Sonntag, 17. Mai 2020

#005.1 – Sarah - Schokokuchen mit flüssigem Schokoladenkern

#005.1 – Sarah - Schokokuchen mit flüssigem Schokoladenkern

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)




Heute starte ich meine Reihe über das Thema zuckerfrei leben.
Sarah möchte ihre Ernährung umstellen und Süßigkeiten und den Zucker,
der oft Lebensmitteln als Geschmacksträger zugefügt wird,
aus Ihrer Küche und ihrem Leben verbannen.
Sie wohnt im 2. Stock rechts. 



Bestandsaufnahme





"Hallo, ich bin Sarah. Und ich bin zuckersüchtig.“
Nein, keine Angst, wir sitzen hier nicht in einer Art Stuhlkreis und erzählen uns gegenseitig Horrorgeschichten über Abstürze und persönliche Katastrophen. Also beginnen wir noch einmal:
Ich bin Sarah und wohne in einem Mehrfamilienhaus mit anderen Nachbarn und dem Kater Spike. Ich hatte irgendwann vor mehr als zwei Jahren festgestellt, dass ich anscheinend ohne dieses süße Zeug im Essen nicht wirklich existieren konnte. Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber ich war in dieser Hinsicht ferngesteuert (in Richtung Naschvorräte im Küchenschrank).
Zu dem Zeitpunkt hatte ich ein normales Gewicht, war gesund und konnte, ohne zu schnaufen, längere Zeit Rad fahren oder die Treppe zu meiner Wohnung hoch laufen. Also, alles unauffällig. Das einzige, was mich richtig störte, waren öfter Anflüge von Schwindel. Lange Zeit war ich der Meinung, dass dieses Phänomen meiner Wetterfühligkeit geschuldet war, heute weiß ich, dass es mit meiner Ernährung zu tun hatte. Es gab einfach Phasen, da kam ich ohne meine Kreislauftropfen nicht durch den Tag. Das störte mich sehr, weil ich lieber stabil und aktiv bin, statt schwindelig zu taumeln. 
Vor einigen Jahren, als ich noch mit einem Partner zusammengelebt habe, habe ich verschiedene Versuche unternommen, weniger zu naschen.
Zum Beispiel habe ich zeitweise die Süßigkeiten im Keller unseres Hauses gelagert. Wer etwas naschen wollte, musste die Treppe zum Vorratsraum im Keller herunter laufen. Mein Gedanke dabei war, dass man auf dem Weg dorthin noch überlegen würde, ob man wirklich Süßigkeiten essen möchte. Oder auch, dass ich vielleicht ab und zu faul sein könnte, diesen langen Weg inklusive Treppenstufen zurückzulegen und dass ich mir statt dessen ein Stück Obst aus der Küche nebenan holen würde. Nur für das Protokoll, der Weg in den Keller war nicht wirklich weit …. Das andere Familienmitglied hat seinerzeit lautstark dagegen protestiert und die Süßigkeiten wurden wieder, fast neben der Obstschale, in der Küche deponiert. Außerdem war ich so gut wie nie zu faul dazu, die Treppe zu meiner Schokoladen-Kiste herunter zu laufen. Also, es war ein voller Erfolg.
Ein anderer gescheiterter Versuch war die Idee, eine Packung mit einzeln verpackten Schokoladenriegeln pro Woche über sieben Tage verteilt zu genießen. Ihr ahnt, wie es ausging. Die Riegel waren spätestens am zweiten Tag leer gegessen. Ich kenne eine ältere Dame, die mir erzählt hat, dass diese Taktik bei ihr funktioniere. Sie kauft sich jeden Montag eine große Tafel leckere Joghurtschokolade, die in einzelne Portionen verpackt ist, und kommt bis Sonntag damit aus. Wie macht sie das bloß? Ich habe es nicht herausfinden können, weil es wohl nicht der richtige Plan für mich war.
Da alle Menschen unterschiedlich sind, gibt es wahrscheinlich nicht den Masterplan, um mit dieser Thematik richtig umzugehen. Vielleicht funktioniert bei einigen Mitmenschen sogar die Idee mit der Kellerlagerung, wer weiß? Ich erzähle Euch von meinen Schritten auf dem Weg in die Zuckerfreiheit. Kaum zu glauben, seit über zwei Jahren esse ich keine Zuckerbomben (Süßigkeiten) und so gut wie keinen zugesetzten weißen Haushaltszucker mehr und vermisse ihn überhaupt nicht. Aber greife ich vor.
Wie so oft kommt die Inspiration, etwas zu verändern, von außen durch ein Buch, eine andere Person oder ein Video im Internet. Das funktioniert nach meiner Erfahrung, wenn die Information von außen mit einer großen inneren Motivation zusammentrifft, frei von Ego und Status. Wäre meine einzige Motivation damals gewesen, Kleidung in ein oder zwei Kleidergrößen kleiner einkaufen zu wollen, weil ich vermeintlich damit begehrter und schöner wirken würde, hätte es wahrscheinlich nicht funktioniert. Die spannende Frage bleibt: Was war zuerst da, die innere Motivation oder der Impuls von außen? Bei mir war beides gegeben, eine hohe Veränderungsmotivation, bedingt durch gesundheitliche Aspekte, sowie eine Buchempfehlung. Das Buch schrieb eine Frau, die ebenfalls einen starken Antrieb hatte, den Naschkreislauf zu durchbrechen. Es wurde in dem Buch sogar davon berichtet, dass die Autorin nachts losgezogen sei, um sich bei der Tankstelle in der Nähe Süßigkeiten zu besorgen. Soweit fortgeschritten war meine Zuckersucht nicht. Der Weg zur nächstgelegenen Tankstelle wäre mir nachts tatsächlich zu weit gewesen.
Ich habe mir damals, als ich die Ernährungsumstellung ernsthaft erwogen habe, überlegt, in welchen Situation nasche ich eigentlich?
Der Auslöser war oft Stress bei der Arbeit, das heißt, wenn es hektisch wurde, holte ich die Packung Kekse aus der Schreibtischschublade. Das hat mir immer die notwendige Energie gegeben, um mit den Anforderungen klar zu kommen.
Oder eben schlichte Gedankenlosigkeit bzw. eine schlechte Angewohnheit, die sich eingebrannt hatte (eine Gewohnheitsautobahn im Gehirn). Erschwerend kommt hinzu, dass es in unserer Gesellschaft absolut normal ist, zu allen möglichen Gelegenheiten Süßes zu essen. Süßigkeiten sind ständig und überall verfügbar. Ferngesteuerte Süßigkeiten-Konsumenten wie ich damals haben es sehr leicht, an den „Stoff“ zu kommen. Verlockungen sind überall, am Arbeitsplatz und gut platziert im Supermarkt.
Außerdem hat Süßes für mich oft etwas Tröstliches gehabt, wenn etwas nicht so gut gelaufen ist, z. B. bei Familienkonflikten. Ich habe mich dann gerne in mein süßes Universum geflüchtet und mir während der Nascherei zusätzlich einen kitschigen Film angesehen, um diese Situation – zumindest für eine kurze Zeit – ausblenden zu können. Hier ist ein kleines Gedicht dazu aus meinem Tagebuch damals:
Schokokuchen mit flüssigem Schokoladenkern
In meiner Küche,
köstliche Gerüche,
nach Schokolade, Mandeln und Zimt.
Schaumige Butter, Eier, Zucker und Mehl
das sind die Zutaten für die kleine Verführung,
im Ofen gebacken.
Damit kann man dann auf dem Sofa versacken.
Was fehlt heute Abend noch zu meinem Glück?
Ein wunderbarer Liebesfilm,
mit schönen Bildern
und immer wieder diese Geschichte,
dass Menschen sich im Innersten erkennen,
sie brauchen noch nicht einmal gegenseitig ihre Namen zu nennen.
Sie wissen auch so, sie sind füreinander bestimmt.
Die eine oder andere Verwicklung,
Eifersucht und Umwege,
am Ende siegt dann doch, für einen Moment:
Die Liebe,
als hätte das Universum die Erde geküsst.
Und von allen anderen Umtrieben der Menschen nichts gewusst.
Diese beiden Zutaten
Schokoladenkuchen und Liebesgeschichte
wie unwiderstehlich mächtig und voller Poesie.
So verbringe ich heute meinen Abend zu Hause,
auf meinem Sofa,
mit Schokoladenkuchen und Film,
bin berührt und entzückt
und auch ein wenig
dem Normalen entrückt.“ 





Jetzt greife ich wieder vor und verrate Euch eine zuckerfreie Variante des Schokokuchenrezeptes für einen romantischen Filmabend zu Hause. Auch im Status „zuckerfrei“ habe ich manchmal das Bedürfnis, in Liebesgeschichten und Schokolade zu schwelgen :-) . Ich backe meistens Muffins, weil diese schneller fertig gebacken sind als normaler Kuchen. 

Schoko-Muffins mit flüssigem Schokoladenkern (ca. 16 Stück)
Zutaten:
200 g Vollkornmehl
2 reife Bananen (Zuckerersatz)
100 g Butter oder Margarine
2 Eier
Schokolade, 85 oder 90 % Kakaoanteil
1 – 3 Esslöffel Back-Kakao
etwas Milch oder Pflanzenmilch
½ Päckchen Backpulver
etwas Zitronenabrieb oder Backaroma Zitrone
Rosinen, je nach Geschmack
Bananen mit etwas Milch oder Pflanzenmilch pürieren.
Dann das Mehl dazugeben, Butter, die Eier, das Backpulver hinzufügen und alles mit gut verrühren. Falls der Teig zu fest sein sollte, noch etwas Milch oder Pflanzenmilch hinzugeben, bis der Teig geschmeidig ist.
Dann den Back-Kakao beifügen und anschließend den Zitronenabrieb oder das Backaroma. Wer es noch etwas süßer haben möchte, kann noch Rosinen hinzugeben. Alles gut verrühren.
Anschließend den Teig in Muffin-Förmchen füllen und jeweils ein kleines Stück Schokolade in der Mitte des Förmchens platzieren, so dass die Schokolade vom Teig bedeckt ist.
Bei ca. 175 Grad ca. 20 Minuten backen

Hier noch ein paar Zeilen aus meinem Tagebuch damals (der Anfang):
Zuckerfrei Tag 0
Ich habe mir meinen Plan zurechtgelegt:
Ich starte zunächst mit drei Wochen zuckerfreier Ernährung. Nach meinen Informationen fängt nach 21 Tagen das Gehirn an, neue Pfade und Verknüpfungen in Richtung neue Gewohnheiten zu bilden. Ich kann mir nicht vorstellen, dauerhaft auf Schokolade zu verzichten, das sprengt meine Vorstellungskraft komplett! Bitte höhere Macht, gib mir das Selbstvertrauen, dass ich es schaffen kann, nachdem ich so oft kläglich gescheitert bin, weniger zu naschen. ;-)
Zunächst werden die vorhandenen Süßigkeiten-Vorräte verschenkt bzw. mit ins Büro genommen. In unserer Büroküche finden sich immer begeisterte Naschkatzen.
Morgen in meiner Mittagspause gehe ich in den Drogeriemarkt nebenan und schaue nach Alternativen für meine Schreibtischschublade, z. B. getrocknete Früchte, auf jeden Fall besser als Gummibärchen. Und viel Obst packe ich mir ein. Morgen stehen einige Herausforderungen in meinem Outlook-Kalender und wenn die Schublade komplett Süßigkeiten-frei sein sollte, drehe ich wahrscheinlich durch.
Ich werde von Tag zu Tag denken.
Außerdem werde ich bei meinem Lebensmitteleinkauf abends alle Zutatenlisten auf den Packungen studieren, um versteckte Zuckerfallen zu identifizieren, auch wenn Zucker auf den Packungen oft anders genannt wird. Gibt es Brot im Supermarktregal ohne Zuckerzusatz? Ich werde es sehen. Außerdem lautete ein Tipp aus dem Internet, dass 80 % aller Dinge im Einkaufswagen weniger als 5 Zutaten haben sollten, am besten nur eine Zutat: Gemüse. Die nächsten drei Wochen werde ich konsequent sein!!!! Ganz bestimmt!“

Fortsetzung folgt

Sonntag, 10. Mai 2020

#004.7 Marie – Erwachen aus dem Lockdown

#004.7 Marie – Erwachen aus dem Lockdown

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)



Heute schreibe ich Euch, wie Marie es erlebt, dass die Welt aus der Starre der
Pandemie-Regeln langsam wieder erwacht.
Sie wohnt im Dachgeschoss links. 


Erwachen


Große Lobby-Verbände trommelten immer lauter und wollten wieder Umsätze und sogenannte Normalität, willige Konsumenten und Unterstützung vom Staat bei gleichzeitiger Dividenden-Ausschüttung für Aktionäre. Noch war die Corona-Lupe, die gnadenlos alles aufdeckte, was gesellschaftlich schon lange schief lief, angeschaltet und diese Lautstärke und Anmaßung wirkte auf viele sehr bizarr. Es war Sand ins Getriebe des vorherigen westlichen Lebensstils gekommen, nichts war wie vorher. Die Decke, die viele Missstände zugedeckt hatte, war durch das Virus weggezogen worden.Die Unsicherheit, auch hinsichtlich Jobs und Lebensgrundlagen, hatte massiv zugenommen. Gleichzeitig vergrößerte sich der Bewegungsradius wieder und die Menschen freuten sich darauf, Stück für Stück ihre Freiheiten zurück zu erlangen. 


Das Gelände der kleinen Hausgemeinschaft hatte der alte Kater Spike wochenlang für sich allein gehabt. Nun war das Absperrband auf dem Spielplatz entfernt worden und Marie wurde auf ihrem Balkon Zeugin, wie eine Nachbarfamilie mit zwei Kindern im Kindergartenalter diesen Kinderlebensraum zurück eroberte. Die Sonne schien und Marie hatte es sich mit ihrem Kaffeebecher und einer kleinen Nascherei auf dem Balkon bequem gemacht. Die Kinder waren außer Rand und Band vor Freude, endlich wieder schaukeln, rutschen und auf dem kleinen Karussell fahren, bis ihnen schwindelig wurde. Sie lachten und kreischten und die Erwachsenen wirkten entspannt und fröhlich. Die Szene war wie eine Insel inmitten von Unsicherheit und Umbruch.
Marie hatte eine arbeitsreiche Woche hinter sich, was sie aber sehr genossen hatte. Sie mochte produktiv sein und Dinge voran bringen. Beides war ihr in den letzten Tagen gut gelungen. Auch die favorisierte Fortbildung war schon fest eingeplant, nur der Starttermin noch offen.
Ein Höhepunkt diese Woche war der Friseurtermin gewesen. Natürlich war alles anders als vorher, aber ein guter Haarschnitt sorgte grundsätzlich bei Marie für gute Laune. Diese vorherigen Selbstverständlichkeiten, wie zum Beispiel ein Besuch beim Friseur, waren momentan etwas Besonderes und Schätzenswertes. Für Marie fühlte es sich gut an, das zu spüren und ganz bewusst solche Momente zu genießen, auch wenn es keinen Kaffee gab, während die Haare geschnitten und geföhnt wurden, und auf dem Fußboden Markierungen geklebt waren, die nicht überschritten werden durften. Sich selbst die ganze Zeit im Friseursalon mit Mund-Nasen-Schutz im Spiegel zu betrachten, war ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Aber auch das konnte Marie mit Humor betrachten, schließlich ging es den anderen nicht anders.
An diesem Wochenende war sie – das erste Mal seit vielen Wochen – mit einer guten Freundin zu einem Spaziergang verabredet. Die Welt, auf jeden Fall Maries kleines Universum, schien ein wenig aus einer Art Tiefschlaf zu erwachen, es waren die ersten tastenden Schritte außerhalb des Corona-Maßnahmen-Tunnels.
Während Marie in ihrer Kaffeetasse rührte und über die vergangene Woche, ihre Projekte im Job, den Friseurbesuch und andere Dinge sinnierte, ging eine Nachricht von Christian auf ihrem Handy ein.
Liebste Marie, viele Grüße von der Terrasse meines Arbeitskollegen Thomas. Wir genießen gerade die Abendsonne bei einem Feierabend-Bier mit Abstand :-) Thomas lädt uns demnächst zum Grillen ein, wenn die Viruslage es zulässt. Ich bin ein bisschen beschwipst und wollte Dir unbedingt schreiben, dass ich es großartig finde, dass wir uns gefunden haben. Wollen wir noch ganz lange zusammen Detektiv-Hörspiele hören und Kochrezepte ausprobieren? Und natürlich demnächst im feinsten Restaurant der Stadt essen gehen? Ich liebe Dich, Christian“
Marie überlegte einen Moment und antwortete:
Liebster, viele Grüße an Deinen Kollegen und danke für die Einladung. :-) Zu Deiner Frage: Ja, ich will!! Und mit Dir im Restaurant essen gehen ebenso. Dafür hole ich mein schönstes Kleid aus dem Schrank und die schicken Schuhe, die ein bisschen drücken :-) Ich liebe Dich auch, Deine Marie PS Möchtest Du nachher noch vorbei kommen? <3 <3 Wir könnten ein Hörspiel hören und zusammen dabei einschlafen oder etwas anderes machen ...“


Ende
Anmerkung der Autorin:
Hier endet meine kleine Reihe über Marie. Der erste Teil entstand, weil ich eine „richtige“ Kurzgeschichte für eine Lesung schreiben wollte, mit allen Kriterien, die eine Kurzgeschichte per Definition ausmachen. Daraus hat sich im Nachgang bei den folgenden Beiträgen eine Betrachtung der aktuellen Corona-Lage entwickelt. Die Figur Marie ist mir beim Schreiben sehr ans Herz gewachsen. Vielleicht nehme ich den Faden später noch einmal auf, um u. a. der Figur Christian noch mehr Kontur zu geben. Ich finde es spannend, wie sich diese Liebesgeschichte weiter entwickeln könnte. Manchmal ist die Autorin selbst überrascht, wohin die Phantasie beim Schreiben wandert. :-) 
Demnächst möchte ich mich dem Thema „zuckerfrei leben“ widmen. Dazu plane ich, meinen Leserinnen und Lesern, die es ausprobieren möchten, ein paar konkrete Tipps, Ideen und Rezepte zur Verfügung zu stellen. Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.
Fortsetzung folgt (zuckerfrei :-) )


Sonntag, 3. Mai 2020

#004.6 - Maries Vorsätze

#004.6 - Maries Vorsätze

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch, was sich Marie für die Zeit vornimmt, die nach den Corona Eindämmungs-Maßnahmen folgen wird.
Sie wohnt im Dachgeschoss, links. 


Vorsätze


Der Alltag mit den besonderen Maßnahmen zur Corona Pandemie Eindämmung plätscherte dahin. An den Anblick von Menschen mit Mund-Nasen-Schutz beim Einkaufen hatten sich die meisten gewöhnt. Leere Regale in Lebensmittelmärkten bei einigen begehrten Artikeln wurden immer mehr zur Ausnahme, viele Menschen hatten verstanden, dass eine extreme Bevorratung nicht notwendig war. Die Panik hatte sich ein wenig gelegt.
Marie lebte in dieser Zeit in ihrer eigenen Blase. Sie fuhr regelmäßig zur Arbeit und traf dort ihre Kolleginnen und Kollegen. Abends gab es keine Termine, das heißt der Feierabend zu Hause war gefüllt mit Essen zubereiten, Telefonaten, Hörspielen, ab und zu Filme schauen und natürlich Zweisamkeit mit Christian. Letzteres genoss Marie sehr. Die Krise hatte beide eng zusammengeschweißt, vielleicht mehr, als es in sogenannten normalen Zeiten passiert wäre. Ein paar ihrer „Corona-Marotten“, z. B. die Vorliebe für Rocky-Beach-Detektiv-Hörspiele, teilte Marie manchmal mit Christian. Er ertrug es, ohne zu murren und schien es insgeheim sogar zu genießen. Er spielte gerne mit ihren Haaren, wenn sie entspannt einschlief, während die drei Detektiv-Freunde Rätsel lösten und Bösewichte entlarvten.
Als in den Nachrichten darüber berichtet wurde, dass die Maßnahmen wahrscheinlich demnächst nach und nach wieder gelockert werden würden, reflektierte Marie über diese außergewöhnliche Zeit. Sie hatte ab und zu darüber nachgedacht, welche Dinge sie bei mehr Bewegungsspielraum und Freiheiten in Angriff nehmen würde. Eines Abends schrieb sie ein paar Vorsätze auf:
Meine Vorsätze für die Zeit nach „C“:
  • einen Kochkurs buchen (das wollte ich schon so lange)
  • regelmäßiger gute Freunde zum Essen einladen und tolle Rezepte ausprobieren. Falls es nicht gelingt, kann der Pizza Service einspringen. Das heißt, ich werde meinen Perfektionismus ablegen und lockerer werden, nicht nur in Bezug auf Kochrezepte.
  • eine kleine Reise zu einer hübschen kleinen Stadt an einem idyllischen See unternehmen (mit Christian natürlich, wenn er das ebenfalls möchte) und dort mit ihm Hand in Hand an der kleinen Seepromenade spazieren gehen …....
  • noch mehr als bisher darauf achten, Menschen mit negativen oder schon toxischen Verhaltensweisen (z. B. Schwarzseher, Dauer-Jammerlappen, Kleinmacher, Eigenverantwortungsverweigerer – was für ein Wort :-) )in meinem Leben zu meiden (dazu zählt natürlich nicht die Freundin, die einfach einmal eine schlechte Phase hat).
    Wenn es nicht möglich sein sollte, den Kontakt komplett abzubrechen, werde ich zukünftige Zusammentreffen wegen der Kostbarkeit meiner eigenen Lebenszeit auf ein Minimum zu reduzieren. Auch wenn mir bewusst ist, dass es tiefe und schwerwiegende Gründe für ein solches Verhalten gibt, bin ich nicht die zuständige Therapeutin. Dafür gibt es ausgebildete Expertinnen und Experten. WICHTIG!!!
  • Umkehrschluss zu dem vorherigen Punkt:
    Kontakte zu positiven Menschen erweitern und intensivieren. Außerdem immer wieder checken, ob ich selbst manchmal ein Energievampir für andere bin und es sofort abstellen, falls es einmal so kommen sollte.
  • mich im Job weiter spezialisieren und endlich die Weiterbildung in Angriff nehmen, über die ich schon länger nachdenke.
    Lieber Schweinehund, Du darfst es Dir währenddessen auf Deiner Kuscheldecke bequem machen, relaxen und schlafen.
  • mich wieder ehrenamtlich engagieren. Demnächst werde ich in dieser Richtung meine Fühler ausstrecken, was gerade zeitlich gut in mein Leben passen könnte.
  • tanzen gehen, das Leben feiern!
  • einen ganzen entspannten Tag am Wochenende in der Sauna verbringen und die Seele baumeln lassen
  • die kleinen schönen Momente des Alltags noch mehr wahrnehmen, z. B. der spontane Milchkaffee mit der besten Freundin, die ich zufällig beim Einkaufen getroffen habe, oder die kleinen netten Gespräche und Scherze mit Kollegen in der Büroküche, die Radtour nach Feierabend, der Plausch mit dem Nachbarn auf dem Balkon, bunte (echte) Postkarten von der Freundin, die weiter weg wohnt, die liebevollen Blicke und Gesten von Christian und noch ganz viele Dinge mehr.
  • öfter das Theaterprogramm recherchieren und – statt lange zu überlegen – eine Karte kaufen und einen tollen Abend genießen. Gerade in der „C“-Zeit habe ich das sehr vermisst.
  • mehr lesen sowie Podcasts und Hörspiele hören statt fernsehen oder Serien im Internet schauen (eher Herzensanliegen pflegen statt Berieselung).
  • wieder ins Kino und zum nächsten Poetry Slam gehen, ganz wichtig!!! Und Sterne gucken im Planetarium.
  • mir ein tolles neues Kleid in einem Geschäft kaufen
  • Nachrichtenkonsum reduzieren und den Fokus darauf richten, was ich selber für eine bessere Welt beitragen kann, statt das Weltgeschehen passiv zu bejammern
  • im „Jetzt“ leben, statt die Vergangenheit durchzukauen und alles in die Zukunft zu verschieben. Wer weiß, ob sie je kommen wird! Zum Glück habe ich in dieser Hinsicht schon große Fortschritte erzielt, also: Weitermachen
  • mit meiner Friseurin über einen neuen Haarschnitt diskutieren. Mal sehen …..
Da war einiges zusammen gekommen. Marie überlegte, wie sie es anstellen könnte, dass diese Dinge nicht im Alltag verschwanden, wenn „C“-Maßnahmen beendet waren.
Sie hatte eine „To-Do-Listen“-App auf ihrem Handy. Dort würde sie diese Punkte aufnehmen und mit einer Erinnerungsfunktion speichern. Außerdem war ihre persönliche Erfahrung, dass es möglich war, neue – gute – Gewohnheiten dauerhaft zu etablieren. Dafür gab es einige Kniffe, die funktionierten. Mehr Bewusstheit und Fokus waren u. a. die Schlüssel dafür und natürlich dranbleiben. Und, wenn es einmal nicht geklappt hatte, nachsichtig und freundlich mit sich selbst umzugehen, um anschließend den Faden wieder aufzunehmen.
Ein wunderschöner Sonnenuntergang mit bizarren Wolkenmustern in allen rötlichen Schattierungen war wie gemalt am Himmel zu sehen. Marie beschloss, noch einen Spaziergang zu unternehmen, statt die Nachrichten einzuschalten, ganz im Sinne der aufgeschriebenen Vorsätze. 



Draußen traf sie eine nette Nachbarin, die gerade mit ihrem kleinen Hund unterwegs war. Spike, der Kater, genoss ebenfalls die Abendsonne unter einem Baum. Das „Jetzt“ war angefüllt mit den kleinen Begebenheiten des Alltags. „Das Leben ist schön“, dachte Marie, wechselte ein paar Worte mit der Nachbarin und lief in die Richtung des kleinen Waldstückes, um den grandiosen Sonnenuntergang zu betrachten.
Fortsetzung folgt





Donnerstag, 23. April 2020

#004.5 - Marie - Gewohnheiten

#004.5 - Marie - Gewohnheiten

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)



Heute schreibe ich Euch, welche Gewohnheiten und Marotten Marie während der entschleunigten Phase der Corona-Kontaktsperre entwickelt.
Sie wohnt im Dachgeschoss oben links


Marotten während der Corona-Kontaktsperre


Es war Woche drei der Kontaktsperren-Phase. Das Internet lief über mit guten Tipps für die Unterhaltung bei häuslicher Quarantäne und satirischen Beiträgen über Home-Office-Katastrophen und den Wahnvorstellungen der Anhänger von neu erschaffenen Verschwörungstheorien.
Die Bewohner des Mehrfamilienhauses erlebten ein Wechselbad der Gefühlslagen. Es gab beispielsweise die Fraktion der Putzfreaks, die ihre Wohnungen, inklusive des Balkons, aller Fenster, dem Dachboden sowie Keller, aufräumten bzw. auf Hochglanz polierten. Die Gegenfraktion, die Putzverweigerer, stachen besonders hervor, da ihre Fensterbänke im Vergleich dazu besonders ranzig wirkten.
Den Kater Spike interessierte dieses menschliche Theater überhaupt nicht. Sein Vorteil war allerdings, dass er mehr Leckereien von den Bewohnern bekam, weil sie einfach öfter als sonst zu Hause waren.
Marie beobachtete das teilweise seltsame Treiben ihrer Nachbarn mit Kopfschütteln oder einem Grinsen. Allerdings beobachtete sie an sich selbst ebenfalls merkwürdige neue Gewohnheiten.
Wenn sie Freitag von der Arbeit kam, war ihre Wohnung aufgeräumt und die meisten Bereiche schon geputzt, da die Termine abends während der Arbeitswoche einfach weggefallen waren.
Irgendwann in Woche drei wurde Marie klar, welche merkwürdigen schrulligen Dinge sie tat. Sie schrieb in ihr Notizbuch:
Meine Marotten während der Kontaktsperre:
  • eine Kochsendung in der Mediathek eines öffentlich-rechtlichen Senders regelmäßig abends gucken und anschließend überlegen, welche Rezepte ich ausprobieren möchte.
  • In der Küche herum werkeln, kochen und backen, z. B. selbstgemachtes Apfelkompott ohne Zuckersatz mit Rosinen herstellen und anschließend mit leckeren Pfannkuchen zusammen essen.
  • verstärkter Konsum von Kult-Hörspielen der drei ewig-jugendlichen Detektive aus Rocky Beach (den Mittelteil verschlafe ich oft, aber im Endeffekt ich weiß doch, wer der Täter war. Bei dem Schlussteil mit Tante M. Kirschkuchen-Gelage bin ich meistens wieder wach)
  • stundenlang kitschige Soul-Musik hören und von Christian träumen
  • Mandalas ausmalen
  • die Waschmaschine mit zwei alten, etwas ausgewaschenen, aber noch gut passenden Kleidern und kirschroter Textilfarbe laufen lassen und danach bewundern, wie die Kleider wieder leuchten. Dabei stelle ich mir vor, dass ich sie anziehe, wenn ich – nach Corona – mit Christian und meinen Freundinnen tanzen gehe und die Königin der Nacht sein werde.
  • viel öfter als sonst mit meiner Mutter telefonieren. Und es nervt mich noch nicht einmal, warum?
  • überhaupt telefonieren:
    So oft, wie zuletzt in den 90er-Jahren in meiner ersten Wohnung mit meinem allerersten eigenen Telefon, gerne mit den Freundinnen, die ich gerade nicht treffen kann. Während der Kontaktsperre mag ich telefonieren lieber als Nachrichten über das Smartphone zu verschicken.
  • Liebes Notizbuch, behalte dieses bitte unbedingt für Dich: Ich habe neulich zwei Folgen „Sturm der Liebe“ geguckt. Der Kitsch lief aus meinem Laptop, aber es war sooooo schön (Christian darf das niemals erfahren).
  • Täglich auf dem Balkon prüfen, ob die in den Blumentöpfen ausgesäte Petersilie schon aus der Erde guckt.
  • Einen Online-Sportkurs habe ich (noch) nicht ausprobiert, obwohl ich das unbedingt wollte (welcher Teil von mir eigentlich, da ich es noch nicht getan habe??). Es gibt sogar eine Yoga Matte in den Tiefen meines Kleiderschrankes! Also, lieber Schweinehund, los geht es – demnächst …..
  • Krimis mit besonders kantigen Charakteren lesen, je schräger desto besser, am liebsten auf meinem Balkon bei Sonnenschein unter dem Sonnenschirm
  • Spike ausgiebig kraulen, wenn er auf meiner Fußmatte liegt.
Oha“, dachte Marie, „das ist kaum zu überbieten. Wo soll es noch hinführen?“
Marie beschloss, ihre Freundinnen zu fragen, welche seltsamen Dinge sie taten, während sie ihre freie Zeit zu Hause verbrachten. Die männliche Perspektive in diesem Zusammenhang war ebenfalls spannend. Christian würde ihr vielleicht seine kleinen und seltsamen Geheimnisse enthüllen, wer weiß.
Fortsetzung folgt

Sonntag, 12. April 2020

#004.4 - Marie und ein stiller Ostermorgen

#004.4 - Marie und ein stiller Ostermorgen

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)



Heute schreibe ich Euch ein paar Gedanken von Marie zum Osterfest auf.
Sie wohnt im Dachgeschoss oben links. 

Stille Ostern in besonderen Zeiten


Dieses Jahr an Ostern stand gefühlt die Welt still. Am Abend zuvor gab es keine Osterfeuer, keine Staus auf den Autobahnen, weil die Leute einfach zu Hause waren, keine Hektik und alles Unwesentliche war auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Das Besondere daran war, dass es fast die ganze Welt betraf, zumindest der Umstand, dass alles anders war. Es gab nach wie vor Länder, die von diktatorischen Führungen regiert wurden, die das bis jetzt wenig erforschte Virus leugneten, die daraus resultierende Erkrankung mit einer Art Grippe gleichsetzten und laut „weiter so wie immer“ schrien. Das alte, eingefahrene Denken war durchaus noch stark präsent und kämpfte mit aller Macht um das Überleben, aber neue Ideen, das Leben zu gestalten, nahmen konkretere Formen an und traten verstärkt in das Bewusstsein der Menschen. Das Wesentliche war sichtbar geworden.
Man könnte sagen, die meisten Menschen lebten momentan wie der alte Kater Spike: Sie waren in ihrem vertrauten Lebensraum unterwegs, aßen, schliefen, genossen die kleinen netten Gesten zwischendurch und ein entspanntes Verweilen auf einer sonnigen Bank und hörten dabei den zwitschernden Vögeln zu.
Marie wachte sehr früh auf und Christian schlief noch. Sie stand leise auf, um ihn nicht zu wecken. Leise ging sie in die Küche und nahm das Espresso-Kännchen, das sie einmal auf einem Flohmarkt gekauft hatte, von der Fensterbank. Immer, wenn sie es benutzte, kochte sie sich einen „entschleunigten“ Kaffee für die italienischen Momente im Leben, wie sie es selbst nannte. Es brauchte mehr Aufmerksamkeit und Zeit, bis das dampfende Getränk in der Tasse war. Sie stellte den kleinen Milchtopf mit Milch neben das Espresso-Kännchen auf die Herdplatte und schaute dann aus dem Fenster. Draußen sangen die Vögel und es war so unglaublich friedlich.

Marie hatte ein Geheimnis, was sie bis jetzt mit sehr wenigen Menschen geteilt hatte. Sie rechnete: Vor 18 Jahren, als sie noch woanders gelebt hatte, gab es ein Osterfest mit Ereignissen, die so einschneidend waren, dass sie danach beschlossen hatte, jedes Jahr Ostern wie einen zweiten Geburtstag zu begehen, zumindest für sich selbst. Vielleicht einer höheren Macht, Zufall oder anderen nicht greifbaren Umständen verdankte sie es, noch auf dieser Welt zu sein. „Das heißt, heute werde ich 18 Jahre alt und ich bin jetzt volljährig“, dachte Marie. Ihr nächster Gedanke war, ein süßes, prickelndes Mädchengetränk, Erdbeer Prosecco oder Hugo, mit Freundinnen zu trinken und dann Pläne für das Erwachsenenleben zu schmieden, inklusive großer Liebe, Traumberufen, Reisen und tollen Orten, wo man leben konnte, wenn man endlich seinen Schulabschluss in der Tasche hatte. Marie lächelte ein wenig bei diesen Gedanken.
Auf dem Herd war jetzt Bewegung in die italienische Art der Kaffeezubereitung gekommen, erst ein leichtes Rauschen, anschließendes Blubbern und dann köstlicher Kaffeegeruch in der Küche verriet, dass dieses Wunderwerk aus Metall sein Ergebnis vollbracht hatte. Die Milch war ebenfalls erwärmt. Marie holte ihre riesige Tasse mit dem Tupfenmuster aus dem Schrank. „Mein Geschirr passt auf jeden Fall zu einer 18-Jährigen“, dachte sie. Mit dem kleinen Mixer schäumte sie die Milch auf und fertig war der perfekte Ostermorgen-Kaffee. 

Was wünsche ich mir denn für mein neues Lebensjahr?“ fragte sich Marie, während sie die aufgeschäumte Milch mit dem Kaffee vorsichtig verrührte, „ein anderes Miteinander wäre schön, weniger Einsatz von Ellenbogen und mehr Zusammenarbeit. Mehr Respekt vor der Natur, weniger Konsum und viel Liebe natürlich. Das liegt ja alles gerade in der Luft.“
Im Zusammenhang mit dem Thema Liebe dachte sie, dass Christian erst in ihr Leben getreten war, als sie mit ihrem Beruf, ihren Hobbys und ihrem Freundeskreis komplett zufrieden und erfüllt war. Christian war im übertragenen Sinne das Tüpfelchen auf dem „I“ oder die Kirsche auf ihrer eigenen „Lebens“-Sahnetorte, was eine völlig neue Dimension von Glück eröffnete. Jeder durfte so sein, wie er oder sie war, ohne Ansprüche oder gegenseitige Erwartungshaltungen.
Diese Erkenntnis hat man mit 18 Jahren wahrscheinlich noch nicht“, dachte Marie, „von daher ist es ganz gut, dass ich real schon etwas älter bin. Ich weiß natürlich auch, dass eine Reise nach Australien oder ein Leben in der Toskana nicht eine Garantie für Glück sind. Glück ist ortsunabhängig. Noch eine wichtige Erkenntnis, die feiernde 18-Jährige mit Erdbeer Prosecco in den Händen wahrscheinlich nicht haben.“ Marie überlegte, ob es an dem Osterfest oder an der besonderen Weltstimmung lag, dass ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen, wahrscheinlich an beidem. Es fühlte sich gut an, dass sie die Leichtigkeit der 18-Jährigen, kombiniert mit den Erkenntnissen ihres echten Alters, tief und lebendig in sich selbst spüren konnte.
Guten Morgen und frohe Ostern“, Christian stand im Türrahmen ihrer Küche und sah sie etwas verschlafen und sehr liebevoll an. „Frohe Ostern! Habe ich Dir schon gesagt, dass ich glücklich bin, dass es dich gibt?“ antwortete Marie und freute sich auf alles, was noch kommen würde.
Fortsetzung folgt





Sonntag, 22. März 2020

#004.2 - Marie - Der Brief im Treppenhaus

#004.2 - Marie - Der Brief im Treppenhaus

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)



Heute berichte ich, was bei Marie aktuell los ist.
Marie ist verliebt und gleichzeitig stürzt die Welt in die große Corona Krise. 


Hannahs Brief im Treppenhaus

Die ganze Welt stand Kopf. Das Corona Virus beherrschte alle Medien, die Bewegungsfreiheit wurde immer mehr eingeschränkt und einige Menschen neigten zu Übersprungshandlungen in Form von übertriebener Vorratshaltung, wahrscheinlich um sich selbst zu beweisen, in dieser aus den Fugen geratenen Welt überhaupt noch irgendeinen Bereich unter Kontrolle zu haben.
Marie lernte während dieser ganzen Phase der massiven allgemeinen Verunsicherung Christian immer besser kennen. Sie war sehr glücklich darüber, manchmal sogar regelrecht euphorisch. Sie wünschte sich ab und zu, dass die Weltlage weniger kompliziert sein möge, weil auch eine Kennenlernphase zwischen zwei Liebenden zeitweise herausfordernd war. Dieses Schwanken zwischen dem Gefühl, angekommen zu sein, und andererseits wieder aufkeimende Zweifel, die sich bis jetzt als reine gedankliche Fiktionen herausgestellt hatten, beschäftigte Marie aktuell sehr. „Ich sollte manchmal einfach weniger nachdenken“, war Maries Schlussfolgerung, als sie – im Nachhinein völlig aus der Luft gegriffen – einen Anflug von Eifersucht auf die Ex-Frau intensiv mit Christian diskutiert hatte. Sie hatten sich regelrecht gestritten und das wegen einer etwas ungeschickten Formulierung von Christian, also eigentlich wegen gar nichts.
Mitten in diesem gedanklichen und gefühlsmäßigen Auf und Ab lief Marie am Donnerstag auf dem Weg ins Büro die Treppe herunter. Sie war – wie immer – spät dran. Unten neben den Briefkästen an der Wand hing ein Zettel. Darauf war in kindlicher Schrift und einem grünen Filzstift etwas geschrieben:

Liebe Nachbarn,
hiermit möchte ich Euch oder Ihnen meine Hilfe anbieten. Falls Sie mich nicht kennen, ich bin Hannah, 11 Jahre alt, und wohne im Erdgeschoss. 

Marie kannte Hannah und mochte das etwas schüchterne Kind sehr. Sie fotografierte den Zettel mit ihrem Handy, weil sie später unbedingt in Ruhe lesen wollte, was Hannah zu sagen hatte.
Als Marie wieder zu Hause war und die Nudeln mit Gemüse von gestern aufgegessen hatte, nahm sie ihr Handy zur Hand, öffnete das Foto von heute morgen aus dem Treppenhaus.
Die kleine Hannah schrieb weiter:
….
Wenn Sie Hilfe, z. B. für Einkäufe, brauchen, rufen Sie mich :
0151 – xxx xxx xx
Ich kann Ihnen die Sachen vor die Wohnungstür stellen und alle Dinge können wir telefonisch absprechen, so dass der Abstand, den man gerade halten sollte, eingehalten wird. Mein Angebot ist kostenlos für Sie. Ich darf momentan nicht in die Schule und habe Zeit dafür.
Da ich oft darüber nachdenke, wie es mit unserer Welt wohl weitergeht, schreibe ich Ihnen einige meiner Gedanken dazu auf. Wenn Sie sie lesen möchten, freue ich mich sehr darüber.
Ich finde es gerade gut, dass alle Menschen körperlich Abstand halten. Normalerweise wird geschubst und gedrängelt, das mag ich überhaupt nicht. Wenn ich jetzt für unsere Familie etwas einkaufe, kommt mir niemand zu nah. Könnten wir das beibehalten, wenn wieder alles „normal“ ist?
Außerdem ist alles sehr viel entspannter und leiser. Ich weiß, dass die meisten Menschen es mögen, wenn viel los ist, aber es gibt auch die anderen, die leisen Menschen. Alle sind wichtig, das möchte ich betonen. Ich lade Sie ein, sich folgendes vorzustellen:
Wenn Sie jemand sind, der sonst immer viel unternimmt und sich oft mit anderen Menschen trifft, stellen Sie sich vor, die Welt wäre immer so, wie sie im Moment ist: Ruhig und wenige Menschen, die man treffen kann. Dieser Gedanke ist anstrengend und ermüdend für Sie? Dann haben Sie dadurch vielleicht einen kleinen Eindruck, wie es leisen Menschen normalerweise fast immer geht. Sie bewegen sich in einer Umgebung, die nicht gut zu ihnen passt, müssen damit zurechtkommen und werden außerdem oft dafür kritisiert, weil sie so sind, wie sie sind.
Ich wünsche mir für die Zukunft und für die Welt, in der wir leben, dass alle Menschen mit ihren Besonderheiten mit Respekt behandelt werden und dass wir zusammen, die Hektik, den Stress, auch den Müllberg (weil fast Jeder sehr viele Dinge kauft) verkleinern. Wir hätten mehr Zeit zum Lesen, Spielen und miteinander reden; für die Sachen, die meiner Meinung nach wirklich glücklich machen.
Eure/Ihre Hannah
PS Unser Haus mag ich sehr, weil sich hier alle ganz lieb um den Kater Spike kümmern. Wenn das schon möglich ist, schaffen wir alles andere auch, oder?
Wir leisen Menschen laden Euch ein
die Geschichten zu entdecken,
die sich hinter knorrigen, alten Bäumen verstecken.
Wir erinnern Euch, wenn Ihr wollt,
an das einfache Dasein im hier und jetzt,
von Raum und Zeit durchdrungen,
selbstvergessen und eins mit der Welt.
Das ist kleiner Ausschnitt aus dem Poetry Slam, den ich dieses Jahr in der Schule vorgetragen habe, für diese besondere Zeit!

Marie war beeindruckt von dem kleinen Mädchen. „Unglaublich, was in diesem Kind schlummert“, dachte sie, „Hannah hat wahrscheinlich Recht, wir schaffen alles, wenn wir uns gegenseitig respektieren und zusammenhalten.“ Sie nahm das Telefon wieder in die Hand , um Christian anzurufen und ihm von ihrer kleinen Nachbarin zu erzählen. Außerdem war sie sehr neugierig auf die Geschichten, „die sich hinter knorrigen, alten Bäumen verstecken“. „Vielleicht ergibt sich irgendwann eine Gelegenheit, dass Hannah mir eine ihrer Geschichten erzählt“, dachte Marie und lächelte bei dem Gedanken. 


Fortsetzung folgt