Sonntag, 13. Juni 2021

#006.18 – Sarah – Ein kleiner Stich ins Herz

 

#006.18 – Sarah – Ein kleiner Stich ins Herz

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


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Ein kleiner Stich ins Herz


Der Donnerstag nach dem ersten Treffen mit Thomas begann bei Sarah damit, dass ihr Telefon morgens brummte.

Guten Morgen Sarah, vielen Dank für Deine inspirierende Gesellschaft gestern. Du bist eine wunderschöne und kluge Frau. Mich erreichte heute sehr früh ein Anruf aus meinem Geschäft und leider muss ich heute schon in Richtung Hessen aufbrechen. Das heißt, wir können uns am Freitag nicht bei Dir zum Kaffee trinken treffen, was ich sehr schade finde. Ich freue mich, wenn Du mich demnächst besuchst. Lass uns dann durch meine Heimatstadt schlendern und ein sommerliches Wochenende genießen. Die Corona-Lage entspannt sich ja zum Glück. Allerliebste Grüße von Thomas

Irgendwie hatte Sarah gestern kurz vor dem Einschlafen das Gefühl gehabt, dass es genau so kommen würde. Ein leises Bedauern stieg in ihr auf.

'Wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht hätte ein weiteres Treffen alles verkompliziert', dachte sie, während sie ihre Tasche für die Arbeit packte, 'so können wie beide darüber nachdenken, ob wir ernsthaft und real ein weiteres Kennenlernen anstreben.'

Ihre Bekanntschaft spielte sich auf einer anderen Ebene ab. Thomas und sie waren mit ihrer besonderen Form der Kommunikation auf einer Insel fernab von allem Alltäglichen unterwegs gewesen, was wunderschön war.

'Ich denke, ich werde ihn in den nächsten Wochen besuchen und die Zeit wie einen Urlaub genießen. Alltagstauglich wäre eine Beziehung bei uns ohnehin nicht. Er ist in Hessen verwurzelt und ich hier', war ihr Fazit für diesen Morgen, als sie die Treppe herunterlief, um sich gleich wieder ihren Aufgaben im Job zu widmen. Trotz dieser vernünftigen Einordnung der Situation hatte es ihr einen kleinen Stich ins Herz versetzt, der ein bisschen weh tat. Ein Gefühl von Verlust und eine leise Traurigkeit und Melancholie begleiteten Sarah in diesem Moment auf ihrem Weg.  

Spike, der Kater, stand am Eingang und maunzte.

Hey, ich habe gerade gar nichts für Dich dabei. Ich bringe Dir nachher etwas mit“, sagte sie zu Spike und kraulte ihn einen Moment. Spike schnurrte jetzt wieder zufrieden. „Bis nachher!“ Und schon war sie in Richtung ihres Autos verschwunden.


Spike schaute Sarah nach und widmete sich wieder seinen Katerangelegenheiten:

Mäuse aufspüren, die er aufgrund seines Alters sowieso nicht fangen konnte und einfach den Tag an einem sonnigen Plätzchen genießen.

Brian Culbertson: The Journey

Fortsetzung folgt


Sonntag, 6. Juni 2021

#006.17 – Sarah – Herzklopfen

 

#006.17 – Sarah – Herzklopfen

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Herzklopfen


Es war Mittwoch viertel vor fünf nachmittags und einer dieser besonderen Momente, an den sich Sarah wahrscheinlich noch in vielen Jahren erinnern würde. Ihr Herz klopfte vor Aufregung, bestimmt würde sie gleich kein Wort herausbringen.

Ihre Worte und Gedankenwelten waren in den Wochen zuvor so spielerisch leicht auf das Papier geflossen, bevor diese in einem Papierumschlag hunderte Kilometer in einer gelben Postkiste durch das Land zu ihrem Empfänger reisten. Dieser Empfänger stand nun am Eingang des gemütlichen Cafés, in dem sie sich verabredet hatten, gekleidet in Jeans und blauem Hemd.

'Gleich werde ich Thomas das erste Mal persönlich gegenüber stehen und trotzdem habe ich das Gefühl, ihn seit ewigen Zeiten zu kennen. Bis jetzt war es nur ein Briefwechsel und weiter nichts', Sarahs Gedanken überschlugen sich, 'was tue ich hier bloß?'

Nervös wanderte ihre rechte Hand zu ihrer kleinen dunkelbraunen Lederhandtasche. Sie brauchte dringend einen Anker zum Festhalten, eine Handtasche eignete sich gut dafür. .

Sarah“, Thomas schaute sie mit großen Augen an, „wie schön, Dich zu sehen und dass Du es einrichten konntest.“

Sarah blickte in sein kluges, freundliches Gesicht. Dabei legte sie ihren Kopf ein wenig in den Nacken, weil er größer war als sie.

Ich freue mich auch. Hattest Du eine gute Anreise? Ich habe gestern hier einen Tisch reserviert, das ist in diesen Zeiten sicherer. Jetzt wollen ja viele nach den Monaten im Corona-Lockdown wieder ausgehen“, während sie diese Worte aussprach, wunderte sie sich sich selbst darüber, dass ihr die Begrüßung so locker über die Lippen gekommen war, während es in ihrem Innern gerade aufgeregt brodelte.

Ja, dieses Mal habe ich nichts Wichtiges verloren, als ich für meine Schwester einen Blumenstrauß gekauft habe“, während er das sagte, zwinkerte er lächelnd mit den Augen.

Ihre Brieffreundschaft war durch seine aus der Jackentasche gefallene Geldbörse entstanden. Sarah hatte sie auf einem Supermarkt-Parkplatz gefunden und ihm per Post geschickt. Daraus hatte sich der intensive Briefkontakt entwickelt.

Sarah ertappte sich dabei, dass ihr Blick von seinen schelmischen Augen zu seinen Lippen wanderte. 'Er kann bestimmt sehr sinnlich küssen', dachte sie und empfand dabei wieder eine intensive Nähe zu diesem eigentlich unbekannten Mann.

In seltenen, besonderen Augenblicken spürte Sarah ein feines Vibrieren in ihrem Körper. Immer dann, wenn alles passte. Das konnte eine zwischenmenschliche Stimmung, ein vollkommenes Musikstück oder das Zusammenspiel verschiedener Akteure, die etwas gemeinsam gestalteten, sein. Ihre Aufregung war verschwunden und hatte sich in eine große innere Ruhe verwandelt, während sie diesem Gefühl nachspürte.

Sarah, wollen wir hinein gehen?“

Ja, natürlich. Ich habe wohl einen Moment geträumt.“

Wahrscheinlich, zumindest sah es so aus. Vielleicht erzählst Du mir Deine Träume irgendwann“, seine Stimme war auf einmal sehr leise.

'Du kennst sie wahrscheinlich schon', dachte Sarah.

Jetzt folgte das Prozedere der aktuell gültigen Corona Verordnung:

Mund-Nasen-Schutz aufsetzen, die Hände am Eingang wie in einem Krankenhaus desinfizieren und Einchecken mit Kontaktdaten

Einfach nur in ein Café gehen, sich ein nettes Plätzchen suchen, bestellen und genießen, war momentan nicht möglich.

Aber Sarah und Thomas hatten schließlich an dem reservierten Tisch draußen im Innenhof unter einem großen Sonnenschirm Platz nehmen dürfen und schauten auf das desinfizierte, laminierte Blatt mit den aufgelisteten Speisen und Getränken.

Wollen wir ein Glas Sekt vor unserem Kaffee bestellen?“ schlug Thomas vor, „es ist doch etwas Besonderes, dass wir hier gemeinsam an einem Tisch sitzen. Ich finde, das sollten wir gebührend feiern.“

Oja, gerne“, Sarah lächelte ihn an, „du hast recht, jetzt ist gerade der extreme Lockdown vorbei und Du bist hierher gereist, alles sehr gute Gründe für einen Sekt.“

Thomas bestellte den Sekt bei der jungen Kellnerin. Sarah überlegte, ob sie vielleicht eine Studentin war, die sich darüber freute, dass sie wieder in ihrem Nebenjob im Service Geld verdienen konnte.

Der Käsekuchen ist hier besonders zu empfehlen“, sagte Sarah.

Danke für den Tipp. Den werde ich auf jeden Fall bestellen“, Thomas blickte sie an. Ein einvernehmliches Schweigen breitete sich über dem Tisch aus. Sarah erwiderte seinen Blick und in ihrer Phantasie lugten die Elfen aus Shakespeares Sommernachtstraum aus dem großen Blumenkasten neben dem Tisch hervor und flüsterten in ihrer Elfensprache miteinander.

Die junge Frau mit der langen Schürze brachte zwei Gläser Sekt auf einem Tablett und nahm die restliche Bestellung auf. Die Elfen in dem Blumenkasten verstummten solange.



Auf unser Zusammentreffen, heute real und in Farbe“, Thomas hob sein Glas.

Ja, genau, und auf das Leben, das immer wieder - trotz Pandemie - viele Überraschungen bereit hält.“

Während die Gläser sanft aneinander stießen, blickten sich Sarah und Thomas tief in die Augen.

'Ich muss mit dem Alkohol ein bisschen aufpassen', dachte Sarah, 'soviel habe ich heute vor lauter Aufregung nicht gegessen.'

Deshalb nippte sie erst einmal an ihrem Glas.

Vorhin habe ich mit den Kindern meiner Schwester noch im Garten herumgetobt“, erzählte Thomas, „das bringt immer Spaß, aber ich gebe zu, dass mir beim Tampolinspringen ein bisschen schwindelig geworden ist.“

Sarah lachte und stellte sich vor, wie Thomas auf einem Trampolin herum hüpfte.

'Mir wird gleich von dem Sekt schwindelig. Oder von meiner Begleitung?', überlegte Sarah.

Zum Glück wurden jetzt Kaffee und Kuchen gebracht. Sarah schob das Sektglas ein wenig an die Seite und widmete sich der großen Kaffeetasse.

Was ist denn in Hessen aktuell so los? Ist es am Edersee am Wochenende zu Lockdown-Zeiten leer gewesen? Meine Freundin hatte mir früher erzählt, dass gefühlt alle Einwohner von Nord- und Mittelhessen bei schönem Wetter den Edersee stürmen, wenn sie frei haben.“

Es waren in den letzten Monaten nicht viele Besucher am Edersee. Deine Freundin hatte recht, in sogenannten „normalen“ Zeiten sind die Straßen, Parkplätze und Cafés immer sehr voll mit Menschen gewesen. Trotzdem ich auf meinem Grundstück immer meine Ruhe habe, war es ein Unterschied. Die Natur war mehr sich selbst überlassen und bei Waldspaziergängen habe ich selten jemanden getroffen“, Thomas schaute nachdenklich vor sich hin, während er sprach, „außerdem waren in der Ferne keine lauten Motorräder zu hören. Biker lieben den Edersee normalerweise, waren aber auch nicht da. Das wird sich jetzt wahrscheinlich schnell wieder ändern. Aber dann ziehe ich mich auf meine Terrasse zurück und schaue von dort in Ruhe auf das glitzernde Wasser.“

Schön und entspannt“, sagte Sarah und stellte sich Thomas mit einem Glas Wein auf seiner Terrasse in der Abendsonne vor.

Die Einladung zum Edersee, die ich Dir vor einigen Wochen geschrieben habe, gilt nach wie vor. Du bekommst dann das Gästezimmer mit Seeblick, inklusive Frühstück und meiner Kochkünste, was die kleine Ferienhaus-Küche halt so hergibt.“

Darüber werde ich ernsthaft nachdenken. Das klingt sehr verlockend. Aber nur, wenn ich Dich mindestens einmal abends auswärts zum Essen einladen darf.“

Einverstanden“, sagte Thomas.

Beide schwiegen eine Weile und Sarah dachte, dass es in ihrem Leben nicht viele Menschen gab, mit denen sich Sprechpausen so angenehm anfühlten.

Thomas berichtete dann noch, wie seine Heimatstadt langsam wieder zum Leben erwachte. Sarah hörte ihm aufmerksam zu und genoss seine Gegenwart. Sie erzählte noch ein paar Anekdoten aus ihrem bunten Berufsalltag und den Lockdown-Zeiten.

Wann fährst Du wieder nach Hause?“ fragte sie, als die Kaffeetassen, Kuchenteller und auch die Sektgläser geleert waren.

Freitagabend habe ich geplant, Samstagvormittag muss ich wieder in meinen Läden nach dem Rechten sehen. Es gibt immer viel zu organisieren.“

Sarah gab sich innerlich einen Ruck, bald war er wieder hunderte Kilometer entfernt.

Möchtest du, bevor Du los fährst, noch auf einen Kaffee nachmittags bei mir vorbeikommen?“, fragte sie, „ich arbeite bis mittags und könnte auf dem Heimweg vom Büro Kuchen beim Bäcker besorgen.“

Das Angebot nehme ich gerne an“, Thomas lächelte sie an und freute sich offensichtlich über die Einladung, er nahm kurz ihre Hand und drückte sie, „darf ich Dich heute einladen?“

Ja, vielen Dank“, ihr Herz klopfte wieder schneller.

Vor dem Eingang des Cafés umarmten sie sich.

Meine Adresse hast Du ja“, sagte Sarah, während sie so nah beieinander standen.

Stimmt,“ murmelte er. Sie fühlte seinen Atem an ihrem Ohr und seine Hände berührten sanft ihren Rücken.

Bis Freitag“, so richtig konnte sich Sarah nicht aus seiner Umarmung lösen. Es fühlte sich gleichzeitig aufregend und vertraut wie ein Zuhause an.

Schließlich fuhr Sarah mit ihrem Rad wieder nach Hause und vieles ging ihr durch den Kopf. Vor dem Eingang des Fahrradkellers lief ihr Spike, der Kater, über den Weg. Er war in seiner üblichen gemächlichen Geschwindigkeit unterwegs.

Hallo Spike, hattest Du auch so einen schönen Tag wie ich?“ fragte Sarah leise. Wer konnte wissen, ob die alte Frau Schulze vielleicht hinter einem Busch lauerte, um Neuigkeiten über ihre Nachbarn aufzuschnappen. Deshalb war immer ein bisschen Vorsicht angebracht, um Klatsch und Tratsch keine neue Nahrung zu liefern.

Spike schaute sie interessiert an und Sarah deutete den Katerblick als Zustimmung, dass auch er einen schönen Frühlingstag erlebt hatte, was auch immer das für einen Kater bedeuten mochte.


Bob James: Love Is Where

Fortsetzung folgt

Liebe Leserin,
lieber Leser,

einen zauberhaften Frühling wünsche ich Euch.

Liebe Grüße von der Autorin

Sonntag, 30. Mai 2021

#006.16 – Sarah – der Kuss

 

#006.16 – Sarah – der Kuss

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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Der Kuss


Goldene Strahlen der Morgensonne kitzelten den Tag wach. Die Vögel hatten ihr frühes Konzert angestimmt. Der Kater Spike war bereits draußen auf Entdeckungsreise, aber die Menschen schliefen mehrheitlich noch, denn es war Wochenende.

Sarah hatte ein Auge geöffnet und das Sonnenlicht fiel durch einen kleinen Spalt ihres Schlafzimmervorhanges. Sie hatte gerade etwas geträumt und konnte nicht unterscheiden, ob sie sich noch in ihrer Traum-Szene oder in ihrem Schlafzimmer befand. Es verschwamm ineinander und es fühlte sich an, als läge eine sehr vertraute Person neben ihr, sie konnte sogar einen angenehmen männlichen Geruch wahrnehmen, der sich mit dem Duft der frisch bezogenen Bettwäsche mischte.

Thomas?“, murmelte Sarah im Halbschlaf. Dann realisierte sie, dass sie allein in ihrem Bett lag und dass es Samstagmorgen war. Die Person, der sie sich im Traum so nah gefühlt hatte, war hunderte Kilometer entfernt.

Sarah öffnete jetzt beide Augen und schaute auf das Bild, das über ihrem Bett hing. Es war eine schwarz-weiß Fotografie der Marmorskulptur „Le Baiser“ von Auguste Rodin mit besonderen Licht- und Schatteneffekten. Das Bild hatte Sarah vor vielen Jahren in einer unhandlichen Papprolle von einer ihrer Frankreich Reisen mitgebracht und später rahmen lassen. Während des besagten Urlaubs hatte sie im Museum lange vor dem beeindruckenden Kunstwerk gestanden und die Schönheit und intensive Wirkung bestaunt. An dem Liebespaar, das sich innig küsste, hatte Sarah sich noch nie satt gesehen. Sie hatte das Bild nach jedem Umzug in eine neue Wohnung immer wieder über ihrem Bett platziert.

Manchmal verschmolzen Traum und Wirklichkeit. Aber was war denn eigentlich 'wirklich'? Sarah hatte zu dieser frühen Stunde auf diese philosophische Frage noch keinerlei Antwort parat. Aber hatte das überhaupt jemand? Wieder so eine tiefsinnige Frage an einem Samstagmorgen …

Eine Antwort auf viele Fragen am Morgen war bei Sarah oft Kaffee.



Sarah ging in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Dann stellte sie sich in Gedanken versunken an das Küchenfenster, während die Kaffeemaschine im Hintergrund arbeitete.

Nachher wollte sie Thomas, ihren Brieffreund, von dem sie so intensiv geträumt hatte und den sie persönlich noch gar nicht kannte, anrufen. Er wollte sich in den nächsten Tagen mit ihr treffen, weil er einen Besuch bei seiner Schwester, die in der Nähe von Sarah wohnte, plante.

'Das ist doch alles verrückt', dachte Sarah, 'warum fühle ich mich mit einem Mann, von dem ich bis jetzt nur ein Foto gesehen habe, so sehr verbunden?'

Bei dem Gedanken an das bevorstehende Telefonat war Sarah auf einmal hellwach, ganz ohne Kaffee. Wie wohl seine Stimme klang? Vielleicht sollte sie doch lieber erst eine unverfängliche SMS verschicken, oder war das feige? Wahrscheinlich schon, aber gleich ein Telefonat? Das konnte als aufdringlich interpretiert werden und vielleicht hatte er in dem Moment gar keine Zeit zu telefonieren. Schließlich hatten seine beiden Bücherläden in der hessischen Studentenstadt auch am Samstag geöffnet und er musste sich um Pandemie-regelkonforme Buchlieferungen kümmern. Noch grassierte das Corona-Virus, auch wenn die Zahlen rückläufig waren.

In der Küche hing köstlicher Kaffeeduft und Sarah nahm den Becher mit dem Heißgetränk mit in ihr Schlafzimmer.

Sarah entschied sich dafür, zunächst eine SMS zu senden:

Guten Morgen Thomas, vielen Dank für die hübsche Postkarte. Wann hast Du Zeit zu telefonieren? Ich werde nachher noch einkaufen und heute Abend ab 19 00 Uhr habe ich Freundinnen-Telefonat. Melde Dich gerne, wenn es bei Dir gut passt. Ich freue mich darauf, Deine Stimme zu hören und Dich bald persönlich kennenzulernen. Liebe Wochenend-Grüße von Sarah

Während sie mit dem Finger auf den Pfeil „senden“ tippte, stieg ein Kribbeln in ihr hoch. Es war der nächste Schritt nach dem unverfänglichen Briefkontakt. Was wäre, wenn dieser Thomas total unsympathisch war, Mundgeruch oder eine quäkende Stimme hatte? Oder alles zusammen? Tief in ihrem Inneren wusste Sarah, dass es nicht so war. Trotzdem kamen diese Zweifel und Gedanken.

'Das ist einfach die nächste Ebene. Wir haben jetzt Telefonnummern ausgetauscht, werden heute wahrscheinlich miteinander sprechen und uns in einem Café verabreden, mehr ist in der sogenannten „Wirklichkeit“ nicht geschehen. Also, bin ich gespannt, was passieren wird', dachte Sarah und Freude löste die wirren Zweifel ab.

In der Nachbarwohnung war ein polterndes Geräusch zu hören, anscheinend war Sarah nicht die einzige, die schon wach war. Entspannt trank sie den Kaffee und schaute wieder auf die schwarz-weiß Fotografie, die so viele, in wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeißelte Emotionen ausstrahlte. Die Bandbreite war trotz des starren Materials unendlich. Das Bild strahlte in Sarahs Wahrnehmung eine große Lebendigkeit und Frische aus und erfand sich mit jedem Blick darauf neu, trotzdem es mittlerweile ihr jahrelanger Begleiter war.

Bob James: Mind Games 

Fortsetzung folgt

Montag, 24. Mai 2021

#006.15 – Sarah – Frühlingsgefühle

 

#006.15 – Sarah – Frühlingsgefühle

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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Frühlingsgefühle


Ein langes Feiertags-Wochenende stand vor der Tür. Langsam stiegen die Temperaturen und ab und zu war wieder ein Lächeln im Alltag zu sehen. Die Natur hatte alles gegeben und das satte Grün wetteiferte mit den unterschiedlichsten bunten Frühlingsblumen.

Der Kater Spike war in seinem Element, beobachtete Insekten und Vögel und den rot goldenen Sonnenaufgang und -untergang. Er sog den warmen bunten Frühling förmlich in sich auf. Die menschlichen Mitbewohner waren jetzt öfter gut gelaunt und er bekam mehr Leckerlis als noch vor einigen Wochen.

Sarah freute sich auf drei freie Tage. Der Freitag war noch vollgepackt mit den verschiedensten Aufgaben, aber irgendwann war es geschafft und sie schaltete den Computer in ihrem Büro aus. Alle anderen Kolleginnen und Kollegen hatten sich schon verabschiedet.

Im Briefkasten war Post von Thomas aus Hessen. Der Umschlag fühlte sich sehr fest an, so als ob er eine Postkarte enthielt. Sarah war gespannt auf den Inhalt und wollte den Brief am liebsten sofort öffnen. Aber die alte Frau Schulze gesellte sich zu ihr und schaute neugierig auf Sarahs Post. 'Manche Menschen sind völlig hemmungslos', dachte Sarah.

Hallo Frau Schulze, wie geht es Ihnen?“

Danke, es muss ja irgendwie gehen. Ich bin mittlerweile geimpft. Die fiesen Ärzte haben mir den schlechten Impfstoff verabreicht“, schimpfte Frau Schulze.

Haben Sie den Impfstoff vertragen oder gab es Komplikationen?“, erkundigte sich Sarah.

Nein, keine Komplikationen, trotzdem war es eine Frechheit, mir einfach das schlechte Mittel zu geben.“

'Ich wäre froh, wenn ich überhaupt eines bekommen würde', waren Sarahs Gedanken dazu.

Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag“, verabschiedete sich Sarah und wollte schnell diesen Ort der schlechten Laune verlassen. Außerdem hatte sie nicht die geringste Lust, über dieses Thema mit ihrer Nachbarin zu diskutieren.

'Lasse ich mir davon jetzt den Tag verderben?', war die Frage, als sie in ihrer Wohnung angekommen war, 'nein, auf gar keinen Fall!'

Den Brief hatte sie unten bei den Briefkästen unauffällig in ihre Tasche geschoben, um ihn vor Frau Schulzes unverblümten Blicken zu verbergen, und holte ihn jetzt wieder heraus.

Für Sarah lächelten diese Briefe immer und sie lächelte freudig zurück. Mit einer Banane in der Hand ging sie ins Wohnzimmer und machte es sich auf der Couch gemütlich.

Der Umschlag enthielt wirklich eine Postkarte. Auf der Bildseite war ein Ausschnitt eines hübschen alten Fachwerkhauses zu sehen.


Der Text, der die ganze Rückseite der Postkarte ausfüllte, lautete:

Liebe Sarah,

danke für Deinen letzten Brief. Ich möchte nächste Woche meine Schwester in Norddeutschland besuchen und dabei hoffentlich nicht noch einmal meine Geldbörse verlieren. :-) Wer weiß, ob ich noch einmal so viel Glück hätte, dass sie gefunden und von so einer hübschen netten Frau wie Dir zurück geschickt werden würde ...

Hier ist meine Telefonnummer: 0171 xxxxx

Darf ich Dich zu einem Kaffee und Kuchen einladen? Schicke mir doch eine SMS oder rufe mich einfach an, wenn Du magst. Dann können wir uns vielleicht bald persönlich kennenlernen?

Liebe Grüße von Thomas

PS Ich weiß, dass eine Handynummer und SMS nicht so ganz zu unserem altmodischen Briefwechsel passen, aber die Neugier hat gesiegt. Ich möchte Dich so gerne treffen.

Sarahs Herz klopfte aufgeregt, nachdem sie die Zeilen gelesen hatte. Einerseits war der Zauber der Papierbriefe ein bisschen gebrochen, aber sie war auch sehr gespannt darauf, Thomas persönlich zu treffen.

'Ich werde noch eine Nacht darüber schlafen und mich morgen bei ihm melden', dachte sie und strich sanft über die Silhouette des Fachwerkhauses auf der Postkarte.

Was für eine schöne Vorstellung, mit Thomas in einen Café zu sitzen, in einer großen Kaffeetasse den Milchschaum zu verrühren und mit ihm über Shakespeare, den Sinn und Unsinn des Lebens, Musik und stimmungsvolle kitschige Kinofilme zu plaudern.

Till Brönner: Run To You



Fortsetzung folgt


Mittwoch, 12. Mai 2021

#006.14 – Sarah – unbeirrbarer Kreislauf des Lebens

#006.14 – Sarah - unbeirrbarer Kreislauf des Lebens

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Unbeirrbarer Kreislauf des Lebens


Der Frühling kämpfte mühsam voran. Es war immer noch sehr kalt und eine Winterjacke durchaus angebracht. Trotzdem zeigte sich überall ein zartes Grün und bunte Frühlingsblumen, die den kalten Nächten trotzten. Der Verlauf der Pandemie war ähnlich. Immer noch galten viele Beschränkungen, aber auch kleine hoffnungsvolle Silberstreifen am Horizont für Besserung und Freiheiten waren sichtbar, zum Beispiel durch den Fortschritt des Impfens.

Sarah war nach der Arbeit noch in der Stadt unterwegs. Sie hatte ein paar Kleinigkeiten im Drogeriemarkt und ein Geschenk besorgt. Theoretisch war es sogar möglich, jetzt nach dem Einkauf noch einen Kaffee draußen in einem Café zu trinken. Die Stadt war nicht mehr so ausgestorben wie noch vor wenigen Wochen, das fühlte sich gut an.

Gut gelaunt fuhr Sarah mit dem Rad nach Hause. Heute Abend wollte sie wieder an ihren Seelenverwandten in Hessen, Thomas, einen Brief schreiben.Die Brieffreundschaft war durch die Rücksendung einer verlorenen Geldbörse entstanden und hatte sich zu einem Austausch sehr tiefgründiger und persönlicher Dinge entwickelt. Für Sarah war dieser Briefwechsel ein echter Lichtblick in den Pandemiezeiten gewesen.

Spike, der Kater, lugte hinter einem Busch hervor, als Sarah um die Ecke bog. Er schaute, wer die Maus, die er eben noch unter der Erde gehört hatte, verscheucht hatte. Gemächlich legte er sich wieder hin und schloss die Augen, um seinen Katerträumen weiter zu folgen. Dabei wackelte er ein wenig mit seinen pelzigen Ohren.

Sarah lief die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf und freute sich auf den Feierabend. Schnell wurden die Einkäufe verstaut und der Wasserkocher für das Teewasser angestellt. Jetzt begann der entspannte Teil des Tages mit einem echten Brief und einem Becher heißen Tee.

Lieber Thomas,

danke für das Foto (der Mann auf dem Foto gefällt mir) und die stimmungsvollen Gedanken und Assoziationen in Deinem letzten Brief.

Ich habe die Elfen aus Shakespeares Sommernachtstraum im Schlosspark Deiner Stadt förmlich vor mir gesehen. Ja, ich bin sicher, dass sie dort im Rosengarten und in den alten Bäumen hoch über den Dächern der Stadt wohnen, kichern und viel Unsinn anstellen. Mit dem Genuss eines prickelnden Getränkes bzw. Zaubertranks mit feinsprudeligen winzigen Bläschen werden sie bestimmt sichtbar und lassen Träume Wirklichkeit werden. Du merkst, ich komme langsam in Frühlingslaune und freue mich auf den Moment, wenn wir beide wirklich auf einer Picknick-Decke mit dem Zaubertrank sitzen und dem Treiben dieser Wesen zusehen können. Dann ist es natürlich warm und wir erzählen uns allerlei Sinnvolles und Sinnloses, lachen und haben Spaß.

Vorhin hätte ich sogar in einem Café draußen einen Kaffee trinken können, also es geht aufwärts. Wer weiß, ob wir uns diese trübe Zeit der Pandemie in ein paar Monaten noch vorstellen können. Oder wir wissen Freiheiten, Sonne, Wärme und gute Momente mehr zu schätzen und genießen sie ausgiebiger als vorher. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr so viele Pläne und Ideen aufzuschieben, sondern zum Beispiel sofort, wenn es passt, eine Fahrkarte in Richtung Hessen zu kaufen, um dort eine schöne Zeit zu erleben. Falls es regnen sollte, gehen wir einfach in das letzte verbliebene plüschige Kino und schauen uns einen Film mit schönen Bildern, Landschaften und wenig sichtbarer Handlung an und gehen danach in eine der Studentenkneipen, um einen Croque mit ganz viel Soße zu essen und den klebrigen Tisch damit zu bekleckern. :-)

Mir fällt aktuell eine starke Gereiztheit auf. Viele sind wohl müde und gestresst von diesem ewigen Lockdown, der Kälte des Frühlings, der sozialen Isolation und den Sorgen, die berechtigterweise viele umtreiben. Ich wünsche mir trotzdem, öfter im Alltag ein Lächeln zu sehen. Mittlerweile ist ein Einkauf im Supermarkt eine wirklich depressive Angelegenheit geworden. Höchste Zeit für Frühling und Aufbruch, finde ich. Auf meinem Balkon blüht schon alles und die Vögel singen morgens um die Wette, als gäbe es die Pandemie und die Kälte nicht. Das könnten wir uns als Vorbild nehmen. Was meinst Du?

Damit mich der Strudel der schlechten Stimmung nicht mitreißt, zähle ich mir oft die guten Dinge in meinem Leben auf: Gesundheit, mein relativ sicherer Arbeitsplatz, meine Familie, Freunde, ein Leben in Frieden mit vollem Kühlschrank und allem, was ich zum Leben brauche. Das ist eine Menge, auf jeden Fall Grund genug, um zu lächeln.

In diesem Sinne, freuen wir uns des Lebens und ich mich auf Deinen nächsten Brief

Liebe Grüße von Sarah aus dem Norden

Draußen war ein Sonnenuntergang mit schimmernden roten Wolkenformationen zu sehen. Sarah trat nachdenklich auf den Balkon, lauschte dem Abendkonzert der Vögel und betrachtete die sprießende Natur. Das war gerade ein Wimpernschlag im Kreislauf des Lebens.

Phil Collins - In The Air Tonight ('Panski & John Skyfield Remix) [Deep House]

Fortsetzung folgt


Sonntag, 25. April 2021

#006.13 – Sarah – Ein Sommernachtstraum

 

#006.13 – Sarah – Ein Sommernachtstraum

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Ein Sommernachtstraum


Die Kälte draußen schien kein Ende zu nehmen. Allerdings war es am Tag spürbar länger hell und die Natur erwachte trotz Frostnächten mehr und mehr zum Leben. Die wenigen sonnigen Momente nutzte Spike, der Kater, um sich auf den Steinen wohlig auszustrecken, um möglichst viel von der Wärme aufzunehmen.

Die Medien berichteten viel von politischem Streit über den Umgang mit der Pandemie. Die Menschen hatten das Thema und den wenig konsequenten Umgang der Politiker damit satt. Es knirschte an der Basis, aber die meisten hielten sich an die Regeln.

Sarah war aktuell sehr mit ihren beruflichen Herausforderungen beschäftigt und blendete das ewige Hin und Her in den Medien manchmal aus. Das führte dazu, dass sie sich gerade im Supermarkt fragte, ob sie überhaupt die aktuell vorgeschriebene Mund-Nasen-Bedeckung bei sich hatte. Niemand hatte sie deswegen angesprochen, also schien es das richtige Modell zu sein. Es lag Resignation in der Luft. Die anderen Kunden, die an der Kasse standen, blickten starr und abwesend vor sich hin, es waren weit und breit keine freundlichen Augen zu sehen.

'Jetzt bloß schnell nach Hause', dachte Sarah während sie ihren Einkauf im Rucksack verstaute, 'was für ein anstrengender Tag.'

In ihrem Briefkasten zu Hause, lächelte ihr aber ein Brief von Thomas entgegen. Der ließ ihr Herz höher schlagen und fühlte sie sich sofort besser, so als hätte sich die Tür der schwierigen Realität – zumindest in diesem Moment – geschlossen.

Hallo Spike“, begrüßte Sarah den alten Kater an der Tür. Er strich um ihre Beine und schaute sie aus seinen unergründlichen Augen an.

In ihrer Wohnung war es wie immer angenehm still. In der Küche stand noch der Kaffeebecher von heute morgen, das leise Ticken der Küchenuhr war zu hören und ein verhaltenes Wassergeräusch aus der Nachbarwohnung.

Der Brief wurde als erstes feierlich auf den Wohnzimmertisch vor dem Sofa platziert und er lächelte Sarah in ihrer Wahrnehmung weiterhin zu. Es ging etwas Besonderes von diesen Briefen aus, was schwer in Worte zu fassen war.

Nach den Einräumen der Einkäufe und der Teezubereitung steuerte Sarah mit ihrem heißen Becher wieder die freundliche Aura des altmodischen Briefes an. 'Wie eine Art Blase in dieser verrückten Zeit', dachte sie und machte es sich auf dem Sofa bequem.

Ein Foto eines lächelnden Mannes mit einer modernen Brille und ein paar Lachfältchen um die Augen fiel aus dem Umschlag.

Liebe Sarah,

mittlerweile freue ich mich darüber, dass ich vor einiger Zeit in Deiner Stadt meine Geldbörse verloren habe. Es sollte wohl so sein, dass wir uns „treffen“, bis jetzt nur per Brief, aber wer weiß, was noch kommt, sofern die Entwicklung der Pandemie es zulässt.

Ich freue mich, wenn Du mich in meiner Stadt besuchst. Gerne können wir ein Picknick im Schlosspark machen. Für mich steckt in diesem Park sehr viel von Shakespeares Sommernachtstraum. Du hast recht, es gibt dort so viele verwunschene kleine Orte, zum Beispiel der Rosengarten oder der verwilderte Bereich mit den vielen alten Bäumen. Dort können gut Elfen und andere Wesen wohnen und sich allerlei Unsinn ausdenken … und wir daneben mit unserer Picknick-Decke. Ich werde entsprechende prickelnde Getränke besorgen (bei uns in der Stadt gibt es eine eigene Sektkellerei), mal sehen, was die Wesen dann anstellen werden.

Du hattest mich vor kurzem gefragt, was ich genau im Bücher-Business tue. Ich sorge unter anderem dafür, dass die vielen Studenten alle notwendigen Bücher für ihr Studium erhalten, d. h. Ich betreibe einen Buchladen, bzw. zwei Buchläden, in der Stadt. Natürlich hat das Internet seine eigene Dynamik in dieses Geschäft gebracht, aber dadurch, dass ich die Läden in einer Studentenstadt habe, erzielen mein Team und ich nach wie vor einen guten Umsatz. Vielleicht hast Du sogar damals, als Du Deine Freundin hier besucht hast, schon einmal ein Buch einem meiner Läden gekauft?

Ich bin mit dieser Stadt sehr verbunden, engagiere mich auch in der Kulturszene und habe gute Kontakte zur Uni. Darüber, dass Du dieses beschauliche Städtchen magst, freue ich mich. Anscheinend mögen wir beide ähnliche Plätze hier. Ich kann Dir vielleicht auch noch neue Orte zeigen, die Du noch nicht kennst, wenn Du magst.

Ich habe übrigens nicht gedacht „Sarah spinnt...“, das hast Du richtig eingeschätzt. Wir sind uns im Denken und Fühlen wahrscheinlich ähnlich. „Pfützenmalerei“ ist mir nicht fremd und auch Deine Gedanken zum Pachelbel Canon kann ich gut nachvollziehen. Dieses Stück Ewigkeit, dass uns berührt, steckt in jeder echten Kunst, der Natur oder in einem selbstvergessenen Tun.

Ein Foto schicke ich Dir heute mit, damit Du Dir vorstellen kannst, mit wem Du diese tiefgründigen Gedanken teilst. Außerdem lege ich noch den Flair dieser besonderen Stadt im tiefsten grünen Hessen-Land mit in den Umschlag.

Ich freue mich auf Deine nächsten Zeilen. Deine Briefe erhellen diese trübe Zeit …

Liebste Grüße Thomas 


Ja, Shakespeares Sommernachtstraum. Erinnerungen an eine Theateraufführung in der Schulzeit stiegen in Sarah auf. Selbst in der leicht muffigen Aula der Schule war ein sanfter Sommerwind durch die Reihen der Zuschauer geweht. Später hatte sie das Stück mindestens dreimal in verschiedenen Theatern gesehen und war jedes Mal träumend in die Handlung gezogen worden und am Ende durch den Applaus wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt.

Schöne Aussichten waren das, vielleicht mit dem unbekannten Mann namens Thomas einen ganz eigenen Sommernachtstraum im Schlosspark zu erleben. Die Pandemie und die vielen Jobprojekte waren gerade in weite Ferne gerückt und hatten Sommerwärme und schelmischen tuschelnden Wesen Platz gemacht.

Kygo - Higher Love


Fortsetzung folgt


Sonntag, 18. April 2021

#006.12 – Sarah – Pfützenmuster

 

#006.12 – Sarah – Pfützenmuster

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Pfützenmuster



Das zweite Osterfest, das von der Pandemie geprägt war, war vorbei. Sarah hatte sehr stille und zurückgezogene Ostertage erlebt, ein kurzer Besuch bei ihrer Mutter, ein paar Telefonate, mehr war nicht möglich gewesen. Am Ostermontag hatte sie allerdings Thomas Brief beantwortet. Sie wollte sich unbedingt für seine Geschenke bedanken.

Lieber Thomas,

vielen Dank für das kleine Päckchen, das am Donnerstag vor meiner Wohnungstür stand. Das Buch hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal bekommen, neben seinem unscheinbaren Bruder mit dem gleichen Inhalt.

Das Buddelschiff steht in meinem Badezimmer. Immer, wenn ich in meiner Badewanne abtauche und die restliche Welt draußen bleibt, kann ich es anschauen und mir vorstellen, wie wir beide am Ufer des Edersees sitzen (wo ich noch nie gewesen bin) und gemeinsam dem Spiel der Wellen zusehen. Ich stelle mir vor, dass Du ein Mensch bist, mit dem ich einfach schweigen könnte, ohne dass es sich komisch anfühlt, ein einträchtiges und entspanntes Schweigen, das sich selbst genügt. Ich habe in meinem Leben selten Menschen getroffen, mit denen das möglich war.

Ich beneide Dich um Deinen besonderen Ort, an den Du Dich zurückziehen kannst. Wasser hat eine besondere Wirkung. Als Kind habe ich sehr gerne mit einem Stock oder Blättern in Pfützen gerührt und die Verwirbelungen des Sandes genau beobachtet. Es ergaben sich immer neue Muster dabei. Ich konnte mich absolut in diese Pfützenbilder versenken und habe alles andere um mich herum vergessen. Aus einem intuitiven Grund weiß ich, dass Du genau verstehst, was ich meine und wie es anfühlt, so etwas zu tun. Woher kommt dieses Wissen, frage ich mich? Vielleicht schüttelst Du in Wirklichkeit den Kopf, während Du das liest, und denkst: 'Sarah ist zwar nett, aber spinnt auch ein bisschen...' (ich bin mir aber sicher, dass Du das nicht tust!)

Eine gute Freundin und ich haben neulich bei einem gemeinsamen Abendessen darüber gesprochen, dass es nach unserer Auffassung eine Essenz der Ewigkeit gibt. Das klingt sehr hochtrabend, ich weiß, es handelt sich aber um eine einfache Wahrheit. Wir meinen damit, dass eine höhere, intuitive Wahrheit existiert, die zeitlos und unzerstörbar ist. Sie drückt sich unter anderem in der Natur, Musik, in Bildern und Büchern aus oder wenn Kinder selbstvergessen träumen und spielen. Der Pachelbel Canon ist ein Beispiel für die zeitlose Harmonie und einem Gefühl von Ewigkeit, die alles überdauern wird. Dieses Stück lief im Hintergrund beim Essen. Meine Freundin hatte sehr fein gekocht und das Essen mit einer dazu passenden Musikauswahl serviert.

Wer weiß, wie lange uns diese Pandemie noch begleiten wird. Vielleicht besuche ich Dich wirklich dieses Jahr in Hessen. Natürlich werde ich dann in einem Hotel wohnen, aber Dich dann sehr gerne zum Beispiel in der Jazz-Kneipe oder im Schlosspark oben über den Dächern der Stadt bei einem Picknick treffen. Ich erinnere mich an viele verwunschene und Phantasie beflügelnde Orte in dem Park.

Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Brief - vielleicht mit Foto :-) .

Liebe Grüße von Sarah

Sarah trank den Tee aus, der neben ihr stand und kalt geworden war. Der Brief wurde sorgsam in einen Umschlag geschoben, beschriftet und mit einer Briefmarke versehen. Es fühlte sich ein bisschen feierlich und altmodisch an.

Obwohl es draußen gerade regnete und stürmte, lief Sarah die Treppenstufen hinunter. Spike, der Kater, der gerade ein Schläfchen in seiner Box im Treppenhaus machte, registrierte sie gar nicht. Noch nicht einmal er wollte bei diesem Wetter vor die Tür, Sarah schon. Schließlich gab es wichtige Post zu versenden. 

Canon in D

Fortsetzung folgt