg und säuselte freundlich in die Sprechanlage: „Ich habe ein Paket für Familie Müller.“

Dem Paketboten wurde Einlass gewährt und Spike reagierte darauf, indem er langsam eine Pfote nach vorne streckte, als wollte er noch mehr von dem gewärmten Stein spüren.

Es war gerade die Zeit des Übergangs zwischen Winter und Frühling. Die Bewohner des Mehrfamilienhauses, eingepackt in dicken Winterjacken und Schals, trugen in den Taschen und Körben mit Lebensmitteln auch Blumentöpfe mit Blüten in allen erdenklichen Farben nach Hause. Alle sehnten sich nach Wärme, auch nach zwischenmenschlicher Nähe, da die Menschen wegen der Lockdown-Regeln wochenlang auf Abstand gegangen waren. Der Alltag der meisten Bewohner war in den letzten Monaten sehr eintönig gewesen. Das ausschließliche Pendeln zwischen dem Arbeitsplatz, dem Supermarkt, und einem Spaziergang ab und zu hatte eine gewisse Leere in den Herzen und den Gemütern hinterlassen.

Der Paketbote lief durch die Eingangstür nach draußen und hockte sich für einen Augenblick neben Spike. Er kraulte ihn hinter den Ohren.

Du hast es gut, Alter. Liegst einfach hier herum und lässt Dir die Sonne auf den Pelz scheinen. In meinem nächsten Leben werde ich auch eine Katze.“ Dann war der Mann verschwunden und es kehrte wieder Ruhe ein.

Die hübsche blonde Frau war die nächste, die mit Taschen beladen, an Spike vorbei ging.

Hallo Spike.“

Sie stellte die Taschen ab und widmete sich dem Kater. Dann klingelte ihr Telefon.

Ja, hallo. Doch heute Abend passt perfekt. Ich freue mich“, sagte sie und strahlte über das ganze Gesicht.

Spike, der Frühling kommt. Das spüre ich und Du auch, oder? Was werden wir wohl alles anstellen?“, sie lächelte verschmitzt, „fangen wir doch gleich heute damit an. Was meinst Du?“

Spike schloss die Augen, nachdem sie im Haus verschwunden war und träumte vom Frühling, warmen Plätzchen zum Innehalten und Ausruhen und von Kater-Abenteuern.

Diana Panton - Fly me to the moon

Fortsetzung folgt


Samstag, 6. Februar 2021

#004.12 – Marie – innerer Kompass

 

#004.12 – Marie – innerer Kompass


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Marie, wie
sich der zweite zähe Lockdown im Winter anfühlt.
Sie wohnt im Dachgeschoss links. 

Innerer Kompass


Es war kalt im Treppenhaus. Ein eisiger Wind fegte durch die Ritzen der Eingangstür. Der Wind brachte winzige Schneeflocken mit, die vor der Tür einen dünnen weißen rutschigen Belag bildeten. Spike, der Hauskater des Mehrfamilienhauses, hatte es sich in seiner Box in der Ecke auf dem Absatz zum 1. Stockwerk bequem gemacht und machte ein Schläfchen. Selbst ihm war es draußen gerade zu kalt.

Marie kam an diesem Freitag Nachmittag von der Arbeit nach Hause und öffnete ihren Briefkasten. Darin fand sich nur ein Werbeblättchen eines Pizzadienstes. Ihre Nachbarin Sarah kam die Treppe herunter.

Hallo Sarah, was für ein Wetter, oder? Ich freue mich schon auf meine warme Wohnung und mein Sofa.“

Hey, Marie, ja stimmt. Ich muss leider noch einmal weg und habe lange überlegt, wie viele Schichten Kleidung angebracht sind.“

Wollen wir uns morgen Nachmittag mal auf einen Kaffee bei mir treffen? Mir fällt langsam ein bisschen die Decke auf den Kopf. Was meinst Du, Sarah?“

Das ist doch eine nette Idee, nachmittags um drei? Dann habe ich meinen geplanten Wochenendeinkauf bestimmt erledigt. Soll ich etwas zum Naschen mitbringen?“

Ich wollte sowieso backen, um mich vom Bürostress dieser Woche zu erholen. Komme einfach vorbei. Ich freue mich,“

Ich muss los, bis morgen, Marie.“

In ihrer Wohnung angekommen, seufzte Marie vor Erleichterung, als sie ihre Wohnungstür abschloss. Es war still, bis auf Windgeräusche.

Jetzt einen Tee, nachher die Nachrichten und ansonsten nur das Sofa, meine kuschelige Decke und mein Buch“, waren ihre Gedanken.

In den Nachrichten wurde wie seit Monaten das alles beherrschende Thema Corona behandelt. Wie ein zäher Grauschleier zogen Infektionsgeschehen, Inzidenz- und R-Werte durch das Wohnzimmer. Marie schaltete den Fernseher aus und beschloss, gleich ins Bett zu gehen, die Decke über den Kopf zu ziehen und statt zu lesen, ein Hörbuch zu hören, bei dem sie garantiert einschlafen würde.

Am nächsten Tag um drei Uhr klingelte es an ihrer Wohnungstür. Der Duft von frisch gebackenen Kuchen hing in der Luft. Da Marie ihre Nachbarin schon öfter privat getroffen hatte, wusste sie, dass Sarah zuckerfrei lebte und hatte Bananen-Muffins mit Rosinen gebacken.


Sarah stand mit einem kleinen Primelblumentopf vor der Tür.

Komm doch herein.“

Gerne, hier im Flur ist auch verdammt kalt.“

Der Blumentopf wurde überreicht und Marie stellte ihn auf ihren kleinen Wohnzimmertisch.

Vielen Dank für den Frühling im Topf, das baut mich auf.“

Es ist echt schwer, seinen Optimismus angesichts der Nachrichtenlage und der Winterkälte zu behalten. Die Pandemie und der Lockdown ziehen sich wie ein altes durchgekautes Kaugummi in die Länge und nachher soll es noch richtig viel Schnee geben. Ich habe vorhin so viele Lebensmittel eingekauft, dass ich das Haus in den nächsten Tagen nicht mehr verlassen muss. Zum Glück arbeite ich nächste Woche zu Hause“, sagte Sarah.

Mein Plan ist so ähnlich. Ich fahre nachher noch zu meinem Freund und er hat gerade am Telefon von seinem vollen Kühlschrank erzählt. Übrigens, Deinen Kettenanhänger finde ich total schön. Woher hast Du ihn? Er sieht aus wie ein besonderes Urlaubssouvenir oder Geschenk.“

Sarah trug einen kleinen silbernen Kompass an einem kürzeren schwarzen Lederband um den Hals. Sie nahm sich einen Muffin von dem Teller mit dem Goldrand, ein Erbstück von Maries Großmutter.

Das sieht köstlich aus, danke. Die Kette habe ich mir selbst geschenkt. Sie soll mich daran erinnern, mich an mir selbst und meinen eigenen Werten zu orientieren anstatt mich von den Meinungen und Ansichten anderer überrennen zu lassen. Leider meinten es einige Menschen in der Vergangenheit nicht immer gut und wollten mich ab und zu manipulieren. Dann ist es für mich eine gute Strategie, erst einmal in meine innere Mitte zu schauen und das, was mir aufgetischt wird, zu überprüfen. Daran soll mich der Kompass immer wieder erinnern.“

Das klingt interessant. Gab es denn aktuell bei Dir Vorkommnisse dieser Art? Ich bin zwar neugierig, aber erzähle es nur dann, wenn Du darüber reden möchtest.“ Marie sah ihre Nachbarin erwartungsvoll an. 

Ich habe mich in den letzten Wochen ein wenig mit dem Thema Online Dating beschäftigt. Das sagt, glaube ich, schon alles. Wobei ich nicht jeder Person, die dort auftaucht, böse Absichten unterstellen möchte. Es tummeln sich aber, sagen wir es einmal so, seltsame Zeitgenossen dort. Eine spannende Erfahrung.“

Echt? Ich habe noch nie online geflirtet und hatte wahrscheinlich  Glück, meinen Traummann einfach in meinem normalen Alltag  kennenzulernen.“ Marie schaute, während sie das sagte, nachdenklich vor sich hin.

Ich glaube nicht, dass Du einfach nur Glück hattest. Meine Erfahrung, die sich immer mehr bestätigt, ist, dass sich im Außen immer Dein innerer Zustand widerspiegelt. Konkret gesagt, wer sich selbst nicht liebt, wird weder online noch offline ein liebevolles Gegenüber treffen. Alle Begegnungen halten uns Spiegel unseres eigenen Innenlebens vor und können uns sehr herausfordern.“

Marie überlegte und sagte dann: „Du hast recht. Christian rief prompt bei mir an, als ich mit mir und meinem Leben im Reinen war und wir sind sehr glückiich. Mit Selbstliebe hat es viel zu tun, das stimmt. Wer sich selbst liebt, schließt toxische, manipulative Menschen aus dem Umfeld aus.“

Ich war wohl in einigen Bereichen noch nicht so weit wie Du. Wahrscheinlich sind bei mir noch ein paar Dinge zu klären. Auf jeden Fall gab es interessante Begegnungen. Darüber könnte ich ein Buch schreiben“, Sarah grinste.

Wie läuft es denn praktisch ab, wenn man auf so einem Portal online präsent ist?“

Na ja, ich habe ein Profil erstellt und mich natürlich ein wenig umgesehen, wer dort unterwegs ist. Viele scheinen schon auf den ersten Blick ausschließlich auf eine kurze Affäre aus zu sein, was an sich nichts Verwerfliches ist, wenn sich die passenden Menschen treffen. Dann konnten dort Nachrichten versendet und Favoriten hinterlegt werden. Teilweise waren die Nachrichten so seltsam, dass ich oft gar nicht geantwortet habe, obwohl ich eigentlich ein höflicher Mensch bin. Aber wenn ich gleich beim ersten Kontakt nach meinen Vorlieben in Sachen Dessous gefragt werde, finde ich das sehr befremdlich.“

Das kann ich verstehen. Darauf hätte ich auch nicht geantwortet.“

Es gab auch einen Mann, mit dem ich vor dem Lockdown zum Essen verabredet war, der für ein auf den ersten Blick blitzsauberes Unternehmen arbeitet, das aber anscheinend in illegale Waffengeschäfte verwickelt war. Das hat im Nachhinein eine Freundin für mich durch intensive Internetrecherche herausgefunden. Das war eine echte Räubergeschichte, finde ich. Den Mann wollte ich nach dem ersten Treffen nicht mehr wiedersehen und habe die Sache höflich beendet. Er hat mich dann aber ein zweites Mal angeschrieben und zu einem feinen Essen eingeladen, weil er sich mein Synonym nicht gemerkt hat. Das war denn der lustige Teil“, erzählte Sarah.

Marie lachte los: „Das kann doch nicht wahr sein. Anscheinend war dieser Typ in Sachen Dating auch noch schlecht organisiert.“

Ansonsten gab es einige absurde Chats, die ich dann auch beendet habe. Es gibt wirklich Männer, die gedanklich in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts leben. Einer von ihnen schrieb mir, er sei der Meinung, dass Frauen keine Entscheidungen treffen sollten, das sei Männern vorbehalten. Frauen sollten sich sinngemäß auf ihre naturgegebene Rolle konzentrieren“, Sarah musste auch lachen.

Diese Auffassung ist in der Tat aus der Zeit gefallen. Ich wusste gar nicht, dass es solche Männer in unserer Generation noch gibt“, Marie war ziemlich überrascht.

Mit einem Mann hatte ich dann wirklich mehr zu tun. Wir hatten eine schöne, intensive Zeit zusammen. Im Endeffekt hat es doch nicht gepasst, aber so ist das Leben. Es wird bestimmt noch der Richtige kommen“, sinnierte Sarah, „allerdings werde ich im echten analogen Leben danach Ausschau halten. Ich glaube, die vermeintliche Fülle an Möglichkeiten online verhindert eine wirklich echte, tiefe Bindung. Wie ein Schmetterling kann man von Blume zu Blume fliegen, ohne sich festzulegen oder ehrlich zu investieren. Letztendlich ist jedes „Date“ aber auch nur ein Mensch mit Stärken und Schwächen.“

Der Kompass ist ein gutes Bild dafür, finde ich“, sagte Marie, „erst einmal braucht man einen Plan, in welche Richtung der eigene Weg gehen soll, und welche persönlichen Werte im Vordergrund stehen. Daran kann alles Weitere – auch in der Liebe – ausgerichtet werden. Soll ich noch Kaffee machen oder sollen wir darauf mit einem Sekt anstoßen?“

Sekt ist eine sehr gute Idee“, antwortete Sarah.

Marie holte zwei Sektgläser aus dem Schrank und eine Sektflasche aus dem Kühlschrank in der Küche.

Auf die Liebe und das Leben“, sagte Marie und hob das Glas.

Auf die Liebe und das Leben“, wiederholte Sarah, „und alles, was noch kommen wird.“

Kygo - Happy Now ft. Sandro Cavazza (Official Video)


Fortsetzung folgt

Samstag, 30. Januar 2021

#004.11 – Marie – Schneeschmelze

 #004.11 – Marie – Schneeschmelze

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Marie, wie
sich der zweite sehr zähe Lockdown anfühlt.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Schneeschmelze


Tropfende Geräusche weckten Marie an diesem Samstagmorgen Ende Januar. Durch die Jalousie sickerten Sonnenstrahlen und ließen einen blauen Himmel erahnen.

Marie rieb sich die Augen und blinzelte. Das geblümte Kissen auf der anderen Bettseite war der einzige Gast in ihrem Bett. Sie stand auf, lief zum Fenster und öffnete die Jalousie. Gestern hatte es geschneit und der Schnee hatte alles mit einer weißen Puderzuckerschicht überzogen. Der Schnee war tatsächlich über Nacht liegen geblieben und strahlte mit der Sonne um die Wette. Vom Balkongeländer fielen rhythmisch Wassertropfen auf den Rand eines Blumentopfes mit der Minze, die Marie noch bis in den Dezember letzten Jahres hinein geerntet hatte.

Wie schön“, dachte sie.

Der Natur war der Lockdown einerlei, Im Gegensatz dazu waren in den letzten Wochen zwischenmenschliche Stimmungen zunehmend gereizter geworden. Ob am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder im privaten Umfeld neigten die Menschen zu Überreaktionen. Das hatte Marie, besonders nach den Weihnachtsfeiertagen, verstärkt beobachtet. Sie selbst hatte sich auch öfter dabei ertappt, gereizt und genervt auf Kleinigkeiten zu reagieren. Der Lieblingsjoghurt im Supermarkt war ausverkauft? Welches Drama.... Oder der Kollege, mit dem Marie sonst gut auskam, hatte neulich vergessen, ihr ein Dokument zur Verfügung zu stellen, was sie für ihr aktuelles Projekt brauchte. Sie hatte daraufhin mit einem unfreundlichen Spruch reagiert und ein Wort hatte das nächste nach sich gezogen. Es war ein absolut sinnloser destruktiver Dialog dabei entstanden. Am Ende entschuldigte sich Marie bei ihrem Kollegen für ihre unfreundliche Kommunikation und hatte abends zu Hause darüber nachgedacht, dass sie in den Zeiten ohne Lockdown viel entspannter gewesen war.

Heute strahlte der Himmel als gäbe es keine Probleme auf dieser Welt, alles war in goldenes Licht getaucht und der Himmel zeigte sein schönstes sauberstes Blau.

Es ist Wochenende“, dachte sie, „ich möchte jetzt einen Kaffee im Bett trinken und dann einen Plan für diesen Tag entwerfen.“

Für Aktivitäten gab es allerdings  wenige Möglichkeiten. Die Geschäfte – außer Drogeriemärkte und Lebensmittelgeschäfte – waren geschlossen. Kinos, Restaurants und Theater waren ebenfalls im Winter- bzw. Lockdown-Dörnröschenschlaf verwaist und leer. Diese Leere spürte Marie in letzter Zeit immer schmerzlicher. Sie sehnte sich danach, sich im Kino in eine andere Welt entführen zu lassen und dabei Popcorn zu knabbern. Auch mit Christian in der letzten Reihe zu sitzen und wie ein Teenager mit ihm während des Films zu knutschen, war gerade nicht möglich.

Überhaupt Christian … gestern hatte er noch lange gearbeitet und war nicht mehr bei ihr vorbei gekommen. Während Marie in der Küche das Espresso-Kännchen und den kleinen Milchtopf auf ihren Herd stellte, überlegte sie, ob er wohl schon wach war. Wahrscheinlich nicht, er schlief bestimmt noch, um sich von seiner langen und anstrengenden Arbeitswoche zu erholen. Sie vermisste seine Nähe in diesem Moment. „Hör auf zu grübeln“, befahl sie sich selbst, „es ist doch eigentlich alles gut.“

Das Wort „eigentlich“ war das Problem und färbte den Alltag ab und zu grau. Die Tage und Wochen waren – vor diesem strahlenden Tag mit dem Schnee – in unterschiedlichen Abstufungen angegraut gewesen. Es war dunkel, oft nass und kalt. Außerdem verdeckten in Bussen, Bahnen und in Geschäften Mund-/Nasenmasken die Hälfte der Gesichter der Menschen, ein Lächeln in den Augen war selten zu erkennen. Jeder lebte mit seinen ganz eigenen Herausforderungen in seinem Tunnel und schaute weder nach links noch nach rechts.

Marie vertrieb die trüben Gedanken und widmete sich wieder der Kaffeezubereitung. „Ich werde Christian nachher anrufen. Vielleicht sehen uns heute Abend.“ Kaffeeduft durchzog die Küche und sie freute auf ihr gemütliches Frühstück im warmen Bett. Außerdem lag noch ein ungelesener spannender Krimi auf ihrem Nachtschrank.

Durch das Küchenfenster beobachtete sie ihre Nachbarin Frau Schulze, die draußen gerade überprüfte, ob der Hausmeister bei der Schneeräumung auf den Wegen ordentlich gearbeitet hatte. Anscheinend nicht, denn Frau Schulze schüttelte unzufrieden ihren Kopf. Spike, der Kater, bog um die Ecke und hinterließ seine Pfotenabdrücke im Schnee. Tatsächlich hatte Frau Schulze ein Leckerli in ihrer Jackentasche für ihn und sie lächelte sogar für einen kurzen Moment.

Wie man es dreht und wendet, es sind immer die kleinen Dinge, die den Tag erhellen, während des Lockdowns ganz besonders“, war Maries Gedanke dazu.

Maries Telefon brummte.

Guten Morgen, mein Schatz. Bist Du schon wach? Letzte Nacht habe ich von Dir geträumt und stellte gerade fest, dass Du gar nicht bei mir bist... sehr schade. Sehen wir uns heute Abend?“

Zwei Liebende, ein Gedanke“, sinnierte Marie, „irgendwann wird diese düstere Schwere der Pandemie verschwunden sein. Der sonnige Tag heute ist kleiner Vorgeschmack darauf. Das Grau und die innere verzweifelte Kälte werden so der Schnee auf meinem Balkongeländer schmelzen und der Takt der herabfallenden Wassertropfen eine neue Melodie erschaffen.“ Marie lächelte und schaltete das Küchenradio ein. Der Sender spielte passenderweise gerade

Kygo - Sunrise ft. Jason Walker

Zufall? Nein, ganz sicher nicht. :-)

Fortsetzung folgt

Anmerkung der Autorin:

Liebe Leserinnen und Leser,

nach einer kurzen kreativen Pause gibt es hier wieder regelmäßig Blogbeiträge.

Ich hoffe, Ihr seid alle gut in das neue Jahr gestartet und gesund und munter.

Genießt die kleinen, schönen Momente und schenkt Euren Mitmenschen ab und zu ein Lächeln.

In diesem Sinne alles Liebe von der Autorin