Sonntag, 22. August 2021

#006.22 – Sarah – Licht am Ende des Tunnels

#006.22 – Sarah – Licht am Ende des Tunnels

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und 

 meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort. 

Sie wohnt im 2. Stock rechts. 


Licht am Ende des Tunnels



„Hey Thomas, kannst du gerade sprechen oder störe ich?“, Sarahs Stimme klang etwas atemlos, während sie das Mobiltelefon an ihr Ohr hielt. 

„Ich freue mich über deinen Anruf, Sarah. Ich wollte sowieso eine kleine Pause machen und habe mir einen Kaffee geholt“, die angenehme Tonlage seiner Stimme erreichte Sarahs Ohr und ließ ihr Herz ein wenig schneller schlagen. 

„Ich habe dein Päckchen bekommen und weiß gar nicht, was ich sagen soll. So etwas Schönes bekommt einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.“

„Ich wusste sofort, dass dir das Kaleidoskop gefallen würde. Wir mögen ähnliche Dinge, das hatten wir ja schon öfter festgestellt. Wie verbringst du heute deinen Tag?“

„Ich war vorhin mit einem Kollegen  frühstücken. Er ist relativ neu in der Firma.“

„Hat er ein Auge auf dich geworfen? Wenn es so sein sollte, fordere ich ihn demnächst im Morgengrauen zum Duell heraus“, sagte Thomas. 

Sarah lachte: „Nein, ich glaube nicht. Er ist ein bisschen frech, aber nein ...“ Sie stellte sich die beiden Männer im Morgengrauen im Nebel jeweils gekleidet in einem langen altmodischen Mantel mit einer verschnörkelten Pistole vor. 

„Wann besuchst du mich hier in Hessen?“, wollte Thomas wissen. 

„In zwei Wochen habe ich Urlaub und noch keinen richtigen Plan wegen der Pandemie ehrlich gesagt. Kannst du mir vielleicht ein Hotel empfehlen?“

„Was hältst du davon, wenn du mir den Zeitraum mitteilst, wann du kommen möchtest, und ich kümmere mich alles weitere? Ein Hotelzimmer zu buchen,  dürfte kein Problem sein. Das kann ich vor Ort tun.“

„Ja, sehr gut. Ich werde dieses Wochenende dann ernsthaft meinen Urlaub planen und sage dir Bescheid“, Sarah schaute nachdenklich aus ihrem Fenster, während sie sprach, „tatsächlich hatte ich vor einigen Tagen meinen ersten Impftermin. Es war dieser Impfstoff, der nur einmal verabreicht werden muss. Damit habe ich ein gutes Gefühl, mich wirklich ein paar Tage von meiner gewohnten Umgebung wegzubewegen.“

„Ich bin mittlerweile auch vollständig geimpft. Dann können wir ja eine richtige Party veranstalten, was denkst du?“, Sarah meinte ein feines Lächeln aus seinem letzten Satz herauszuhören. 

„Ja, das können wir. Jetzt freue ich mich darauf, hier ein paar Tage wegzukommen. Der Lockdown war doch sehr lang.“

„Alles klar, dann sage mir Bescheid, wann du kommen möchtest. Ich werde mir dann viel Zeit für dich bzw. uns nehmen. Ich wünsche dir noch ein schönes Wochenende und flirte nicht so viel mit Kollegen“, sagte Thomas. 

„Keine Angst. Ich wünsche dir auch ein tolles Wochenende und arbeite nicht so viel“, antwortete Sarah und drückte auf den roten Hörer auf ihrem Display. 

Jetzt konnte sie nicht mehr zurück und würde demnächst nach Hessen fahren. Das war nicht nur wegen Thomas aufregend. Die Tatsache, die vertraute Umgebung hinter sich zu lassen, war wie ein Looping in Sarahs Kopf. Die letzten Monate hatten den Eindruck entstehen lassen, dass sie in einem Tunnel unterwegs gewesen war. 

Was sie wohl dort erwarten würde? 

Sarah beschloss, das schöne und unpraktische Kleid in ein Jeans-Outfit zu tauschen und eine Radtour zu unternehmen. 

Als sie das Kleid auf einen Bügel hängte, brummte ihr Telefon. Eine SMS wurde auf dem Display angezeigt. 

Hallo Kollegin, bist du gut nach Hause gekommen? Es war ein schönes Frühstück mit dir. Bis Montag dein Matthias

‚Kompliziert, wenn anscheinend zwei Männer Interesse haben, mich näher kennenzulernen‘, dachte Sarah, ‚carpe diem ist ein guter Plan, besonders in diesen Zeiten.‘

Draußen traf Sarah Frau Schulze mit einer Papiertüte voller alter Zeitungen in der Hand. 

„Hallo Frau Schulze. Haben Sie Spike gesehen? Ich habe noch ein paar Leckerlis für ihn der Tasche.“

„Nein, er hat sich wahrscheinlich in einem Versteck gemütlich gemacht. Ein alter Kater hat ja sonst nichts zu tun“, brummte Frau Schulze. 

Da war sie wieder: Die volle Ladung schlechte Laune. Sarah fragte sich, ob Frau Schulze vor der Corona-Zeit auch immer diese miese Stimmung verbreitet hatte. Sie konnte sich nicht genau erinnern. Es war, als hätte die Pandemie vieles, was vorher war, ausgelöscht. Alles musste sich jetzt wieder neu zusammenfügen. 

Marvin Gaye - If This World Were Mine

Fortsetzung folgt 


Dienstag, 27. Juli 2021

#006.21 – Sarah – Kaleidoskop

 

#006.21 – Sarah – Kaleidoskop

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)

Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Kaleidoskop


Der Regenbogen am Himmel erstrahlte in voller Pracht, als Sarah in ihrem blauen Kleid, das sehr lange einsam im Schrank gehangen hatte, an jenem denkwürdigen Samstagmorgen das Haus verließ. Ein wenig aufgeregt war sie schon, auch wenn es „nur“ ein Kollege war, der sie zum Frühstück eingeladen hatte. Um das Gefühlswirrwarr noch zu steigern, hatte sie sich eingestanden, dass sie viel lieber mit ihrem Brieffreund Thomas einen Kaffee getrunken hätte. Aber er wohnte nun einmal mehr als 400 Kilometer entfernt und war aktuell mit seinen beiden Bücherläden in der kleinen Studentenstadt in Hessen beschäftigt.

Mittlerweile waren schon mehr Menschen auf der Straße unterwegs, als Sarah mit ihrem Rad in Richtung Innenstadt fuhr. Sie musste das blaue Kleid beim Fahren ein wenig bändigen, damit der Wind den Rock nicht unvermittelt hochwirbeln konnte. Der Vorteil an der zugegebenermaßen gewagten Rocklänge war allerdings, dass der Stoff nicht zwischen die Fahrradspeichen geraten würde. Jeans waren immer die bequemere Alternative, zumindest beim Radfahren, aber Sarah hatte sich heute für dieses Outfit entschieden. Der Gedanke, dass ihr Kollege Matthias ihr wahrscheinlich nette Komplimente machen würde und außerdem große Augen, tröstete sie ein wenig.

Sarah erreichte das Café und schloss das Fahrrad ab.

Hey, Sarah“, meldete sich eine Stimme von schräg rechts, „toll, dass du so spontan bist.“

Sarah schaute in die Richtung, aus der die Stimme kam.

Hallo Matthias, also die Uhrzeit deiner SMS am Samstagmorgen war schon abenteuerlich.“

'Abenteuerlich' kann ich am besten“, war seine Antwort, „und Du bist jetzt hier.“ Dabei zwinkerte er mit den Augen.

Irgendwie fiel ihr in diesem Moment keine spontane passende Antwort ein.

Du siehst übrigens toll aus. Mit dem Kleid habe ich Dich noch nie im Büro gesehen.“

Danke“, war ihre schlichte Antwort, so als seien ihr auf einmal sämtliche Worte abhanden gekommen.

Ich habe einen Tisch reserviert. Hast Du diese Registrierungs-App auf Deinem Handy?“, fragte er.

Ja, lass uns hineingehen. Wir können uns gerne mit meinem Handy registrieren.“

In diesen Zeiten war es sehr kompliziert, ein Café zu betreten. Die Regeln änderten sich ständig und waren regional unterschiedlich. Ohne die besagte App wurden die Kontaktdaten umständlich auf einem Formular erfasst.

Liebe Kollegin, hast Du Hunger? Hinter der Theke gibt es die besten Bagels der Stadt.“

Nachdem sie sich registriert und endlich den Tisch erreicht hatten, schaute Sarah unauffällig ihr Gegenüber etwas genauer an. Matthias trug ein Jeanshemd und eine dunkle Jeans, was sehr lässig wirkte, außerdem trug er heute eine Brille. Er hatte schlanke gepflegte Hände, was ihr sehr gut gefiel.

Das Kleid, was du heute anhast, ist echt der Hammer“, merkte er an und grinste dabei.

Danke, beim Rad fahren war es etwas kompliziert.“

Später, nachdem die Kellnerin viele kleine Teller und Schälchen mit verschiedenen Frühstücksleckereien abgestellt hatte und Sarah voller Hingabe in ihrem Milchkaffee rührte, erzählte Matthias ein paar Anekdoten aus seiner Abteilung. Sarah prustete einmal laut los vor Lachen, als er die Brummgeräusche des hausinternen IT-Spezialisten nachahmte, der äußerst selten mit Worten kommunizierte.

Matthias betrachte sie aufmerksam, während sie lachte und auf einmal breitete sich eine angenehme Ruhe aus, auch alle Geräusche von den Nachbartischen waren in diesem Moment verstummt. Sarah erwiderte still seinen Blick und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ergriff Matthias wieder das Wort: „Es gefällt mir unheimlich gut, mit Dir hier zu frühstücken. So können wir die Pandemie-Atempause gemeinsam genießen, auch wenn unsere Kontaktdaten heute wieder in irgendeinem Speicher-Nirwana gelandet sind.“

Da magst Du recht haben“, sagte Sarah nachdenklich, „in diesen Zeiten ist es wahrscheinlich leicht für IT-Nerds, ich meine natürlich Spezialisten, Konsumenten-Profile zu erstellen. Wer weiß, vielleicht bekommen wir demnächst Werbung für neue Bagel-Kreationen von Café Schröder per Mail?“

Damit kann ich, glaube ich, leben“, er grinste, „wollen wir demnächst mal zusammen ins Kino gehen? Auch das ist wohl wieder möglich.“

Ja, warum nicht. Ich war schon über ein Jahr nicht mehr im Kino. Wirklich Wahnsinn, wenn man sich das überlegt.“

Darf ich dich heute einladen? Schließlich habe ich dich heute so früh mit meiner SMS geweckt.“

Ja, du darfst mich einladen. Den Kinoabend kann ich dann ja übernehmen“, antwortete Sarah.

Matthias hatte die Rechnung bezahlt und vor dem Café verabschiedeten sie sich.

Vielen Dank für das schöne Frühstück. Wir sehen uns ja wahrscheinlich am Montag im Büro.“

Davon gehe ich aus. Nehmen wir den ersten Kaffee in der Küche zusammen?“, fragte Matthias.

Gut, dann sehen wir uns am Montag um 8.00 Uhr in unserer Büroküche“, fasste Sarah zusammen und lächelte dabei, „einen schönen Sonntag für Dich morgen und denke nicht allzu viel an die Arbeit.“

Höchstens an Dich, tschüss, Sarah, und pass auf, dass Dein Kleid auf dem Fahrrad nicht weg fliegt.“

Tschüss, Matthias, kein Kommentar dazu von mir.“

Mittlerweile zeigte Sarahs Armbanduhr 13.00 Uhr an. In ihrem Briefkasten zu Hause war eine Benachrichtigung, dass ein Päckchen für sie bei Frau Schulze abgegeben worden war.

Sarah klingelte an Frau Schulzes Wohnungstür. Nach einer Weile öffnete sich die Tür und ein Kopf mit grauen Draht-ähnlichen Haaren schaute heraus.

Sie wollen bestimmt das Päckchen abholen, oder? Warten Sie, ich hole es.“

Während Sarah wartete, sprintete der Kater Spike ungewöhnlich schnell für sein Alter die Treppe herunter.

Hey, Spike, ich öffne Dir gleich unten die Tür“, sagte sie laut.

Ein Paket aus Hessen“, stellte Frau Schulze neugierig fest, „haben Sie Verwandte dort?“

Nein, danke fürs Annehmen und einen schönen Tag noch“, schnell verließ Sarah mit diesen Worten die Zone der nachbarschaftlichen Neugierde und ließ erst Spike ins Freie.

In ihrer Wohnung betrachtete sie das Paket von allen Seiten. Thomas hatte es sorgfältig beschriftet. Mit einer Schere öffnete sie es vorsichtig. Es war ein Umschlag und ein weiteres längliches, in Geschenkpapier eingewickeltes Paket darin. Das Geschenkpapier war mit fein gezeichneten Gingko-Blättern bedruckt. Sarah packte es im Zeitlupentempo aus, damit das schöne Papier, was an sich schon ein kleines Kunstwerk war, nicht dabei zu Schaden kam. Darin war in einem cremefarbenen Karton ein altmodisches Metall-Kaleidoskop. Sarahs Herz schlug bei diesem Anblick schneller, so etwas Schönes hatte sie lange nicht mehr in den Händen gehabt. Sie schaute hindurch und drehte es bedächtig dabei, während stetig neue Muster vor ihrem Auge entstanden. Als Kind hatte sie ein buntes Kaleidoskop aus Pappe besessen. Nie hatte sie sich daran satt sehen können, stundenlang wurde es gedreht und die Plastikperlen-Formationen staunend bewundert. Es lag in ihrer Kiste mit den besonderen Kindheitserinnerungen in ihrem Keller.


Liebe Sarah,

am Donnerstag bin ich wieder gut zu Hause angekommen und dachte die ganze Zeit daran, dass ich Dich leider nicht noch einmal sehen konnte. Ich weiß, es ist eigentlich unverzeihlich, eine tolle Frau wie Dich zu „versetzen“.

Als kleine Wiedergutmachung schicke ich Dir dieses Kleinod, was mir ein guter Freund, der mit Antiquitäten handelt, für Dich überlassen hat. :-) Ich finde, es passt zu Dir bzw. zu Menschen wie uns, die gerne Regentropfenmuster in Pfützen ansehen oder sogar mit einem Ast darin herumrühren, um die Verwirbelungen zu beobachten …

Vielleicht kommst Du mich bald besuchen? Die Corona-Lage ist ja gerade entspannter als noch vor ein paar Wochen. Ich werde alles dafür tun, um der beste Stadtführer, den diese hessische Stadt je gesehen hat, für Dich zu sein, inklusive Ausflug zu meinem Ferienhaus am Edersee, wenn Du noch ein paar Tage Urlaub dranhängen möchtest.

Ich freue mich, wenn Du an mich denkst, während das Kaleidoskop besonders harmonische Muster für Dich zaubert.

Auf Deinen Besuch bei mir in meiner Stadt freue ich mich jetzt schon und kann es kaum abwarten.

Dein Thomas

Seinabo Sey - Younger (Kygo Remix)

Fortsetzung folgt



Montag, 5. Juli 2021

#006.20 – Sarah – Regenbogen

 

#006.20 – Sarah – Regenbogen

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Regenbogen


Ein donnerndes Gewitter hatte die erste Hitzewelle des Jahres beendet. Es war Samstag und draußen rauschte der Sommerregen, der wunderbar duftete und nach der Hitze ungemein erfrischend war.

An diesem Morgen in Sarahs Traum im Halbschlaf regnete es auch. Sie träumte vom Schlosspark der hessischen Stadt, in der Thomas wohnte. Hoch über der Stadt erhob sich majestätisch das Schloss, umgeben von dem verwunschenen Park. Es roch nach feuchter Erde, Gras und Blumen. In ihrem Traum hatten sich Thomas und sie leidenschaftlich geküsst und waren sich in einem Pavillon, der etwas abseits stand, sehr nahe gekommen.

Ein Brummen, das überhaupt nicht zu der Traumszene passte, bahnte sich den Weg zu Sarahs Ohr. Es war der Nachrichtenton ihres Handys. Normalerweise schaltete sie das Gerät nachts immer aus, aber gestern war sie von der Arbeitswoche so erledigt gewesen, dass sie es vergessen hatte.

Völlig verschlafen und noch gefangen in ihrem Traum griff Sarah nach dem Telefon. Ihr Kollege Matthias hatte ihr eine Nachricht geschickt.

'Wieso schickt er mir mitten in der Nacht Nachrichten?' fragte sie sich leicht verärgert. Gerne wäre sie einfach in ihrem prickelnden Traum geblieben. Das Telefon zeigte emotionslos 7.32 Uhr an.

Guten Morgen liebe Kollegin, es ist noch sehr früh, ich weiß. Trotzdem wollte ich Dich fragen, ob ich Dich heute Vormittag zum Frühstück in das Café Schröder einladen darf. Eigentlich wollte ich Dich gestern deswegen ansprechen, aber Du warst dann schon weg. Im Café Schröder könnten wir unter der Markise sitzen. Dort gibt es unter anderem sehr gute Bagels. Was meinst Du? Viele Grüße von Matthias

Gestern beim ersten Kaffee in der Büroküche hatten sie Telefonnummern ausgetauscht. Im ersten Moment hatte sich Sarah ein wenig überrumpelt gefühlt, als er sie nach ihrer privaten Telefonnummer gefragt hatte, andererseits war er ein netter Kollege, der ihr auch äußerlich gut gefiel. Der kleine Flirt tat ihr gut, nachdem sie sich eingestanden hatte, dass Thomas und sie wegen der weit entfernten Wohnorte höchstwahrscheinlich kein Paar werden würden. Diese Erkenntnis war ein melancholischer nagender kleiner Schmerz, der sich in ihr Innerstes hinein gebohrt hatte, wie ein Ministachel mit Widerhaken.

'Darauf antworte ich später', überlegte sie und zog sich die Decke über den Kopf. Leider klappte die Rückkehr in das Land der Träume nicht mehr. Im Traum hatte sie sich Thomas so unglaublich nah gefühlt, jetzt lagen wieder mehr als 400 Kilometer zwischen ihnen.

'Knutschen im Schlosspark finde ich eigentlich besser als ein Kollegen-Frühstück, aber vielleicht hilft Kaffee weiter', dachte Sarah. Dann hatte sie eine Idee.

Sie zog sich schnell eine Jeans und ein T-Shirt an, putzte die Zähne, kochte einen Kaffee und füllte das Getränk in ihren Thermobecher, noch schnell eine Banane in die Tasche gepackt und natürlich einen Regenschirm und los ging es in den Wald ein paar hundert Meter entfernt.

Die Luft draußen roch wie frisch gewaschen, durchatmen war nach der Hitzewelle auch wieder möglich. Auch wenn das Styling heute morgen ausgefallen war, fühlte sich Sarah großartig. Das Handy lag auf dem Küchentisch und niemand würde ihre Gedankengänge stören.

Da es noch so früh am Morgen war, begegnete ihr nur eine Frau, die ihren nassen Hund ausführte. Auf Sarahs freundliches „Guten Morgen“ schaute sie nur mit hängenden Mundwinkeln auf die andere Straßenseite.

Im Wald glänzten die Blätter vom Regenwasser und der erdige Geruch aus ihrem Traum wehte in ihre Nase. Nur Thomas fehlte. Immer noch stach der kleine Stachel der Melancholie. Sie hatte in Thomas einen Seelenverwandten getroffen, der eine ähnlich geschärfte Wahrnehmung hatte und ganz neue Zusammenhänge im Kleinen und Großen herstellen konnte. Außerdem war er ein Schöngeist und in ihrem Traum vorhin noch dazu ziemlich leidenschaftlich.

Sarah hatte den Ort erreicht, wo sie ihren Kaffee genießen wollte: Ein Holz-Pavillon am Rande des großen Spielplatzes, der verlassen und voller Pfützen im Morgenlicht lag. Die Regentropfen zauberten Kreise auf die Pfützenoberflächen und ein vergessenes rotes Sandförmchen war mit Wasser vollgelaufen.

Während sie den heißen Kaffee trank, schaute sie dem Regen zu und ließ ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf.

Also, was sollte sie ihrem Kollegen antworten? Wollte sie überhaupt in das schicke Café gehen? Bei dem Gedanken wanderte ihr Blick auf die mit Matsch vollgespritzten alten Turnschuhe, die sie immer bei Waldspaziergängen trug und nie putzte. Andererseits war Matthias sehr nett und lustig und konnte sie sicherlich auf andere Gedanken bringen. Manchmal fragte Sarah sich, ob ein Teil der Verstimmung, die sie zuweilen verspürte, der Pandemie geschuldet war. Es war höchste Zeit, das langsam wieder abzulegen und nach vorn zu sehen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Kochkurs? So etwas sollte doch demnächst wieder möglich sein. Oder die berufliche Fortbildung, die sie schon seit zwei Jahren anfangen wollte?

Nachdenklich packte sie den leeren Becher wieder in ihre Tasche.

'Danke Regen', dachte sie, 'also, gleich duschen, nein, erst die Nachricht beantworten, dann duschen und das schöne Kleid aus dem Schrank holen. Das Leben geht weiter, auch wenn der Traumprinz in Hessen im Schlosspark wandelt und gerade unerreichbar weit weg ist.'

Das einzige männliche Wesen auf dem Rückweg, das ihr begegnete, war kein Traumprinz sondern Spike, der Kater. Auch er hatte ein nasses Fell, aber irgendwie nie schlechte Laune wegen so einer Kleinigkeit. Er maunzte und Sarah ließ ihn ins Treppenhaus, wo er es sich in seiner Box in der Ecke gemütlich machte.

Das Telefon lag noch dem Küchentisch. Aus dem Küchenfenster war zu sehen, dass der Regen langsam nachließ und die Sonne kurz durch die Regenwolken schaute. Das waren ideale Voraussetzungen für einen Regenbogen.

Bob James: Organza

Fortsetzung folgt

 

Sonntag, 27. Juni 2021

#000.7 – Schöne Ferien

#000.7 – Schöne Ferien


Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freundinnen und Freunde,

einen schönen Sommer mit der Entdeckung von verwunschenen Orten, entweder in der näheren Umgebung oder weiter entfernt, wünsche ich Euch.

Meinen Urlaub werde ich unter anderem dazu nutzen, mein geplantes Buch-Projekt voran zu bringen. Verwunschene Orte werden mich dabei inspirieren. ;-)

Wahrscheinlich schreibe ich in den nächsten Wochen den einen oder anderen Blogbeitrag, aber vielleicht etwas unregelmäßiger. Ihr werdet auf jeden Fall erfahren, wie es mit Sarah im Spiegel der Corona-Pandemie weitergeht.

Genießt die Zeit zum Träumen, aktiv sein, zum persönlichen Austausch mit anderen, der solange schwierig war, und vielleicht auch für neue Inspirationen. Das Pandemiegeschehen verändert sich und es eröffnen sich neue Möglichkeiten. 

Brian Culbertson: The journey

In diesem Sinne bis bald und bleibt weiterhin gesund und munter

Eure Autorin



Sonntag, 20. Juni 2021

#006.19 – Sarah – Hitze

 

#006.19 – Sarah – Hitze

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Hitze


Im Büro stöhnten alle über die Hitze, die auf einmal die Anzeige auf dem Thermometer in schwindelnde Höhen trieb. Sarahs Chef schickte kurz vor der Mittagspause eine Mail an alle Mitarbeiter, dass Eis im Eisfach der Bürokühlschränke zur Abkühlung bereit lag. Eine Kollegin hatte ihren Kunststoff-Papierkorb zweckentfremdet. Er war mit Wasser statt mit Papier gefüllt und sie nutzte ihn für ein kühlendes Fußbad. Ventilatoren summten und alle sehnten heute den Feierabend herbei.

Sarah holte sich in der Küche ein Eis aus dem Kühlschrank und beschloss, die Mittagspause draußen zu verbringen. Außerhalb des Bürogebäudes konnte sie zumindest die Maske weglassen, unter der sie extra schwitzte.

Ich gehe mal ein paar Schritte, bis später“, informierte sie ihre Kollegin, die munter mit ihren Füssen im Papierkorb planschte.

Bis gleich, mir ist es draußen zu warm“, antwortete sie.

In der Nähe des Büros war eine kleine Fußgängerzone. Die Hitze vor der Tür traf Sarah wie eine Keule, kleine Schweißperlen liefen über ihre Stirn, während sie die Maske in ihrer Tasche verstaute.

'Das war vielleicht doch nicht die beste Idee', dachte sie.

Die Fußgängerzone war wie ausgestorben, einige Läden hatten die langen Schließzeiten während des Lockdowns nicht überlebt und es gab Schilder „Zu vermieten“ an den zugeklebten Fenstern. Das passte zu Sarahs melancholischer Stimmung.

Nach Thomas' morgendlicher Absage ihres geplanten gemeinsamen Kaffeetrinkens per SMS hatte Sarah erkannt, dass es wenig sinnvoll war, eine ernsthafte und reale Kennenlernphase mit ihm zu erwägen. Er wohnte einfach zu weit weg und weder sie noch er würden ihren momentanen Wohnort verlassen wollen, da war sie sich sicher. Obwohl das, was sie verband, im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaft war, schien es nicht alltagstauglich zu sein, eine traurige Erkenntnis.

Sarah Behrens ...“, sagte eine Männerstimme halb von der Seite, „wovon träumst du gerade? Fast hättest du mich umgerannt.“

Sarah schaute in die Richtung, aus der die Stimme kam.

Entschuldigung“, murmelte sie und erkannte, dass ein Kollege aus einer anderen Abteilung war. Im Berufsalltag hatten sie nicht so viel miteinander zu tun. Sarah fiel das erste Mal auf, dass dieser Kollege sehr groß und schlank war. Außerdem hatte er ein ansteckendes Lächeln.

'Ob es auch an der Corona-Zeit liegt, dass jeder wie in einem Tunnel unterwegs ist und nette und gutaussehende Kollegen und andere schöne Dinge einfach links liegen gelassen oder schlichtweg nicht registriert werden?' fragte sich Sarah insgeheim. Ihre vage Erinnerung war, dass dieser Kollege noch nicht so lange in ihrer Firma arbeitete.

Wollen wir ein Stück in dieser Gluthitze zusammen gehen oder ein schattiges Plätzchen suchen? Da hinten gibt es eine Bank unter dem großen Baum“, sagte er, „Vorsicht Dein Eis tropft.“

Eine schattige Bank ist verlockend. So richtig habe ich dieses Eis gerade nicht im Griff.“

Sarah ließ die Überlegungen zu ihrem Brieffreund Thomas für einen Moment hinter sich und folgte ihrem Kollegen. Wie war noch mal sein Name? Sie kramte in ihrem Gedächtnis: Michael oder Matthias? Wie peinlich, im Gegensatz zu ihr wusste er genau, wie sie hieß.

'Nachher gucke ich in der Telefonliste', dachte sie.

Es ist mir schon öfter aufgefallen, dass du anscheinend mit deinen Gedanken ganz woanders bist, wenn ich dich im Treppenhaus oder im Kopierraum getroffen habe“, sagte er und zwinkerte ihr dabei freundlich zu, „allerdings trägst du dann kein Eis mit Dir herum.“

Sarah hatte das Gefühl, dass die Temperatur bei dieser Aussage noch zunahm und ihre Wangen erreichte. Sie überlegte, wie oft er sie wohl schon beobachtet hatte, ohne dass sie es bemerkt hatte.

Keine Angst, ich bin kein Stalker“, fügte er noch hinzu, als könnte er Gedanken lesen.

Sarah und er machten es sich auf der Bank gemütlich und Sarah schaffte es, den Rest des Eises einigermaßen elegant zu essen. Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und versuchte mit dem Gedanken 'jetzt ist sowieso alles egal' den kleinen Fleck auf ihrem Rock wegzuwischen, aber das herunter getropfte Erdbeereis haftete hartnäckig auf dem Stoff und verteilte sich sogar noch. Aus dem Augenwinkel meinte sie ein kleines amüsiertes Lächeln in seinen Augen zu erkennen.

Souverän zu sein, ging anders, aber es war ja schließlich nur ein Kollege, allerdings ein attraktiver Kollege. Wieso war es ihr bisher nie aufgefallen?

Sie plauderten ein wenig über ihre Firma und darüber, dass das traditionelle Sommerfest letztes Jahr wegen der Pandemie ausgefallen war.

Ich glaube, der Chef überlegt, ob es dieses Jahr wieder ein Sommerfest geben wird, vielleicht am Ende der Sommerferien“, sagte Sarah, „irgendwie sehnen sich alle nach so etwas wie Normalität.“

Das stimmt. Würdest du dann mit mir tanzen?“ fragte der Kollege, dessen Name Sarah immer noch nicht eingefallen war.

Na klar, gerne. Ich denke, wir sollten uns langsam auf den Weg ins Büro machen. Tatsächlich möchte ich noch ein paar Vorgänge heute vom Tisch bekommen“, antwortete Sarah. 'Und sofort in der Telefonliste seinen Namen recherchieren', war ihr nachfolgender Gedanke.

Im Flur des Bürogebäudes verabschiedeten sie sich.

Ich wünsche Dir noch einen produktiven Arbeitstag trotz der Affenhitze“, sagte er, „wenn du magst, können wir ja demnächst noch einmal eine Mittagspause zusammen verbringen.“

Ja, gerne. Bis bald und ich wünsche dir nachher einen schattigen Feierabend.“

Er schickte ihr ein paar Minuten später eine Mail mit dem Text:

Das nächste Eis geht auf mich. :-) Viele Grüße aus meinem Büro (aktuelle Temperatur: 35°C) von Matthias

Zum Glück wusste sie jetzt endlich seinen Namen, ohne umständlich die Telefonliste wälzen zu müssen, und antwortete prompt:

Hallo Matthias,

danke für die Einladung, darauf komme ich gerne zurück. Die Temperatur in meinem Büro ist nicht genau zu beziffern (kein Thermometer), aber jetzt schmilzt und tropft das Eis meiner Kollegin gegenüber ….

Viele Grüße von Sarah


Nach einem kurzem Abstecher in den Supermarkt, inklusive Einkauf von Leckerlis für Spike, den Kater, war sie in ihrer kühlen Wohnung angekommen und konnte endlich in Ruhe ihre Gedanken ordnen.

Heute morgen war sie so enttäuscht gewesen, dass sie Thomas erst einmal nicht mehr sehen konnte, weil er ungeplant abreisen musste. Es hatte sich angefühlt, als sei sie unsanft aus einem wunderschönen Traum gerissen worden. Und dann war mittags der Kollege aufgetaucht und hatte mit seiner netten Art für Ablenkung gesorgt.

'Wie viele Menschen fallen mir im Alltag gar nicht auf. Beim genaueren Hinsehen stellt sich heraus, dass es sogar im näheren Umfeld neue Bekanntschaften geben kann. Es lohnt sich, die Augen aufzumachen, und das Leben geht weiter seinen Gang', dachte sie, während sie eine Sommermusik-Playlist startete und mit Musik im Ohr auf ihrem Balkon die tief stehende Sonne am Horizont beobachtete.

Spike, der Kater, hatte es sich neben einem Busch im Schatten bequem gemacht, nachdem er von Sarah vorhin einige Leckerlis bekommen hatte. Wahrscheinlich freute er sich genau wie seine menschlichen Mitbewohner, dass es wenig abgekühlt war.

Till Brönner: Summer Breeze

Fortsetzung folgt


Sonntag, 13. Juni 2021

#006.18 – Sarah – Ein kleiner Stich ins Herz

 

#006.18 – Sarah – Ein kleiner Stich ins Herz

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)

Ein kleiner Stich ins Herz


Der Donnerstag nach dem ersten Treffen mit Thomas begann bei Sarah damit, dass ihr Telefon morgens brummte.

Guten Morgen Sarah, vielen Dank für Deine inspirierende Gesellschaft gestern. Du bist eine wunderschöne und kluge Frau. Mich erreichte heute sehr früh ein Anruf aus meinem Geschäft und leider muss ich heute schon in Richtung Hessen aufbrechen. Das heißt, wir können uns am Freitag nicht bei Dir zum Kaffee trinken treffen, was ich sehr schade finde. Ich freue mich, wenn Du mich demnächst besuchst. Lass uns dann durch meine Heimatstadt schlendern und ein sommerliches Wochenende genießen. Die Corona-Lage entspannt sich ja zum Glück. Allerliebste Grüße von Thomas

Irgendwie hatte Sarah gestern kurz vor dem Einschlafen das Gefühl gehabt, dass es genau so kommen würde. Ein leises Bedauern stieg in ihr auf.

'Wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht hätte ein weiteres Treffen alles verkompliziert', dachte sie, während sie ihre Tasche für die Arbeit packte, 'so können wie beide darüber nachdenken, ob wir ernsthaft und real ein weiteres Kennenlernen anstreben.'

Ihre Bekanntschaft spielte sich auf einer anderen Ebene ab. Thomas und sie waren mit ihrer besonderen Form der Kommunikation auf einer Insel fernab von allem Alltäglichen unterwegs gewesen, was wunderschön war.

'Ich denke, ich werde ihn in den nächsten Wochen besuchen und die Zeit wie einen Urlaub genießen. Alltagstauglich wäre eine Beziehung bei uns ohnehin nicht. Er ist in Hessen verwurzelt und ich hier', war ihr Fazit für diesen Morgen, als sie die Treppe herunterlief, um sich gleich wieder ihren Aufgaben im Job zu widmen. Trotz dieser vernünftigen Einordnung der Situation hatte es ihr einen kleinen Stich ins Herz versetzt, der ein bisschen weh tat. Ein Gefühl von Verlust und eine leise Traurigkeit und Melancholie begleiteten Sarah in diesem Moment auf ihrem Weg.  

Spike, der Kater, stand am Eingang und maunzte.

Hey, ich habe gerade gar nichts für Dich dabei. Ich bringe Dir nachher etwas mit“, sagte sie zu Spike und kraulte ihn einen Moment. Spike schnurrte jetzt wieder zufrieden. „Bis nachher!“ Und schon war sie in Richtung ihres Autos verschwunden.


Spike schaute Sarah nach und widmete sich wieder seinen Katerangelegenheiten:

Mäuse aufspüren, die er aufgrund seines Alters sowieso nicht fangen konnte und einfach den Tag an einem sonnigen Plätzchen genießen.

Brian Culbertson: The Journey

Fortsetzung folgt


Sonntag, 6. Juni 2021

#006.17 – Sarah – Herzklopfen

 

#006.17 – Sarah – Herzklopfen

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Heute kommt Sarah wieder zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Herzklopfen


Es war Mittwoch viertel vor fünf nachmittags und einer dieser besonderen Momente, an den sich Sarah wahrscheinlich noch in vielen Jahren erinnern würde. Ihr Herz klopfte vor Aufregung, bestimmt würde sie gleich kein Wort herausbringen.

Ihre Worte und Gedankenwelten waren in den Wochen zuvor so spielerisch leicht auf das Papier geflossen, bevor diese in einem Papierumschlag hunderte Kilometer in einer gelben Postkiste durch das Land zu ihrem Empfänger reisten. Dieser Empfänger stand nun am Eingang des gemütlichen Cafés, in dem sie sich verabredet hatten, gekleidet in Jeans und blauem Hemd.

'Gleich werde ich Thomas das erste Mal persönlich gegenüber stehen und trotzdem habe ich das Gefühl, ihn seit ewigen Zeiten zu kennen. Bis jetzt war es nur ein Briefwechsel und weiter nichts', Sarahs Gedanken überschlugen sich, 'was tue ich hier bloß?'

Nervös wanderte ihre rechte Hand zu ihrer kleinen dunkelbraunen Lederhandtasche. Sie brauchte dringend einen Anker zum Festhalten, eine Handtasche eignete sich gut dafür. .

Sarah“, Thomas schaute sie mit großen Augen an, „wie schön, Dich zu sehen und dass Du es einrichten konntest.“

Sarah blickte in sein kluges, freundliches Gesicht. Dabei legte sie ihren Kopf ein wenig in den Nacken, weil er größer war als sie.

Ich freue mich auch. Hattest Du eine gute Anreise? Ich habe gestern hier einen Tisch reserviert, das ist in diesen Zeiten sicherer. Jetzt wollen ja viele nach den Monaten im Corona-Lockdown wieder ausgehen“, während sie diese Worte aussprach, wunderte sie sich sich selbst darüber, dass ihr die Begrüßung so locker über die Lippen gekommen war, während es in ihrem Innern gerade aufgeregt brodelte.

Ja, dieses Mal habe ich nichts Wichtiges verloren, als ich für meine Schwester einen Blumenstrauß gekauft habe“, während er das sagte, zwinkerte er lächelnd mit den Augen.

Ihre Brieffreundschaft war durch seine aus der Jackentasche gefallene Geldbörse entstanden. Sarah hatte sie auf einem Supermarkt-Parkplatz gefunden und ihm per Post geschickt. Daraus hatte sich der intensive Briefkontakt entwickelt.

Sarah ertappte sich dabei, dass ihr Blick von seinen schelmischen Augen zu seinen Lippen wanderte. 'Er kann bestimmt sehr sinnlich küssen', dachte sie und empfand dabei wieder eine intensive Nähe zu diesem eigentlich unbekannten Mann.

In seltenen, besonderen Augenblicken spürte Sarah ein feines Vibrieren in ihrem Körper. Immer dann, wenn alles passte. Das konnte eine zwischenmenschliche Stimmung, ein vollkommenes Musikstück oder das Zusammenspiel verschiedener Akteure, die etwas gemeinsam gestalteten, sein. Ihre Aufregung war verschwunden und hatte sich in eine große innere Ruhe verwandelt, während sie diesem Gefühl nachspürte.

Sarah, wollen wir hinein gehen?“

Ja, natürlich. Ich habe wohl einen Moment geträumt.“

Wahrscheinlich, zumindest sah es so aus. Vielleicht erzählst Du mir Deine Träume irgendwann“, seine Stimme war auf einmal sehr leise.

'Du kennst sie wahrscheinlich schon', dachte Sarah.

Jetzt folgte das Prozedere der aktuell gültigen Corona Verordnung:

Mund-Nasen-Schutz aufsetzen, die Hände am Eingang wie in einem Krankenhaus desinfizieren und Einchecken mit Kontaktdaten

Einfach nur in ein Café gehen, sich ein nettes Plätzchen suchen, bestellen und genießen, war momentan nicht möglich.

Aber Sarah und Thomas hatten schließlich an dem reservierten Tisch draußen im Innenhof unter einem großen Sonnenschirm Platz nehmen dürfen und schauten auf das desinfizierte, laminierte Blatt mit den aufgelisteten Speisen und Getränken.

Wollen wir ein Glas Sekt vor unserem Kaffee bestellen?“ schlug Thomas vor, „es ist doch etwas Besonderes, dass wir hier gemeinsam an einem Tisch sitzen. Ich finde, das sollten wir gebührend feiern.“

Oja, gerne“, Sarah lächelte ihn an, „du hast recht, jetzt ist gerade der extreme Lockdown vorbei und Du bist hierher gereist, alles sehr gute Gründe für einen Sekt.“

Thomas bestellte den Sekt bei der jungen Kellnerin. Sarah überlegte, ob sie vielleicht eine Studentin war, die sich darüber freute, dass sie wieder in ihrem Nebenjob im Service Geld verdienen konnte.

Der Käsekuchen ist hier besonders zu empfehlen“, sagte Sarah.

Danke für den Tipp. Den werde ich auf jeden Fall bestellen“, Thomas blickte sie an. Ein einvernehmliches Schweigen breitete sich über dem Tisch aus. Sarah erwiderte seinen Blick und in ihrer Phantasie lugten die Elfen aus Shakespeares Sommernachtstraum aus dem großen Blumenkasten neben dem Tisch hervor und flüsterten in ihrer Elfensprache miteinander.

Die junge Frau mit der langen Schürze brachte zwei Gläser Sekt auf einem Tablett und nahm die restliche Bestellung auf. Die Elfen in dem Blumenkasten verstummten solange.



Auf unser Zusammentreffen, heute real und in Farbe“, Thomas hob sein Glas.

Ja, genau, und auf das Leben, das immer wieder - trotz Pandemie - viele Überraschungen bereit hält.“

Während die Gläser sanft aneinander stießen, blickten sich Sarah und Thomas tief in die Augen.

'Ich muss mit dem Alkohol ein bisschen aufpassen', dachte Sarah, 'soviel habe ich heute vor lauter Aufregung nicht gegessen.'

Deshalb nippte sie erst einmal an ihrem Glas.

Vorhin habe ich mit den Kindern meiner Schwester noch im Garten herumgetobt“, erzählte Thomas, „das bringt immer Spaß, aber ich gebe zu, dass mir beim Tampolinspringen ein bisschen schwindelig geworden ist.“

Sarah lachte und stellte sich vor, wie Thomas auf einem Trampolin herum hüpfte.

'Mir wird gleich von dem Sekt schwindelig. Oder von meiner Begleitung?', überlegte Sarah.

Zum Glück wurden jetzt Kaffee und Kuchen gebracht. Sarah schob das Sektglas ein wenig an die Seite und widmete sich der großen Kaffeetasse.

Was ist denn in Hessen aktuell so los? Ist es am Edersee am Wochenende zu Lockdown-Zeiten leer gewesen? Meine Freundin hatte mir früher erzählt, dass gefühlt alle Einwohner von Nord- und Mittelhessen bei schönem Wetter den Edersee stürmen, wenn sie frei haben.“

Es waren in den letzten Monaten nicht viele Besucher am Edersee. Deine Freundin hatte recht, in sogenannten „normalen“ Zeiten sind die Straßen, Parkplätze und Cafés immer sehr voll mit Menschen gewesen. Trotzdem ich auf meinem Grundstück immer meine Ruhe habe, war es ein Unterschied. Die Natur war mehr sich selbst überlassen und bei Waldspaziergängen habe ich selten jemanden getroffen“, Thomas schaute nachdenklich vor sich hin, während er sprach, „außerdem waren in der Ferne keine lauten Motorräder zu hören. Biker lieben den Edersee normalerweise, waren aber auch nicht da. Das wird sich jetzt wahrscheinlich schnell wieder ändern. Aber dann ziehe ich mich auf meine Terrasse zurück und schaue von dort in Ruhe auf das glitzernde Wasser.“

Schön und entspannt“, sagte Sarah und stellte sich Thomas mit einem Glas Wein auf seiner Terrasse in der Abendsonne vor.

Die Einladung zum Edersee, die ich Dir vor einigen Wochen geschrieben habe, gilt nach wie vor. Du bekommst dann das Gästezimmer mit Seeblick, inklusive Frühstück und meiner Kochkünste, was die kleine Ferienhaus-Küche halt so hergibt.“

Darüber werde ich ernsthaft nachdenken. Das klingt sehr verlockend. Aber nur, wenn ich Dich mindestens einmal abends auswärts zum Essen einladen darf.“

Einverstanden“, sagte Thomas.

Beide schwiegen eine Weile und Sarah dachte, dass es in ihrem Leben nicht viele Menschen gab, mit denen sich Sprechpausen so angenehm anfühlten.

Thomas berichtete dann noch, wie seine Heimatstadt langsam wieder zum Leben erwachte. Sarah hörte ihm aufmerksam zu und genoss seine Gegenwart. Sie erzählte noch ein paar Anekdoten aus ihrem bunten Berufsalltag und den Lockdown-Zeiten.

Wann fährst Du wieder nach Hause?“ fragte sie, als die Kaffeetassen, Kuchenteller und auch die Sektgläser geleert waren.

Freitagabend habe ich geplant, Samstagvormittag muss ich wieder in meinen Läden nach dem Rechten sehen. Es gibt immer viel zu organisieren.“

Sarah gab sich innerlich einen Ruck, bald war er wieder hunderte Kilometer entfernt.

Möchtest du, bevor Du los fährst, noch auf einen Kaffee nachmittags bei mir vorbeikommen?“, fragte sie, „ich arbeite bis mittags und könnte auf dem Heimweg vom Büro Kuchen beim Bäcker besorgen.“

Das Angebot nehme ich gerne an“, Thomas lächelte sie an und freute sich offensichtlich über die Einladung, er nahm kurz ihre Hand und drückte sie, „darf ich Dich heute einladen?“

Ja, vielen Dank“, ihr Herz klopfte wieder schneller.

Vor dem Eingang des Cafés umarmten sie sich.

Meine Adresse hast Du ja“, sagte Sarah, während sie so nah beieinander standen.

Stimmt,“ murmelte er. Sie fühlte seinen Atem an ihrem Ohr und seine Hände berührten sanft ihren Rücken.

Bis Freitag“, so richtig konnte sich Sarah nicht aus seiner Umarmung lösen. Es fühlte sich gleichzeitig aufregend und vertraut wie ein Zuhause an.

Schließlich fuhr Sarah mit ihrem Rad wieder nach Hause und vieles ging ihr durch den Kopf. Vor dem Eingang des Fahrradkellers lief ihr Spike, der Kater, über den Weg. Er war in seiner üblichen gemächlichen Geschwindigkeit unterwegs.

Hallo Spike, hattest Du auch so einen schönen Tag wie ich?“ fragte Sarah leise. Wer konnte wissen, ob die alte Frau Schulze vielleicht hinter einem Busch lauerte, um Neuigkeiten über ihre Nachbarn aufzuschnappen. Deshalb war immer ein bisschen Vorsicht angebracht, um Klatsch und Tratsch keine neue Nahrung zu liefern.

Spike schaute sie interessiert an und Sarah deutete den Katerblick als Zustimmung, dass auch er einen schönen Frühlingstag erlebt hatte, was auch immer das für einen Kater bedeuten mochte.


Bob James: Love Is Where

Fortsetzung folgt

Liebe Leserin,
lieber Leser,

einen zauberhaften Frühling wünsche ich Euch.

Liebe Grüße von der Autorin