Samstag, 30. Januar 2021

#004.11 – Marie – Schneeschmelze

 #004.11 – Marie – Schneeschmelze

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Marie, wie
sich der zweite sehr zähe Lockdown anfühlt.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Schneeschmelze


Tropfende Geräusche weckten Marie an diesem Samstagmorgen Ende Januar. Durch die Jalousie sickerten Sonnenstrahlen und ließen einen blauen Himmel erahnen.

Marie rieb sich die Augen und blinzelte. Das geblümte Kissen auf der anderen Bettseite war der einzige Gast in ihrem Bett. Sie stand auf, lief zum Fenster und öffnete die Jalousie. Gestern hatte es geschneit und der Schnee hatte alles mit einer weißen Puderzuckerschicht überzogen. Der Schnee war tatsächlich über Nacht liegen geblieben und strahlte mit der Sonne um die Wette. Vom Balkongeländer fielen rhythmisch Wassertropfen auf den Rand eines Blumentopfes mit der Minze, die Marie noch bis in den Dezember letzten Jahres hinein geerntet hatte.

Wie schön“, dachte sie.

Der Natur war der Lockdown einerlei, Im Gegensatz dazu waren in den letzten Wochen zwischenmenschliche Stimmungen zunehmend gereizter geworden. Ob am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder im privaten Umfeld neigten die Menschen zu Überreaktionen. Das hatte Marie, besonders nach den Weihnachtsfeiertagen, verstärkt beobachtet. Sie selbst hatte sich auch öfter dabei ertappt, gereizt und genervt auf Kleinigkeiten zu reagieren. Der Lieblingsjoghurt im Supermarkt war ausverkauft? Welches Drama.... Oder der Kollege, mit dem Marie sonst gut auskam, hatte neulich vergessen, ihr ein Dokument zur Verfügung zu stellen, was sie für ihr aktuelles Projekt brauchte. Sie hatte daraufhin mit einem unfreundlichen Spruch reagiert und ein Wort hatte das nächste nach sich gezogen. Es war ein absolut sinnloser destruktiver Dialog dabei entstanden. Am Ende entschuldigte sich Marie bei ihrem Kollegen für ihre unfreundliche Kommunikation und hatte abends zu Hause darüber nachgedacht, dass sie in den Zeiten ohne Lockdown viel entspannter gewesen war.

Heute strahlte der Himmel als gäbe es keine Probleme auf dieser Welt, alles war in goldenes Licht getaucht und der Himmel zeigte sein schönstes sauberstes Blau.

Es ist Wochenende“, dachte sie, „ich möchte jetzt einen Kaffee im Bett trinken und dann einen Plan für diesen Tag entwerfen.“

Für Aktivitäten gab es allerdings  wenige Möglichkeiten. Die Geschäfte – außer Drogeriemärkte und Lebensmittelgeschäfte – waren geschlossen. Kinos, Restaurants und Theater waren ebenfalls im Winter- bzw. Lockdown-Dörnröschenschlaf verwaist und leer. Diese Leere spürte Marie in letzter Zeit immer schmerzlicher. Sie sehnte sich danach, sich im Kino in eine andere Welt entführen zu lassen und dabei Popcorn zu knabbern. Auch mit Christian in der letzten Reihe zu sitzen und wie ein Teenager mit ihm während des Films zu knutschen, war gerade nicht möglich.

Überhaupt Christian … gestern hatte er noch lange gearbeitet und war nicht mehr bei ihr vorbei gekommen. Während Marie in der Küche das Espresso-Kännchen und den kleinen Milchtopf auf ihren Herd stellte, überlegte sie, ob er wohl schon wach war. Wahrscheinlich nicht, er schlief bestimmt noch, um sich von seiner langen und anstrengenden Arbeitswoche zu erholen. Sie vermisste seine Nähe in diesem Moment. „Hör auf zu grübeln“, befahl sie sich selbst, „es ist doch eigentlich alles gut.“

Das Wort „eigentlich“ war das Problem und färbte den Alltag ab und zu grau. Die Tage und Wochen waren – vor diesem strahlenden Tag mit dem Schnee – in unterschiedlichen Abstufungen angegraut gewesen. Es war dunkel, oft nass und kalt. Außerdem verdeckten in Bussen, Bahnen und in Geschäften Mund-/Nasenmasken die Hälfte der Gesichter der Menschen, ein Lächeln in den Augen war selten zu erkennen. Jeder lebte mit seinen ganz eigenen Herausforderungen in seinem Tunnel und schaute weder nach links noch nach rechts.

Marie vertrieb die trüben Gedanken und widmete sich wieder der Kaffeezubereitung. „Ich werde Christian nachher anrufen. Vielleicht sehen uns heute Abend.“ Kaffeeduft durchzog die Küche und sie freute auf ihr gemütliches Frühstück im warmen Bett. Außerdem lag noch ein ungelesener spannender Krimi auf ihrem Nachtschrank.

Durch das Küchenfenster beobachtete sie ihre Nachbarin Frau Schulze, die draußen gerade überprüfte, ob der Hausmeister bei der Schneeräumung auf den Wegen ordentlich gearbeitet hatte. Anscheinend nicht, denn Frau Schulze schüttelte unzufrieden ihren Kopf. Spike, der Kater, bog um die Ecke und hinterließ seine Pfotenabdrücke im Schnee. Tatsächlich hatte Frau Schulze ein Leckerli in ihrer Jackentasche für ihn und sie lächelte sogar für einen kurzen Moment.

Wie man es dreht und wendet, es sind immer die kleinen Dinge, die den Tag erhellen, während des Lockdowns ganz besonders“, war Maries Gedanke dazu.

Maries Telefon brummte.

Guten Morgen, mein Schatz. Bist Du schon wach? Letzte Nacht habe ich von Dir geträumt und stellte gerade fest, dass Du gar nicht bei mir bist... sehr schade. Sehen wir uns heute Abend?“

Zwei Liebende, ein Gedanke“, sinnierte Marie, „irgendwann wird diese düstere Schwere der Pandemie verschwunden sein. Der sonnige Tag heute ist kleiner Vorgeschmack darauf. Das Grau und die innere verzweifelte Kälte werden so der Schnee auf meinem Balkongeländer schmelzen und der Takt der herabfallenden Wassertropfen eine neue Melodie erschaffen.“ Marie lächelte und schaltete das Küchenradio ein. Der Sender spielte passenderweise gerade

Kygo - Sunrise ft. Jason Walker

Zufall? Nein, ganz sicher nicht. :-)

Fortsetzung folgt

Anmerkung der Autorin:

Liebe Leserinnen und Leser,

nach einer kurzen kreativen Pause gibt es hier wieder regelmäßig Blogbeiträge.

Ich hoffe, Ihr seid alle gut in das neue Jahr gestartet und gesund und munter.

Genießt die kleinen, schönen Momente und schenkt Euren Mitmenschen ab und zu ein Lächeln.

In diesem Sinne alles Liebe von der Autorin


Freitag, 25. Dezember 2020

#000.5 Weihnachtswünsche an alle Leserinnen und Leser

 

#000.5 Weihnachtswünsche an alle Leserinnen und Leser



Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freundinnen und Freunde,

am Ende eines besonderen Jahres nutze ich die Gelegenheit, mich bei Euch für Euer Interesse und Feedback zu bedanken. Das bedeutet mir sehr viel.

Ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachtsfest und viel Gesundheit in diesen herausfordernden Zeiten.

Dankbar bin ich für die vielen Erkenntnisse, die ich gewinnen durfte, gerne habe ich Euch in Form meiner Geschichten daran teilhaben lassen.

Das Leben strebt stets zum Echten und Authentischen. Diese tiefe Einsicht zieht sich bei mir wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche. Alles, was sich nicht mehr echt anfühlt, darf gerne gehen und Neuem Platz machen. An der Umsetzung hapert es manchmal, weil Ängste im Wege stehen. Dann drehe ich ab und zu eine „Extrarunde“, bis ich verstanden habe, worum es eigentlich geht. Aber meine Strategien, Ängste und ungünstige überholte Überzeugungen zu überwinden, werden immer besser. Dazu hat das regelmäßige Schreiben einen großen Teil beigetragen. Also, ich bleibe dran :-)

Vielen Dank für die ganzen Weihnachtswünsche, Karten, kleinen Präsente und Nachrichten, die mich im Dezember erreicht haben. Ich habe Euch alle sehr lieb und Ihr seid ein wichtiger Teil meines Lebens. Lasst uns noch ganz viel zusammen erleben und Unsinn machen, weil das Leben immer die allerbesten Geschichten schreibt.

In diesem Sinne wunderschöne Weihnachtstage für Euch von der Autorin

Pachelbel Canon in D Major

(unerreicht und wunderschön)

Sonntag, 13. Dezember 2020

#003.4 Hannah – Corona und Weihnachten

 

#003.4 Hannah – Corona und Weihnachten

(Die Welt eines hochsensiblen Kindes)


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute kommt wieder Hannah zu Wort. Sie ist mittlerweile
12 Jahre alt und wohnt im Erdgeschoss.

Corona und Weihnachten


 
Hallo, hier ist wieder Hannah, das Kind mit den vielfältigen Wahrnehmungen, die manche Menschen seltsam und irritierend finden. Ich hatte ja schon berichtet, dass ich mit meinen zwei besten Freundinnen und Spike, dem Kater, sehr gut klar komme. Mittlerweile macht es mir nicht mehr so viel aus, dass viele andere mir oft ablehnend gegenüber stehen. Die frechen Jungs im Schulbus, die mich vor einigen Monaten ständig als „Heulsuse“ beschimpft haben, haben damit aufgehört und sich andere Opfer gesucht.

Das alles habe ich meiner Klassenlehrerin Frau Müller zu verdanken. Sie bestärkt mich darin, so zu sein, wie ich bin und fördert meine Talente. Wir sind auf einer Wellenlänge und deshalb verstehen wir uns so gut.

Momentan sind besondere Corona-Zeiten und Weihnachten steht vor der Tür. Vieles, was die meisten Menschen mit Weihnachten verbinden, fällt dieses Jahr aus. Ich finde es auch seltsam, dass es keinen Weihnachtsmarkt gibt. Mir war es in den letzten Jahren zwar oft zu überfüllt und zu laut dort, aber trotzdem mochte ich die weihnachtlichen Gerüche, die bunt geschmückten Tannenbäume und, als ich noch jünger war, den verkleideten Weihnachtsmann, der Süßigkeiten an die Kinder verteilt hat.

Meine Mutter beschwerte sich neulich darüber, dass sie sich dieses Jahr nicht mit ihren Freundinnen am Glühwein-Stand treffen kann, so wie es eben in ihrem Freundeskreis Tradition sei. Viele haben ihre Gewohnheiten während der Pandemie ändern müssen und das hat diese Welt nicht freundlicher gemacht. Weil ich immer viele Stimmungen von meinen Mitmenschen aufnehme, spüre ich bei einigen schon eine Art Verzweiflung, weil nichts mehr so ist wie gewohnt. Das macht mich dann selber traurig.

Trotzdem meine Eltern und mein Bruder oft jammern, gibt es manchmal schöne, vertraute Familienmomente. Gestern haben meine Mutter und ich zusammen Plätzchen gebacken und sogar Leon hat eine halbe Stunde mitgemacht. Dann war sein Computerspiel wieder wichtiger. Als Leon wieder in seinem Zimmer verschwunden war, haben meine Mutter und ich uns richtig unterhalten, während wir Teig ausrollten und die Plätzchen verzierten. Sonst ist eher so, dass meine Mutter Monologe hält und nicht wirklich daran interessiert ist, die Sichtweise ihres Gegenübers zu erfahren.

Ich wünsche mir zu Weihnachten ein Keyboard und Unterricht nächstes Jahr. Natürlich finde ich ein echtes Klavier aus Holz viel schöner, aber das würde weder in unsere Wohnung noch zu dem Weihnachtsgeschenke-Budget meiner Eltern passen. Dass ich mir ein Keyboard ausgesucht habe, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich mein Wunsch, richtig Noten lesen zu lernen und selbst Lieder zu spielen, erfüllen könnte. Musik ist neben meiner Leidenschaft für Geschichten ein Ausgleich für alles Anstrengende, was in der Schule und außerhalb meines Kinderzimmers passiert.

Wenn ich abends im Bett liege, träume ich davon, dass ich, wenn ich erwachsen bin, Autorin oder Musikerin werde und mich den ganzen Tag mit Kunst, Phantasie, Ideen und deren Umsetzung beschäftigen kann. Ich wünsche mir dann eine eigene Familie und Freunde, die so ähnlich denken. Natürlich ist mir klar, dass ich trotzdem einkaufen, kochen und meine Rechnungen bezahlen muss. Mittlerweile bin ich ein wenig skeptisch geworden, ob die Art, wie meine Eltern leben, das Einzige und Richtige ist. Frau Müller hat mich ermutigt, meine Träume zu verfolgen, auch wenn viele andere nichts damit anfangen können. Sie sagte, es sei kein Gradmesser, was die meisten tun, es sei wichtig, seinem eigenen Herzen zu folgen.

Letztes Wochenende habe ich mich darüber mit meiner Nachbarin Marie unterhalten. Wir haben uns draußen getroffen. Sie war auf dem Weg zum Supermarkt und ich wollte zu meiner Freundin Anna.

Hallo Marie.“

Hallo Hannah, wie geht es Dir?“

Danke, mir geht es gut. Darf ich Dich etwas fragen?“

Na klar, wenn ich es beantworten kann, gerne.“

Bist Du mit Deinem Beruf und der Art, wie Du lebst, zufrieden?“

Lass uns ein Stück zusammen gehen, wenn Du magst“, antwortete Marie, „diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Ja, ich mag meinen Beruf, aber wäre ich, als ich jünger war, mutiger gewesen, hätte ich eventuell auch etwas anderes gemacht. Im Laufe der Jahre habe ich mich durch Weiterbildungen innerhalb meines Berufes in die Richtung entwickelt, die mir ganz gut entspricht, also bin ich meistens zufrieden mit dem, was ich tue. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit.“

Meine Eltern sagen immer, ich sollte, wenn ich mit der Schule fertig bin, am besten eine Ausbildung in einer Verwaltung machen, weil das ein sicherer Job sei. Ehrlich gesagt, finde ich diese Idee ziemlich langweilig und es schnürt sich bei mir innerlich alles zusammen, wenn ich versuche, mir das vorzustellen.“

Dann solltest Du unbedingt etwas anderes tun. Es ist immer gut, Sachen auszuprobieren, zum Beispiel durch Praktika. Bei uns in der Firma haben wir öfter Praktikanten. Wenn Du etwas älter bist, hast Du ja auch die Möglichkeit, Hannah. Die Tochter von meiner Cousine hat zum Beispiel nach zwei Semestern das Studienfach gewechselt, weil sie gemerkt hat, dass es nicht zu ihr passte.“

Und sonst? Ich habe Dich öfter mit diesem Mann zusammen gesehen. Bist Du gerade glücklich?“

Marie schmunzelte wegen dieser direkten Frage. „Ja, ich bin glücklich. Manchmal zweifele ich, ob alles, was gerade in meinem Leben ist oder passiert, richtig ist, aber das geht, glaube ich, allen so. Christian und ich streiten uns manchmal und wir vertragen uns aber auch schnell wieder.“

Ich war noch nie verliebt, aber ich bin ja erst 12 Jahre alt. Wahrscheinlich wird sich sowieso kein Junge für mich interessieren, weil ich anders bin als die anderen Mädchen.“

Das glaube ich nicht. Dir wird bestimmt irgendwann ein Junge über den Weg laufen, der Dich genau deswegen mag, weil Du bist, wie Du bist. Wenn alle Menschen gleich oder ähnlich wären, wäre das Leben ganz schön langweilig, oder?“

Danke, dass Du mir Mut machst. Ich mag Deinen Christian und Spike mag ihn auch. Ich muss hier abbiegen und besuche gleich meine Freundin. Sie war übrigens schon einmal verliebt, aber nur kurz.“

Marie lächelte Hannah freundlich an: „Alles klar, Hannah. Ich wünsche Dir einen schönen Nachmittag mit Deiner Freundin. Als ich so alt war wie Du, fand ich es immer spannend, mir mit meiner besten Freundin auszudenken, welcher tolle Junge uns wohl über den Weg laufen würde. Ich gehe jetzt einkaufen. Heute Abend besucht mich Christian und wir kochen zusammen. Ich finde, wir sollten trotz der schwierigen Zeiten, immer die schönen kleinen Momente genießen, zum Beispiel beim Kochen oder bei einem Treffen mit der besten Freundin, was meinst Du, Hannah?“

Ja, das stimmt. Ich wünsche Euch, dass ihr das mit dem Kochen heute Abend gut hinkriegt und nichts anbrennt. Tschüss, Marie,“

Tschüss, Hannah, bis bald. Und erzähle mir doch demnächst einmal eine von Deinen Geschichten.“

Marie ist wirklich nett. Sie hat wohl ihren Traummann gefunden, auch wenn sie sich manchmal streiten.

Ob ich Marie wohl eine von meinen Geschichten zeigen kann? Wird sie mich auslachen, wenn sie von den Weihnachtsfeen, Zauberern und tanzenden Lichtern liest, die ich mir ausdenke? Andererseits lesen manche Erwachsene die Harry Potter-Bücher. Ab dem 18. Lebensjahr wird die Phantasie wohl nicht plötzlich absterben, obwohl bei meinen Eltern anscheinend genau das passiert ist.

Damit habe ich noch einen Weihnachtswunsch gefunden, der gar kein Geld kostet. Ich schicke diesen Wunsch, noch mehr phantasievolle Menschen kennenzulernen, die mich wegen meiner Geschichten und Ideen nicht auslachen, die selber kreativ sind und die Dinge tun, die sie lieben, einfach so in Gedanken irgendwo hin. Ich bin gespannt, wo dieser Wunsch ankommen und ob er sich erfüllen wird.


Coldplay: Christmas Lights





Fortsetzung folgt

Sonntag, 6. Dezember 2020

#004.10 – Marie – Nikolaustag

 

#004.10 – Marie – Nikolaustag


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Marie, wie
sich der zweite Lockdown in der Vorweihnachtszeit anfühlt.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Nikolaustag

Der Advent war allgegenwärtig. Auch wenn dieses Jahr alles anders war als in den Jahren zuvor, erstrahlte die Stadt im Glanz der Weihnachtsbeleuchtung. Vor der kleinen Einkaufspassage war ein Weihnachtsbaum mit bunten Kugeln aufgestellt worden. Allerdings fehlten die Glühweinstände und weniger Menschen als im letzten Jahr waren unterwegs.

Marie arbeitete teilweise von zu Hause aus, was sich ungewohnt anfühlte. Sie vermisste die Treffen mit ihren Freundinnen bei weihnachtlicher Dekoration in gemütlicher Runde. Jetzt gab es natürlich das Telefon, aber keine Möglichkeit, zum Beispiel den leckeren Stollen von Regine zu essen und sich dabei über dies und das auszutauschen. Auch die Kontakte zur Familie waren sehr reduziert, da Marie ältere Familienmitglieder nicht gefährden wollte. Der traditionelle weihnachtliche Familien-Restaurantbesuch am ersten Weihnachtstag nebst Austausch von kleinen Geschenken würde dieses Jahr ebenfalls ausfallen. Fast das ganze Leben spielte sich in dem kleinen häuslichen Rahmen ab.

Vielleicht werden wir, wenn das Virus die Welt weiterhin so stark im Griff hat, zu Einsiedlern und gehen am Ende, wenn es wieder möglich ist, gar nicht mehr ins Kino, Theater oder ins Restaurant“, dachte Marie.

Marie und Christian hatten sich in den letzten Monaten ihre eigene kleine Welt erschaffen. Sie hatten viele neue Kochrezepte ausprobiert, einige interessante Filme geschaut, Spaziergänge in der näheren Umgebung unternommen, viel geredet, gekuschelt und Zweisamkeit genossen. Letzteres empfand Marie als besonders intensiv, da äußere Ablenkung fast gar nicht mehr vorhanden war.

Am 5. Dezember hatte Christian neben der üblichen Schokoladenfigur ein besonderes Geschenk heimlich in Maries Winterstiefel gesteckt.

Am Nikolaustag schlich Marie morgens, während Christian noch schlief, zu ihrem kleinen Schuhregal, weil sie sehr neugierig war. Der Nikolaus aus Schokolade grinste sie unverschämt gut gelaunt an, so als wüsste er gar nicht, dass dieses Jahr nichts so war wie gewohnt. Marie zog die Figur aus dem Schuh und darunter befand sich ein ein kleines Kästchen, in wunderschönem Papier mit aufgedruckten Sternen eingepackt. Vorsichtig entfernte Marie das Papier und öffnete das Kästchen. Darin lag eine feine Kette mit einem Mond-Anhänger auf einem kleinen blauen Samtkissen und ein zusammengefalteter Zettel.

Liebe Marie, wenn unsere gemeinsame Welt wieder etwas größer wird, lade ich Dich ins Planetarium ein. Ich möchte mit Dir andere Galaxien entdecken und schlichtweg durch das unendliche Weltall fliegen. Alle Welten, der kleine Kosmos zu Hause und alles, was darüber hinaus geht, sind viel schöner, wenn Du bei mir bist. Ich liebe Dich, Christian

Marie war sprachlos. So etwas Schönes hatte sie noch nie geschenkt bekommen. Natürlich hatte sie einmal erwähnt, dass sie das Planetarium in der nächsten größeren Stadt liebte, aber hatte nicht damit gerechnet, dass Christian sich das merken würde. In ihrer Wahrnehmung hatte sie es eher beiläufig erwähnt. Innerlich tief bewegt betrachtete sie die feine Kette mit dem Mond.

Guten Morgen“, Christian stand etwas verschlafen mit leicht zerzaustem Haar im Flur, „gefällt es Dir, was der Nikolaus für Dich in den Stiefel gelegt hat?“

Es ist unglaublich schön und wir gehen sofort ins Planetarium, wenn es wieder geöffnet hat, oder?“, Maries Stimme war etwas atemlos.

Na klar, mein Schatz, sofort“, er grinste und umarmte sie.

Was meinst Du zu Kaffee?“, fragte sie.

Vielleicht später ...“, war seine gemurmelte Antwort.

Sehr viel später brachen Marie und Christian Hand in Hand zu einem Spaziergang auf. Draußen war es ruhig und Spike kam hinter einem Baum hervor.

Guten Morgen, Spike“, begrüßte Marie den Kater und hockte sich zu ihm, „ich wünsche Dir auch einen schönen Nikolaustag.“

Spike schnurrte und spitzte die Ohren.

Ich glaube, er versteht alles, was wir ihm erzählen.“

Wahrscheinlich hast Du recht“, antwortete Christian und nahm wieder Maries Hand.

Frau Schulze schaute gerade griesgrämig aus ihrem Küchenfenster und beobachtete die Szene neugierig.

Wir lassen uns die Stimmung nicht vermiesen, oder? Es gibt trotz des Lockdowns und der vielen Herausforderungen so viel Ermutigendes. Lass uns die Welt gemeinsam zu einem schöneren Ort machen“, meinte Marie und lief mit Christian in die Richtung des nahe liegenden Waldes.

Coldplay: A Sky Full Of Stars (from Ghost Stories Live 2014)

Fortsetzung folgt

Anmerkung der Autorin:

Für G.: 

Schön, dass es Dich gibt! :-*

Sonntag, 15. November 2020

#001.2 Spike – Der Blickwinkel eines alten Katers

 

#001.2 Spike – Der Blickwinkel eines alten Katers

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Spike, wie
sich der zweite Lockdown im Herbst anfühlt.
Spike ist der Hauskater von allen Bewohnern und lebt überall
auf dem Gelände der Hausgemeinschaft.

Der Blickwinkel eines alten Katers



Heute melde ich mich wieder einmal zu Wort und erzähle Euch, wie ich meine menschlichen Mitbewohner gerade erlebe.

Die alte Dame, deren Haare aussehen wie gedrehter Draht, redet seit ein paar Wochen vor sich hin. Sie hat vorher auch mit sich selber gesprochen, da die anderen Nachbarn immer schnell verschwinden, wenn sie irgendwo auftaucht, aber ich beobachte, dass es sich gesteigert hat, auch die Lautstärke. Die menschliche Sprache verstehe ich natürlich nicht, ich nehme eher die Schwingungen zwischen den Worten und hektische Handlungen wahr. Ihre gewohnte Welt, die vorher auch nicht perfekt war, ist komplett aus den Fugen geraten. Manchmal beruhigt sie sich, wenn sie mit mir spricht und mich krault. Ein Leckerli hat sie meistens dabei und steckt es mir zu. Danach erhebt sie meistens wieder ihre Stimme und schimpft lautstark über irgendetwas und geht wieder unruhig und unglücklich in ihre Wohnung zurück.

Das kleine Mädchen und ich sitzen oft gemeinsam auf der Kellertreppe und schweigen einvernehmlich. Das tut meiner alten Katerseele gut. Sie muss auch gar nichts sagen, ich verstehe auch so, was in ihr vorgeht. Sie hat es ebenfalls bemerkt, dass sich vieles innerhalb von kurzer Zeit verändert hat. Summend und träumend läuft sie manchmal durch das Treppenhaus und kann es kaum erwarten, nach draußen in die Natur zu gehen. Sie mag wie ich die Stille, das Rauschen der Blätter in den Bäumen, knorrige Muster auf Baumstämmen, kleine Käfer, die gemächlich des Weges krabbeln und Sonnenstrahlen, die Bilder aus Licht und Schatten auf das Gras oder die Steine zaubern.




Die Natur hat sich verändert. Es ist weniger nass und wärmer als in meiner Zeit als junger Kater. Wärme mag ich, weil mir meine alten Knochen dann weniger weh tun. Allerdings vermisse ich den Geruch von feuchtem Gras und Baumholz, der mir mittlerweile selten in die Nase weht. Es geht mir vielleicht ein wenig wie der alten grummeligen Dame, mir fehlt etwas liebgewordenes Vertrautes, statt dessen riecht es oft staubig und ich muss dann niesen.

Die blonde Frau summt wie das kleine Mädchen seit einiger Zeit im Treppenhaus vor sich hin und ihre Augen strahlen meistens intensiv blau. Sie ist ab und zu mit einem Mann unterwegs, der nicht dauerhaft hier wohnt. Sie halten sich oft an den Händen und schauen sich intensiv an, so als teilten sie ein Geheimnis miteinander, von dem kein anderer Mensch oder Kater jemals erfahren wird. Manchmal, wenn ich in der Sonne auf den warmen Steinen liege, denke ich auf meine Katerart darüber nach, um welches Geheimnis es sich wohl handeln könnte? Es ist schön, die beiden zu beobachten und sich daran – so ähnlich wie an warmen Sonnenstrahlen – zu erfreuen, soviel ist sicher.



Der Nachbar, der sich oft etwas zu essen bestellt und immer sehr viele Pappkartons und Plastikverpackungen zum Müllcontainer trägt, schaut mich in letzter Zeit gar nicht mehr an. Er lebt in einer Art Tunnel, glaube ich, schaut weder nach rechts noch nach links. Er wirkt wie die alte Dame sehr unzufrieden und verzweifelt. Meistens hält er sich in seiner Wohnung auf. Früher ist er wie die blonde Frau jeden Morgen weggefahren und kam abends zurück. Wahrscheinlich geht es ihm wie mir. Ich halte es in geschlossenen Wohnräumen auch nicht lange aus bzw. bekomme dort schlechte Laune. Es ist gut, ab und zu draußen zu sein, die Gegend zu erkunden und auf Mäusejagd zu gehen, auch wenn ich dabei erfolglos bin. Die Mäuse sind einfach zu schnell für mich. Ich weiß, da draußen tun die Menschen andere Dinge als alte Kater, aber ich glaube, im Prinzip ist es das Gleiche.

Viele meiner Mitbewohner sind jetzt öfter zu Hause als früher. Manche schauen deswegen sehr griesgrämig drein, andere scheinen es zu genießen und wirken entspannter als noch vor einiger Zeit. Es sind gerade unbeständige und unruhige Zeiten für die Menschen. Wer weiß, wie lange ich mir dieses Treiben in meinem Revier noch ansehen darf, aber ich genieße jeden einzelnen Tag und jeden Sonnenstrahl wie ein Geschenk.

Pat Metheny: If I Could


Anmerkung der Autorin:

Diese Geschichte widme ich der Mutter meiner besten Freundin und einer geschätzten Autorinnen-Kollegin, die sich wieder eine Geschichte von Spike gewünscht hat.


Sonntag, 8. November 2020

#004.9 Marie – Weihnachtsplanung für die Katz?

 

#004.9 Marie – Weihnachtsplanung für die Katz?


Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Heute schreibe ich Euch aus der Perspektive von Marie, wie
sich der zweite Lockdown im Herbst anfühlt.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Weihnachtsplanung für die Katz?


Die Phase des zweiten Lockdowns hatte begonnen. Wieder waren die Restaurants und Cafés geschlossen. Die Einkaufsmeile der Stadt, in der Marie lebte, war tagsüber wie ausgestorben. Nur vereinzelt liefen ein paar Menschen mit Einkaufstüten die Fußgängerzone entlang. Die Geschäfte hatten geöffnet, allerdings war eine Kaffeepause beim Bäcker oder im Café nicht drin. Es wirkte ein wenig gespenstisch.

Marie hatte abends die Routinen des ersten Lockdowns wieder aufgenommen. Wenn sie nach der Arbeit zu Hause angekommen war, rief sie regelmäßig ihre Lieblings-Kochsendung in der Mediathek auf und entspannte sich dabei, Hobbyköchen zuzusehen. Für sie war es die ideale Ablenkung, weil Kochen so weit weg vom Virus war. Dabei gab es andere Herausforderungen als Infektionsketten oder R-Wert. Einzig und allein zählte, ob der Fisch auf den Punkt gegart oder die Pasta al dente gekocht war.

Marie überlegte außerdem, ob sie demnächst ihren Kleiderschrank entrümpeln sollte. Ihre Freundinnen äußerten ähnliche Gedanken am Telefon. An einen Freundinnen-Abend im Lieblings-Bistro war momentan nicht zu denken, deshalb kam das Telefon wieder verstärkt zum Einsatz.

Christian durchlebte gerade eine herausfordernde berufliche Phase und war oft angespannt und gereizt.

Marie reflektierte oft darüber, wie anders alles noch vor zwölf Monaten gewesen war. Im Dezember letztes Jahr hatte sie noch mit ihrer besten Freundin Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt getrunken und sich dazu hinreißen lassen, Weihnachtsdekoration, die sie gar nicht brauchte, an einem Stand nebenan zu kaufen. Dieses Jahr würde es wahrscheinlich gar keinen Weihnachtsmarkt geben.

Allerdings würde sie Weihnachten mit Christian feiern. Er war letztes Jahr noch nicht in ihrem Leben gewesen. Marie träumte davon, Heiligabend das schöne rote Kleid anzuziehen, das die gleiche Farbe wie Rotwein hatte. Außerdem könnten sie ein tolles Essen kochen und komplett „Der Nussknacker“ von Tschaikowsky hören, für Marie die ultimative Musik zu Weihnachten. Vielleicht würde auch alles ganz anders kommen. Seit das Virus sein Unwesen trieb, war Flexibilität in allen Lebenslagen angesagt, die eine oder andere Planung in den letzten Monaten hatte sich einfach in Luft aufgelöst.



Maries Telefon klingelte, es war Christian.

Hallo Liebste“, begrüßte er Marie, „wie war Dein Tag?“

Alles im grünen Bereich“, antwortete sie, „vielleicht werde ich demnächst im Home Office arbeiten. Das wurde heute besprochen.“

Das ist doch angesichts der Infektionszahlen nur vernünftig. Alle sollten momentan einen Gang zurückschalten, finde ich.“

Kommst Du nachher noch vorbei? Wir könnten uns überlegen, wie wir Weihnachten feiern wollen. Ich habe schon ein paar Ideen“, sagte Marie.

Ich arbeite noch und es wird auch noch dauern, tut mir leid, aber morgen gerne. Weihnachten ist für mich irgendwie noch so weit weg. Wer weiß, was uns alle Ende Dezember erwartet. Ich brauche gar keinen Weihnachtsbaum und das Ganze drumherum. Wichtig ist, dass Du bei mir bist, auch wenn wir nur gemütlich auf dem Sofa eine Pizza essen.“

Marie lächelte bei seinen Worten. Er hatte natürlich absolut Recht. „Also halten wir es wie in den letzten Monaten und lassen alles gemächlich auf uns zukommen. Du bist so ein kluger Mann“, sagte Marie, „dann halte ich Dich auch nicht weiter von Deiner Arbeit ab. Wir sehen uns morgen.“

Gut, mein Schatz, Bis morgen, ich liebe Dich, nicht vergessen!“

Wie könnte ich das vergessen. Wir schaffen das. Schlaf schön und träume von mir“, Maries Stimme war auf einmal sehr leise.

Das mache ich“, war Christians Antwort, „Dir wünsche ich auch schöne Träume.“

Was habe ich nur für ein Glück“, dachte Marie, „er ist der richtige Mann, mit dem ich auch schwierige Phasen gut durchstehen kann.“

Sie widmete sich noch ihrem Abwasch und wollte noch einem Nachbarn eine Zeitung, die sie ihm versprochen hatte, in den Briefkasten werfen. Bei den Briefkästen traf sie Hannah und Spike. Hannah hockte auf dem Boden und kraulte Spike hinter den Ohren.

Hallo Hannah, wie geht es Dir? Hast Du auch schon an Weihnachten gedacht?“ fragte Marie.

Ja, ich wünsche mir ein Keyboard und dass wir nächstes Jahr im Unterricht nicht mehr diese Mund-Nasen-Masken tragen müssen. Leider bekomme ich dadurch sehr schlecht Luft“, antwortete Hannah, „und was wünschst Du Dir?“

Weltfrieden“, war Maries schnelle Antwort, „nein, im Ernst, ich wünsche mir, dass es bald eine gute Strategie gibt, mit dem Virus umzugehen und wieder mehr sogenannte „Normalität“, aber in einer besseren Version.“

Ich verstehe, was Du meinst. Wir werden sehen, aber ein Keyboard wäre schon toll.“

Meine Daumen sind gedrückt, dass Du es bekommst. Einen schönen Abend und lasse Dich nicht unterkriegen.“

Mache ich nicht“, sagte Hannah nachdenklich. Spike spitzte die Ohren und lauschte dem Rascheln im Busch neben den Stufen. Dort war wahrscheinlich eine Maus, die er in seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr fangen würde.

Marie nickte den beiden freundlich zu und freute sich auf einmal wie ein Kind auf Weihnachten.

Till Brönner: Space Oddity



Fortsetzung folgt