Samstag, 23. April 2022

#007.4 – Jessica – mal weg

 

#007.4 – Jessica – mal weg


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Jessica fährt spontan in eine größere Stadt.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Mal weg


Wieder war ein wenig Zeit ins Land gegangen. Der Frühling zeigte neben der Blumenpracht auch seine wärmere Seite.

Jessica hatte sich einigermaßen in ihrer neuen Umgebung eingelebt. Die Umzugskartons befanden sich im Keller und die darin enthaltenen Dinge hatten ihren Platz in Jessicas Wohnung gefunden. Heute begann ein langes Feiertags-Wochenende. Jessica hatte sich zusätzlich zwei Tage freigenommen.

Um 6.00 Uhr morgens war alles von der aufgehenden Sonne in ein rot-goldenes Licht getaucht. Jessica trug einen kleinen Koffer die Treppen herunter. Draußen war Spike, der Kater, bereits unterwegs und beobachtete, wie Jessica aus der Eingangstür trat. Ihre Blicke trafen sich und Jessica rief ihm fröhlich entgegen: „Bis bald, Spike, ich fahre ein paar Tage weg.“

Vorgestern war Jessica aufgefallen, dass sie aktuell ähnlich lebte wie während ihrer Ausbildung: Eine kleine Wohnung, wenig Verpflichtungen und die damit einhergehende Freiheit.. Aus diesem Gefühl heraus buchte sie spontan ein Zugticket und ein Privatzimmer in der Hauptstadt. Bei dem Zimmer handelte es sich um ein leerstehendes WG-Zimmer mitten in einem Szene-Bezirk. Während sie die entsprechenden Klicks auf ihrem Mobiltelefon tätigte, stieg eine unbändige Freude und Abenteuerlust in ihr auf.

Zu dieser frühen Stunde auf dem Weg zum Bahnhof ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass es in ihrem Bett sehr gemütlich gewesen war. Vielleicht hätte sie doch lieber hier bleiben sollen?

Diese Gedanken verflogen später, als sie von der freundlichen Studentin an der zerkratzten Wohnungstür begrüßt wurde. Die Interims-Mitbewohnerin hieß Lea und zeigte ihr das Zimmer. Es gab ein selbstgebautes Bett aus Paletten, wackelige Regale, einen bunten Teppich in der Mitte des Holzfußbodens und einige moderne Kunstdrucke an den Wänden. Im Flur stand eine spärlich bekleidete männliche Schaufenster-Puppe. Alles war sauber und ein wenig zusammengewürfelt.

Das ist übrigens George“, erklärte Lea, „er ist der einzige Mann in dieser Wohnung. Du kannst gerne die Küche benutzen. Ein Fach im Kühlschrank ist leer, da könntest du deine Sachen hinein stellen. Es gibt leider keine Spülmaschine.“

Der Kühlschrank in der Küche war über und über mit bunten Postkarten und verschiedenen Magneten übersät.

Lea zeigte ihr das Bad und übergab den Wohnungsschlüssel. Dann schloss Jessica die Tür ihres Zimmers und ließ das Ganze auf sich wirken. Ein Wasserkocher, zwei Becher mit Werbeaufdruck und verschiedene Teebeutel standen auf einem Regal. Alles war so anders als in ihren Urlauben mit Michael. Er hatte immer gern in teuren Hotels mit Tiefgarage, Spa-Bereich und Restaurant seinen Urlaub verbracht. Das hatte Jessica seinerzeit gut gefallen. Nun hatte sie das Kontrast-Programm gebucht und fühlte sich unglaublich frei, fast schwerelos. Noch nicht einmal ein Kleid befand sich in ihrem Koffer, nur Jeans und bequeme Schuhe. Ein Kleid und drückendes Schuhwerk passte absolut nicht hierher.

Jessicas erste Station war das Café gegenüber der WG-Wohnung. Holztische standen draußen, es wirkte gemütlich und so bunt wie ihre Unterkunft. Jessica bestellte sich einen Kaffee und schaute auf dem Display ihres Mobiltelefons, was die Hauptstadt in den nächsten Tagen zu bieten hatte. So viele Möglichkeiten … Kino, Theater, Ausstellungen, mehrere Flohmärkte und so weiter.

Wieder wanderten ihre Gedanken zu Michael. Mit ihm hätte sie hier nicht so entspannt Kaffee trinken können. Die anderen Gäste wären nicht nach seinem Geschmack gewesen, außerdem hatte sich die junge Kellnerin beim Servieren ungeschickt angestellt. Die Untertasse hatte einen kleinen Sprung und ein Kaffeerand zeichnete sich auf dem runden Papier unter der Tasse ab. In Jessicas Kopf formten sich die unfreundlichen Sätze, die Michael dazu gesagt hätte. Dann schob sie diese Gedanken ganz bewusst beiseite und rührte den Milchschaum in ihrer Tasse um. Dieser Mann war nicht anwesend und die Sätze in Jessicas Kopf waren nicht ausgesprochen worden.

Abends saß Jessica in einem plüschigen roten Kinosessel und schaute einen französischen Film, in dem es vorrangig um die Irrungen und Wirrungen eines Liebespaares ging, alles vor wunderschönen Kulissen und Landschaften. Im Kino waren überwiegend Frauen. Einige sahen so aus wie pensionierte Französisch-Lehrerinnen, fand Jessica. Zumindest stellte sie sich pensionierte Französisch-Lehrerinnen genau so vor.

'Es lebe das Klischee', dachte sie, während sie genüsslich das warme Popcorn knabberte.

Beschwingt, weil sich die Liebenden in dem Film am Ende so hingebungsvoll geküsst hatten, lief Jessica in Richtung U-Bahn. Ein gut aussehender junger Mann spielte am Eingang Gitarre und sang dazu. Übermütig warf sie ihm fünf Euro in seinen Hut und lächelte ihn an. Alles war so unbeschwert und leicht.

Am nächsten Tag schien die Sonne in das Studentenzimmer. Jessica hatte auf dem selbstgebauten Paletten-Bett gut geschlafen und trank einen Tee zum wach werden. Das Ganze fühlte sich mehr und mehr wie ein Abenteuer an.

'Ich gehe heute in ein paar Vintage-Läden und kaufe mir irgendein verrücktes Kleidungsstück, vielleicht einen Hut oder ein buntes Tuch?', überlegte sie, 'soll ich Michael vielleicht eine Postkarte schicken?'

Den letzten Gedanken verwarf sie, er fühlte sich nicht richtig an, der Einkauf in einem Vintage-Laden hingegen schon. Hier gab es tolle Läden voller verrückter Kleidungsstücke zum Stöbern. .

In diesem Viertel ein paar Straßen weiter gab es den ersten Laden. Jessica konnte sich an der Kleidung gar nicht satt sehen und probierte einige Kleider aus verschiedenen Mode-Jahrzehnten an.

'Ich bin eindeutig ein Kleinstadt-Kind', stellte sie fest. Am Ende wurde es tatsächlich ein Hut, außerdem kaufte sie eine hübsche silberne Kette mit einem Bernstein-Anhänger. Das Silber war ein wenig angelaufen, es hatte echte Patina. 

Später saß sie auf der Mauer eines Springbrunnens, neben sich ein Pappbecher mit Kaffee und einen Crepe mit tropfendem Apfelmus auf einer Serviette, und beobachtete die Menschen, die vorüber gingen. Verschiedene Sprachen klangen an ihr Ohr, es gab unterschiedlichste Outfits und Frisuren zu bestaunen.

Nach einer Runde in einer Fotografie-Ausstellung beschloss Jessica, ein paar Kleinigkeiten zum Abendessen einzukaufen und den Abend in ihrer Unterkunft zu verbringen. Die große Stadt war spannend und voller Eindrücke. Jessica brauchte eine Pause zum Durchatmen.

In der Küche ergab sich ein nettes Gespräch mit Lea. Lea studierte Medizin und erzählte ein paar lustige Geschichten von ihrer Uni. Sie berichtete, wie die Schaufensterpuppe George den Weg in die Wohnung gefunden hatte. George war von einem Kaufhaus ausgemustert worden und ihm drohte die Entsorgung. Zu der Zeit hatte Lea in dem Kaufhaus in den Semesterferien gejobbt und ihn nach Feierabend in der U-Bahn während der Rush Hour mit nach Hause genommen. Die damalige Mitbewohnerin hatte George freudig begrüßt und er war seitdem der Star jeder WG-Party. Viele wollten ein Foto mit George oder ihn umstylen.

So einen Abend hätte sie niemals mit Michael erleben können. Statt Baguette mit Käse und einem Tomaten-Salat hätten sie wahrscheinlich in einem teuren Restaurant gegessen, leise Musik im Hintergrund, auf dem Tisch Weingläser mit erlesenem Rotwein, nur gedämpfte Stimmen und verhaltenes Lachen im Hintergrund. Michael hätte ausladend von seinen Projekten berichtet und Jessica die meiste Zeit geschwiegen und dabei am Rotweinglas genippt. 

Heute Abend saß sie mit der Studentin Lea an einem wackeligen Küchentisch, zwei Wassergläser im  Blümchen-Design gefüllt mit Rotwein und Baguette mit Käse auf einem großen Holzbrett mit intensiven Gebrauchsspuren vor sich. Die bunten Postkarten auf dem Kühlschrank erzählten von der weiten Welt da draußen und George beobachtete die Szene vom halbdunklen Flur aus.

Am nächsten Tag nahm sich Jessica ein großes bekanntes Museum vor. Abends aß sie eine Kleinigkeit in dem Café gegenüber. Das war ein Moment, in dem sie ein Gefühl von Einsamkeit beschlich. Die überwiegend jungen Leute um sie herum lachten und erzählten und Jessica gab es einen Stich, dass sie allein am Tisch saß. Irgendwann hatte sie einmal folgenden Spruch aufgeschnappt:

Glaube nicht alles, was Du denkst.“

'Dann glaube ich jetzt nicht, dass ich einsam bin', beschloss sie, zahlte, überquerte die Straße, um dann später tief und traumlos auf den Holzpaletten mit Matratze zu schlafen.

Morgen würde sie wieder abreisen, zurückkehren in ihre kleine Wohnung zu Spike und den anderen Nachbarn. Das kleinliche Verhalten von Frau Schulze würde sie nerven, die Arbeit startete demnächst wieder und es waren noch ein paar Kleinigkeiten für ihre Wohnung zu besorgen. Also, zurück in das neue „normale“ Leben, aber voller Eindrücke aus einer spannenden Stadt mit unterschiedlichsten Menschen.

Das ist Berlin": Die Hymne für die Stadt

Fortsetzung folgt


Sonntag, 17. April 2022

000.11 - Frohe Ostern

 

#000.11– Frohe Ostern

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Leserinnen und Leser,

hier kommen ein paar Gedanken der Autorin zu diesem Osterfest im Jahr 2022:

Und wieder ist Ostern …
und wie immer
wird es anscheinend immer schlimmer
auf dieser Welt.
Wie jedes Jahr
wissen die Menschen nicht
wohin der Wind weht,
wohin die Reise des Planeten geht.

Die Natur gibt mit Wucht alles,
Blumen überall,
Vögel erzählen morgens Geschichten,
keine Änderung im Vogelplan, trotz Pandemie und Krieg,
mitnichten!
Vielleicht ein gutes Vorbild für uns alle,
einfach im Moment sein,
die Sonnenstrahlen im Gesicht
die sind gerade mein.

Den piepsenden Geschichten lauschen,
das erste zarte Blätterrauschen,
Blütenduft und Bienen …
die Sinne einschalten
und nicht verzagen.
Es wagen,
ein gutes Gefühl zu behalten.

Die eigenen Kriegsschauplätze regeln,
besonders die inneren,
den Mitmenschen mit einem Lächeln begegnen,
alte Geschichten begraben,
vergeben, sortieren, einordnen, neu starten
und auf keinen Fall damit warten!


Wenn der Himmel es schafft, auf ihm Blumen zum Strahlen zu bringen, schaffen wir alles, was diese Welt zu einem besseren Ort macht.

In diesem Sinne ein frohes Osterfest

wünscht Euch die Autorin 



Sonntag, 20. März 2022

#007.3 – Jessica – Abtauchen

 

#007.3 – Jessica – Abtauchen


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Jessicas erste Tage in ihrem neuen Zuhause
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Abtauchen


Seit Jessicas Einzug war knapp eine Woche vergangen. Die Anzahl der Kartons in der Wohnung war merklich weniger geworden, der Kühlschrank und das Vorratsregal mittlerweile gut gefüllt und der wichtigste Papierkram erledigt.

Jessica war an diesem Freitag mit dem Rad ins Büro gefahren, denn anscheinend wollte der Frühling seine zarten Fühler ausstrecken. Am Tage war es jetzt länger hell und Vögel zwitscherten morgens bei Sonnenaufgang. An den Büschen waren kleine Knospen zu sehen, Frühblüher hatten das Tageslicht gesucht und erfreuten die wintermüden Menschen mit ihrem bunten Anblick.

Morgens hatte Jessica noch Handschuhe gebraucht, jetzt am Nachmittag war die dicke Jacke fast zu warm. Sie schob das Rad über die Einfahrt zu den Fahrradständern und freute sich auf das Wochenende.

Na, haben Sie sich schon eingelebt?“, die Stimme kam von hinten.

Jessica drehte sich um und erblickte Frau Schulze, wie immer mit hängenden Mundwinkeln und der steilen Falte auf der Stirn.

Ja, danke der Nachfrage. So ein Umzug macht zwar viel Arbeit, aber langsam ist Land in Sicht.“

Denken Sie daran, dass Sie nächste Woche mit der Treppenhausreinigung dran sind. Und die Ecken nicht vergessen.“

'Was für ein toller Einstieg ins Wochenende...', dachte Jessica.

Alles klar. Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag“, Jessica wollte die Unterhaltung so schnell wie möglich beenden, „ich habe drinnen noch zu tun.“

Daraufhin kam von Frau Schulze kein weiterer Kommentar, nur ein durchdringender Blick.

Wie war das mit den Erwartungen der anderen? Jeder definierte ein sauberes Treppenhaus anders. Von Nachbarn, die nie putzten, bis zu den Ansprüchen von Frau Schulze war es ein weites Feld. Ob dem Kater Spike gründlich geputzte Ecken wichtig waren, wenn er sein Schläfchen in seiner Box im Treppenhaus machte? Das waren spannende Fragen.

Als sich die Wohnungstür schloss, seufzte sie erleichtert und stellte die Tasche neben die drei unausgepackten Kisten, die noch im Flur standen.

'Heute mache ich rein gar nichts mehr. Eine Kleinigkeit essen, in die Badewanne gehen und dann ins Land der Träume verschwinden, das reicht,' dieser Gedanke war entspannt nach dieser turbulenten Woche.

Als Jessica später die kleinen duftenden Schaumhügel in der Badewanne beobachtete, reflektierte sie über ihre ersten Tage in der neuen Umgebung.

Manchmal hatte sie tatsächlich Michael vermisst, die kleinen Dinge, die sie immer an ihm gemocht hatte. Er hatte zum Beispiel im Winter bei Wind und Wetter Holz von draußen geholt, den Ofen angemacht und dafür gesorgt, dass das Wohnzimmer warm und gemütlich war. Jetzt stellte sie die Heizung in ihrer neuen Wohnung höher, wenn es kalt war, und niemand außer ihr war anwesend, der mit Holz hantierte und ihr von seinem Tag berichtete.

Am Mittwoch war sie sehr früh wach gewesen, weil sie ein Traum, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte, geweckt hatte. Daraufhin hatte sie mitten in der Woche im Bett gefrühstückt und dem Gesang der Vögel draußen gelauscht. Mehr war nicht zu hören gewesen, alle anderen Mitbewohner schliefen noch. Eine kuschelige Decke über den sonst ständig kalten Füssen und einen warmen Kaffeebecher in den Händen, einfach die Gedanken treiben lassen und die perfekte Symbiose aus Wärme, Zeit und Ruhe zu spüren, löste in ihr eine tiefes Gefühl von Zufriedenheit aus.

Ansonsten hatte sie beim Einräumen versucht, Ballast zu identifizieren. Eine wichtige Erkenntnis war, dass es von der Tagesform abhängig war, wie gut es ihr gelang. Abends nach der Arbeit waren in der Regel alle Dinge aus den Kisten in ihre Schränke gewandert, auch die Fotoalben. 'Das Entrümpeln verschiebe ich auf später. Gerade verursacht alles auf einmal erledigen zu wollen, zu viel Druck', dachte sie.

Eine Freundin hatte sie außerdem an einem Abend am Telefon gefragt, ob sie sich bei einer Online-Dating-Plattform angemeldet habe. Dieser Gedanke war angesichts der Umzugskartons und der frisch beendeten Beziehung zu Michael ziemlich absurd. Jessica hatte sich gefragt, wie andere es schafften, dafür Kapazitäten zu haben. Natürlich hatte sie eine Schulter zum Anlehnen vermisst, nachdem sie den ganzen Tag im Büro gearbeitet und sich abends dem Einräumen und Sortieren gewidmet hatte. Das Thema schob sie in Gedanken weg, während sie die kleinen Wassertropfen vom Wasserdampf an den Fliesen beobachtete. Wie am Mittwochmorgen waren ihre Füße und Hände jetzt schön warm, ein zarter Pfirsichduft lag in der Luft und eine Welle der Erleichterung und Freude durchströmte ihren Körper. Das Leben hatte es gut mit ihr gemeint, dieser Moment war einfach perfekt, alles passte, was die Zukunft auch bringen würde.

Norman Brown: After the storm

                                                        Fortsetzung folgt 

Sonntag, 6. Februar 2022

#007.2 – Jessica – Leichtigkeit

 

#007.2 – Jessica – Leichtigkeit

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Jessica ist eingezogen.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.

Leichtigkeit


 

Jessica wälzte sich in ihrem Bett hin und her. Undefinierbares graues Licht bahnte sich den Weg durch das Fenster. Draußen lag ein diffuser Nebel über allem.

Hey, wo ist meine Lieblings-CD, Michael?‘, murmelte Jessica. Langsam dämmerte ihr, dass sie in dem neu gekauften Bett zwischen unausgepackten Umzugskartons lag. Keine Spur von dem Mann, der über fünf Jahre ein wichtiger Teil ihres Lebens gewesen war. Plötzlich hellwach setzte sich Jessica auf und eine Welle der Erleichterung durchflutete sie.

Völlig egal, ob ich mir jetzt Spaghetti zum Frühstück koche oder eine Pizza in den Ofen schiebe‘, dachte sie und fühlte sich wie ein Teenager mit sturmfreier Bude, dessen Eltern für ein verlängertes Wochenende weggefahren waren.

Denkt Michael an mich oder hängt er seit gestern Abend ununterbrochen im Internet auf Datingseiten herum, um meine Nachfolgerin zu finden?‘, überlegte sie und stoppte diesen Gedanken, der ihr einen kleinen Stich versetzte. Er war genau so frei wie sie, seine eigenen Entscheidungen zu Onlinedating oder schrägen Frühstücksvariationen zu treffen.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schob die Decke beiseite. Heute war Sonntag und an ihr Ohr drang nur ein leises Wassergeräusch aus einer anderen Wohnung. Überall standen Kartons herum. Jessica seufzte bei dem Gedanken an die vielen Sachen darin.

Vor dem Umzug zu entrümpeln, hätte die Anzahl der herumstehenden Kisten drastisch reduziert. Aber die Ereignisse hatten sich in den letzten Wochen überschlagen. Jessica hatte kurzfristig die Zusage für die Wohnung bekommen und schnell wurde der Umzug organisiert. Zeit zum Nachdenken gab es nicht.

Sie nahm sich fest vor, beim Einräumen genau zu überlegen, welche Gegenstände sie in ihrem frisch gestarteten Lebensabschnitt weiter begleiten sollten. Leichtigkeit strebte sie an. In den letzten Jahren hatte sich diese schleichend aus ihrem Leben verabschiedet und ein schweres, träges Gefühl hatte den frei gewordenen Platz übernommen.

Zum Frühstück lachte sie das letzte Stück Apfelkuchen vom Umzug an. Ansonsten herrschte in dem nagelneuen Kühlschrank gähnende Leere, keine Tiefkühlpizza, geschweige denn Zutaten für ein Spaghetti-Gericht. Ein Anflug von Melancholie breitet sich aus. Ein paar Straßen weiter gab es zum Glück einen kleinen Bäckerladen.

Später nach einem richtigen Frühstück mit Kaffee und Brötchen wurde feierlich der erste Umzugskarton geöffnet. Am liebsten hätte Jessica ihn sofort wieder verschlossen oder wahlweise auf den Mond verbannt. Fotoalben von gemeinsamen Urlaubsreisen mit Michael erblickte sie darin.

Sie holte sich den letzten Kaffee aus der Küche. Ihr Blick fiel auf ihr Handy.

Hallo Tina, hier ist Jessica. Bist du schon wach?“

Ja, so halb. Wie hast Du die erste Nacht in der neuen Wohnung geschlafen?“, fragte die Freundin.

Gut, beim Aufwachen wusste ich zuerst nicht, wo ich war. Aber frische Brötchen habe ich schon gekauft und gefrühstückt. Und es gibt einen pelzigen Nachbarn, einen Kater. Er heißt Spike.“

Das klingt doch positiv, besonders der pelzige Nachbar. Brauchst du Hilfe beim Einräumen? In zwei Stunden könnte ich bei dir sein.“

Gerne, den ersten Umzugskarton habe ich eben gleich wieder verschlossen und in eine Ecke geschoben. Es waren Fotoalben darin.“

Vielleicht solltest du mit der Küche anfangen?“, schlug die Freundin vor, „dann kochen wir später zusammen ein Pasta-Gericht. Die Zutaten bringe ich mit.“

Jessicas Stimmung hellte sich auf: „Oh ja, an Spaghetti habe ich sogar vorhin gedacht. Das ist ein motivierender Plan. Bis später.“

Die Kartons mit der Aufschrift „Küche“ standen kreuz und quer im Flur.

Bis die Freundin auftauchte, verging die Zeit wie im Flug und die Küche war schon halb eingeräumt. Tina brachte die Zutaten für das Mittagessen und eine kleine Flasche Sekt mit Gläsern mit.

Auf dich und deine neue Wohnung“, sagte sie, „und viel Glück.“

Die Gläser klangen und Jessica lächelte bei dem Gedanken an das, was die Zukunft hier für sie bereit halten würde. Das Leben und die Dinge um sie herum sollten übersichtlicher werden, Ballast jeglicher Art in diesem Zuge verschwinden. Dazu waren eben nicht alle eingepackten Sachen in die Küchenschränke gewandert. Der Topf mit dem schlecht schließenden Deckel zum Beispiel, einige Kaffeebecher mit undefinierbaren Mustern und Küchenhelferlein, die sie noch nie benutzt hatte, lagen in einem separaten Karton. Andere freuten sich vielleicht über bunte Tassen, wenn Jessica sie verschenkte. Es war befreiend, der erste schwierigste Schritt erledigt.

Abends im Bett schrieb Jessica folgende Zeilen in ihr Notizbuch:

Die Abrissbirne

Lange dunkle vollgepackte Tage, voller Hektik
mit der einzigen Taktik,
alles irgendwie zu überstehen.
Aber …..
habe ich dabei nicht etwas übersehen?

Das Gefühl von Glück und Zufriedenheit
blieb bei der stets langen Liste mit To-dos auf der Strecke.
Mein innerer vorlauter Schelm blickte um die Ecke,
und sprach: „Wo ist Deine Leichtigkeit geblieben?
Du bist so sehr getrieben
von Dingen, Ängsten und Gedanken.
Lasse dieses erdachte Gebäude wanken.
Reiße die Mauern ein und
suche in Trümmern nach dem lebendigen Echten,
befreie Dich von den dunklen Gedanken-Mächten.“

Dein Wunsch ist mir Befehl, Du wahrhaftiger Schelm.
Zuerst die Abrissbirne an fremde Erwartungen,
dann an die weit verzweigten Gedanken-Entartungen.
Der Lärm macht mich fast taub.
Über dem Schutthaufen liegt dann Staub,
der den Blick zunächst trübt.
Aber Sonnenstrahlen sind bemüht,
die Staubteilchen in vielen Farben tanzen zu lassen.
Später folgt ein Sommerregen, Wasser von oben in Massen.

Da stehe ich nun tropfend
neben dem nassen Trümmerberg
und fühle mich wie ein Zwerg,
schaue nach oben,
zu dem Regenbogen,
fühle mich befreit von To-dos und Druck,
so als ginge ein Ruck
durch mein sonstiges Augenmerk.
Ein anderer Blickwinkel von diesem Standort,
die Perspektive verschoben,
daraus wird jetzt ein neues Lebensgefühl gewoben,
darauf hast Du mein Wort,
Du Schelm,
der mich seit meiner Kindheit begleitet,
stets meinen Horizont weitet
und mich sicher zu neuen Ufern geleitet.

Brian Culbertson: Dreaming Of You

Fortsetzung folgt


Freitag, 24. Dezember 2021

#004.15 – Marie – Weihnachtspost von Sarah

 

#004.15 – Marie – Weihnachtspost von Sarah

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt Marie noch einmal zu Wort.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Weihnachtspost von Sarah


Die Zeit der Jahresrückblicke war angebrochen. Im Fernsehen und im Internet wurde das zu Ende gehende Jahr ausgiebig in Bildern und Worten beschrieben. Außerdem stand Weihnachten vor der Tür. Die meisten Weihnachtsmärkte waren eingezäunt und nur gegen das Corona-Virus geimpfte oder genesene Personen durften Glühwein trinken und Weihnachtsleckereien essen. Alles mutete seltsam an und erinnerte ein bisschen an ein Zoogehege. Weihnachtsstimmung drang selten durch die Zäune und in die Herzen.

Marie hatte ihren letzten Arbeitstag in dem zweiten von der Pandemie geprägten Jahr hinter sich gebracht. Es hatte viele Herausforderungen gegeben.

Mit Einkaufstaschen beladen lief Marie in Richtung Briefkasten. Dieses Jahr hatte sie schon einige schön gestaltete Weihnachtskarten bekommen. Vor der Pandemie gab es weniger Weihnachtskarten und dafür mehr persönliche Treffen mit Glühwein und Plätzchen.

Auch heute befand sich ein dicker, großer Briefumschlag in Maries Briefkasten. Die Absenderin war ihre ehemalige Nachbarin Sarah, die vor einiger Zeit nach Hessen gezogen war. Marie und Sarah hatten sich gut verstanden und ab und zu einen Kaffee zusammen getrunken. Ein Lächeln huschte über Maries Gesicht.

In der Wohnung wurde zunächst der umfangreiche Feiertags-Einkauf verstaut. Mit einem frisch aufgegossenen Tee, der einen verführerischen Zimtgeruch verströmte, ging Marie ins Wohnzimmer und öffnete den Brief. Auf dem Tisch stand eine Dose mit selbstgebackenen Plätzchen von einer guten Freundin.


Liebe Marie,

wie geht es Dir? Bist Du schon in Weihnachtsstimmung? Wie geht es unserem Lieblingskater Spike? Die kleine Tüte Leckerlis ist für ihn und das andere Geschenk für Dich.

Jetzt wohne ich schon einige Wochen in Hessen und es ist sehr viel passiert. Zunächst habe ich meine kleine Wohnung eingerichtet. Es fühlt sich ganz anders an, hier zu leben, als im hohen Norden. „Echter“ Wind und Regen fehlt zum Beispiel. Andere Gerüche, ein anderes Klima, ein gewöhnungsbedürftiger Dialekt der Ur-Hessen und eine neue Kultur beschäftigen mich. Zum Beispiel wird in dieser Gegend in großen Mengen Apfelwein getrunken. Einer meiner Nachbarn sagte einmal mit voller Überzeugung, Apfelwein sei gar kein Alkohol..... also, erst nach der vierten Flasche, vielleicht....

Bei meinem neuen Arbeitgeber habe ich mich schon gut eingelebt und die Arbeit bringt Spaß. Das Team ist hilfsbereit und freundlich. Vor ein paar Tagen haben wir nachmittags alle Computer heruntergefahren, der Chef hat „Feierabend“ gerufen und dann gab es Glühwein in der Büroküche. Eine Weihnachtsfeier fiel wegen der C-Zeit dieses Jahr (wieder) aus. Am Ende des Tages musste mich mein Schatz vom Büro abholen, Auto fahren war nicht mehr möglich, aber lustig war es.

Thomas ist nach wie vor mein Traummann und ich bereue nicht, mein Leben hierher verlegt zu haben. Wir gehören zusammen wie Himmel und Sterne und erleben viele wundervolle Momente miteinander, trotz Pandemie. Er hat mir märchenhafte Orte rund um die Stadt gezeigt. An vielen Ecken kann man seiner Phantasie freien Lauf lassen und Geschichten entstehen ganz allein im Kopf, so als würden diese Orte sprechen und Bilder hervor zaubern, zum Beispiel der verfallene Turm mitten im Wald, den wir letztes Wochenende besucht haben. Die alten Steine waren voller Moos und Flechten und die Ränder hatte der Regen im Laufe der Jahrhunderte rund geschliffen. Das hat eine eigene Magie, die Thomas und ich zusammen erleben dürfen.

Die Weihnachtstage verbringen wir in Thomas' Ferienhaus am Edersee. Diesen Ort liebe ich. Wir können vom Esstisch auf das Wasser sehen und genießen die Stille und Natur rundherum. Es wird das erste Weihnachtsfest sein, was wir zusammen erleben und ich freue mich unglaublich darauf.

Wie geht es Deinem Christian? Wie feiert Ihr Weihnachten? Wahrscheinlich kocht Ihr wieder etwas Besonderes, oder?

Ich wünsche Dir wundervolle Weihnachten und kraule Spike bitte ausgiebig von mir (ich vermisse ihn).

Liebe Grüße aus Hessen von Sarah

PS Gibt es etwas Neues von Frau Schulze? Ist sie immer noch so griesgrämig?

Sarahs letzte Frage war klar mit „ja“ zu beantworten. Marie hatte sich schon oft gefragt, warum die alte Dame ständig schlechte Laune hatte und das auch vor der C-Zeit.

Neben der Tüte mit Katzenleckerlis gab es noch ein kleines, in Geschenkpapier eingewickeltes Paket. Marie entfernte das Papier und öffnete es neugierig. 'Vielleicht hätte ich noch bis Weihnachten warten sollen?', überlegte sie dabei. Nein, gerade fühlte sie sich wie ein Kind, das vor der Bescherung durch das Schlüsselloch der Wohnzimmertür spähte. Schließlich hielt sie das neuste Buch ihrer Lieblingsautorin in den Händen. Sarah war eine aufmerksame Person. Sie hatte wohl bei einem ihrer Besuche in Maries Wohnung das halbe Regal mit den Büchern dieser Autorin bemerkt.

'Jetzt freue ich mich auch auf Weihnachten', dachte sie, 'Hessen ist bestimmt eine gute Urlaubs-Idee für nächstes Jahr.'

Dann verließ sie die Wohnung, um Spike zu suchen. Schließlich hatte auch er etwas von Sarah zu Weihnachten bekommen und wollte bestimmt ein wenig gekrault werden.

Pat Metheny: Travels (Live)


Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freundinnen und Freunde,

vielen Dank für Euer Feedback und Interesse. Es war ein besonderes Jahr, in dem viel passiert ist. Wer weiß, wie wir in den nächsten Jahren auf die Pandemie schauen werden? Ich bin gespannt, die ganze Welt ist im Umbruch und steht teilweise Kopf.

Frohe Weihnachten und ein gesundes, glückliches und erfolgreiches neues Jahr wünsche ich Euch.

Auf ein Neues im Jahr 2022!

Liebe Grüße von der Autorin


Montag, 15. November 2021

000.10 - Bilder von Sarah

Liebe Leserinnen und Leser, 
liebe Freundinnen und Freunde, 

meine Figur Sarah hat Fotos an ihrem neuen Wohnort in Hessen geschossen und stellt uns diese zur Verfügung. :-)


Die Prinzessin, die ihren Schuh verloren hat ....
ausgerechnet auf dem Hügel, auf dem das Schloss thront. 



Ein stolzer Baum im Schlosspark, in dem kichernde Elfen leben ....
(ein Sommernachtstraum) 




Eine "Bücherwand" in einer Studentenkneipe


Thomas und Sarah sind sehr glücklich miteinander. Manchmal hat Sarah allerdings Heimweh und vermisst richtigen norddeutschen Wind und Regen von der Seite. Spike fehlt ihr auch, so einen netten, klugen Kater hat man selten in seiner Nachbarschaft. 

Soweit die neuesten Neuigkeiten von meinem Schauplatz in Hessen. 


Viele Grüße von der Autorin

(die sich selbst letzte Woche von dem beschaulichen Städtchen hat verzaubern lassen)



Sonntag, 7. November 2021

000.9 Das Buch geht voran - aber langsam ...

Liebe Leserinnen und Leser, 
liebe Freundinnen und Freunde, 

hier kommt ein kleiner Gruß der Autorin. 

Das Buchprojekt geht langsam voran, es wird aber noch dauern, wie es oft bei Hobby-Autorinnen ist .... Demnächst gibt es hier auch wieder einen neuen Beitrag, versprochen. :-)

Genießt den gemütlichen Herbst, vielleicht mit einem guten Buch?


Bis bald an dieser Stelle und liebe Grüße von der Autorin