Dienstag, 30. Mai 2023

000.14 "Spike und Anna" ab 1. Juni 2023 im Buchhandel

 


Liebe Leserinnen und Leser, 
liebe Freundinnen und Freunde, 

nun ist es soweit, das Buch "Spike und Anna" ist auf der Zielgeraden. Hier kann es online bestellt werden: 

Link zum Verlag Tredition

Ab 1. Juni 2023 ist es außerdem im Buchhandel erhältlich. 

An dieser Stelle eine Entschuldigung meinerseits, dass auf dem Blog in den letzten Monaten wenige Beiträge erschienen sind. Das Buch umfasst zwar nur 154 Seiten, trotzdem hat mich das Projekt sehr beschäftigt. Demnächst werdet Ihr erfahren, wie es mit Jessica weitergeht, versprochen. 

Wer Lust hat, das Buch zu bestellen und zu lesen, wünsche ich viel Spaß beim Lesen. 

Liebe Grüße von der Autorin

G. Heiser





Montag, 10. April 2023

#007.18 – Jessica – Ostern

 

#007.18 – Jessica – Ostern

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
 meiner Geschichten. :-)

 


Heute schreibe ich Euch, wie es mit Jessica weitergeht.
Ostern steht vor der Tür.  
Sie wohnt im zweiten Stock links.

Ostern


Auf einmal stand Ostern vor der Tür. Tagelang war es noch kalt gewesen, aber am Gründonnerstag strahlte die Sonne vom Himmel und weckte eine Ahnung von Wärme und frühlingshafter Leichtigkeit.

Jessica stand nachmittags wie viele andere Kunden an der Supermarktkasse. Ihr Einkaufswagen war neben alltäglichen Dingen auch mit Ostersüßigkeiten und einem bunten Strauß Tulpen gefüllt. Kinder quengelten und die Leute redeten kreuz und quer durcheinander mit Familienmitgliedern, Bekannten und Nachbarn. Wie jedes Mal vor einem langen Wochenende deckten sich die Menschen mit vielen Vorräten ein, als ob morgen die Welt unterginge. Entsprechend lang war die Wartezeit an den Kassen.

Zu Hause empfing sie die Ruhe ihrer Wohnung. Viele überflüssige Dinge hatten die Wohnung in den letzten Wochen verlassen, alles stand ordentlich an seinem Platz. Es lag eine entspannte Stille über allem, die nur durch das leise Ticken der Küchenuhr unterbrochen wurde. Anscheinend waren alle anderen Nachbarn einkaufen oder anderweitig unterwegs. Selbst den Kater Spike hatte sie eben weder auf dem Hof noch in seiner Treppenhaus-Box gesehen. Wahrscheinlich hatte er ein gemütliches warmes Versteck gefunden.

Jessica stellte die Blumen in eine Vase und räumte die Lebensmittel ein.

In dem goldenen Licht der Spätnachmittag-Sonne setzte sie sich mit einem Kaffee auf den Balkon. Sie nahm sich ein Buch mit. Neulich hatte sie es in einem Vintage-Laden gekauft. Es enthielt Kurzgeschichten und einige Gedichte mit modernen Illustrationen. Tatsächlich war passenderweise ein Ostergedicht einer Autorin darin, die ihr unbekannt war:

Osterzeit

Es ist wieder soweit,
schon ist sie da,
die Osterzeit.
Grün überall, außerdem
keine Feier
ohne bunte Ostereier.

Trotz aller Krisen auf der Welt,
stirbt die Hoffnung nie
auf Aufbruch oder bessere Zeiten
sowie die ungebrochene Freude an Kleinigkeiten.

Oder bedeuten diese Kleinigkeiten
gar viel mehr, als uns oft bewusst?
Was macht das Leben aus?
Eine Villa, ausbeuterischer Genuss 
oder ein Lifestyle in Saus und Braus?
Nein, mitnichten.

Innehalten,
Freude einschalten
an Licht und Wärme,
sowie Blumen und Grün,
mit lieben Menschen Zeit verbringen,
gut essen, reden
einfach leben.

Ist die Menschheit noch zu retten?
Keine Ahnung,
wer weiß das schon,
aber viele kleine Gesten
für sich selbst und den Nächsten
ergeben Lebensfülle und Nähe,
im Großen und im Kleinen.
Das ewige, manchmal mühsame Spiel des Lebens
scheint aus diesem Blickwinkel
nicht vergebens.

Jessica legte das Buch beiseite und trank gedankenverloren ihren Kaffee. Vögel zwitscherten und am Horizont färbte sich die Sonne langsam rot. Ein Gefühl von Frieden breitete sich in ihr aus. Alles war in diesem Moment gut, so wie es war. Der hektische Arbeitstag, Gedankenschleifen an Flo und die aufgeregten Menschen im Supermarkt vorhin schrumpften in sich zusammen und es öffnete sich in ihr ein innerer Raum aus Harmonie und Ruhe. Sie schloss die Augen und fühlte die Wärme der untergehenden Sonne auf dem Gesicht. Der Augenblick war perfekt, sie hatte noch nicht einmal Lust aufzustehen, um sich eine dieser cremigen Oster-Schokokugeln aus der Küche zu holen. Nur hierbleiben und diesem inneren Frieden in sich nachspüren, war gerade das einzig Wichtige.

Chris Botti: Estate

Fortsetzung folgt

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freundinnen und Freunde,

ein frohes Osterfest wünsche ich Euch.

Der Wahnsinn auf der Welt nimmt anscheinend nicht ab, aber wir sind trotzdem noch da. In den letzten Wochen habe ich eine „Nachrichten-Diät“ gemacht, d. h. nur eine Nachrichtensendung pro Tag geschaut und alle Nachrichten Apps vom Mobiltelefon gelöscht. Mein Fazit: Das werde ich beibehalten!

Lasst es Euch gut gehen und genießt den Frühling.

Viele Grüße von der Autorin

 

 

Sonntag, 26. März 2023

#007.17 – Jessica – Frühlingsblumen

 

#007.17 – Jessica – Frühlingsblumen

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
 meiner Geschichten. :-)

Heute schreibe ich Euch, wie es mit Jessica weitergeht.
Der Frühling streckt langsam seine Fühler aus.  
Sie wohnt im zweiten Stock links.

Frühlingsblumen


Die Sonne spiegelte sich in den großen Pfützen auf dem Hof, die der Kater Spike elegant umrundete. Er war auf der Suche nach einem warmen trockenen Plätzchen. Endlich hatte der tagelange Regen aufgehört. An den Büschen zeigten sich die ersten Knospen und ein paar bunte Frühblüher erfreuten die Augen wintermüder Betrachter.

Jessica hatte ihr verstaubtes Fahrrad aus dem Keller geholt und Luft in die schlappen Reifen gepumpt. Im Keller in den Tiefen einer Kiste fand sich Öl, um die Kette wieder geschmeidig zu machen. Es war Wochenende und eine anstrengende Arbeitswoche lag hinter ihr. Während der letzten Wochen, die kalt und trostlos gewesen waren, hatte sie sich in mehreren beruflichen Projekten ausgetobt und dabei viele Überstunden angesammelt, um nicht allzu viel über Flo nachdenken zu müssen. Das Ablenkungsmanöver hatte zwar funktioniert, aber trotzdem hatte sich eine tiefe Erschöpfung in ihr ausgebreitet.

Sie räumte die Fahrradpumpe und das Fläschchen Nähmaschinenöl wieder in den Keller und betrachtete anschließend das Rad, das einladend in der Sonne stand.

In Jessicas Handtasche befanden sich zwei Briefe. Endlich hatte sie die Anmeldung für die lang geplante berufliche Fortbildung ausgefüllt. Ihr Chef hatte den Bildungsurlaub schon genehmigt. Außerdem wurde in zwei Wochen ein Kochkurs in ihrer Stadt angeboten. Die Anmeldung dafür ging heute ebenfalls auf die Reise.

Mit Schwung radelte sie los, warf auf dem Weg die Briefe ein und fuhr weiter in Richtung Fußgängerzone. Die Einkaufsliste war lang.

Die Stadt war voller Menschen, einige hartgesottene saßen in Winterjacken draußen an den Tischen der Cafés und genossen ein Getränk im lang entbehrten Sonnenschein.

Jessica hatte das Gefühl, dass sie nach einer Fahrt durch einen langen dunklen Tunnel endlich wieder Tageslicht in der Ferne erkennen konnte. Zu den geplanten Einkäufen gesellte sich deshalb spontan ein Korb mit bunten Frühlingsblumen zur Balkonverschönerung.

„Hey Jessica“, rief eine Stimme hinter ihr. Sie gehörte zu ihrer Arbeitskollegin Mara. Jessica drehte sich um: „Hallo Mara.“ Mara trug einige Einkaufstaschen und eine Sonnenbrille.

„Hast du Zeit für einen Kaffee, Jessica? Diesen Monat hat gefühlt die ganze Familie Geburtstag und ich beschäftige mich eigentlich nur mit dem Geschenke-Einkauf und anschließend mit den dazugehörigen Geburtstagsfeiern“, sie deutete auf die Tüten. Jessica überlegte kurz: „Ja, Kaffee ist eine gute Idee.“

Sie fanden einen freien Tisch in einem Café in einer Seitenstraße der Fußgängerzone. Kaffeeduft und Stimmengewirr lagen in der Luft. Zehn Minuten später standen zwei Kaffeetassen auf dem Tisch, darunter verteilten sich kreuz und quer die vielfältigen Einkäufe der beiden Frauen, inklusive der Korb mit den Frühlingsblumen.

„Wie geht es eigentlich Flo?“, Mara rührte in ihrem Kaffee.

„Keine Ahnung, wir haben seit kurzem keinen Kontakt mehr. Ich war zu unschlüssig und Flo hatte die Nase voll davon.“

„Oh, das tut mir leid. Mir ist aufgefallen, dass du irgendwie traurig bist, aber ich wollte nicht nachbohren.“

„Das ist okay, Mara. Ich musste erstmal selbst damit klarkommen. Florians Reaktion auf mein ewiges Hin und Her ist absolut verständlich gewesen, trotzdem war ich traurig. Gerade heute habe ich das Gefühl, dass es wieder aufwärts geht.“

Mara nickte: „Ich verstehe, manchmal kann man einfach nicht aus seiner Haut. Vielleicht war es bei dir zu früh für eine neue Beziehung?“

„Wahrscheinlich. Für die Fortbildung, die unser Chef genehmigt hatte, habe ich mich angemeldet und in zwei Wochen mache ich einen Kochkurs. Außerdem entrümple ich seit einiger Zeit meine Wohnung. Das hat vieles ans Tageslicht befördert, was ich verdrängt hatte. Es ist gleichzeitig befreiend und anstrengend. Und ich bin stolz auf mich, dass viele Bereiche erledigt sind und ich in letzter Zeit drangeblieben bin. Das feiere ich richtig.“

Mara grinste: „Vielleicht solltest du demnächst einen kleinen Wochenend-Urlaub buchen, richtig ausschlafen, dir eine Massage gönnen und es dir richtig gut gehen lassen.“

„Das ist eine gute Idee. Der Mensch lebt ja nicht nur, um zu arbeiten. Und wenn ich richtig überlege, fehlt zu Hause bei der Entrümpelungsaktion nur noch ein großes Bücherregal im Wohnzimmer und der Keller… oh je. Der ist leider richtig vollgestellt.“

„Wie wäre es, wenn du dich dieses Wochenende um dein Bücherregal kümmerst und anschließend den kleinen Urlaub buchst? Den Keller nimmst du dir vor, wenn du wieder da bist. Das Gerümpel läuft nicht weg.“

„Genauso werde ich es machen, danke Mara.“

Mara winkte der Kellnerin zu: „Ich lade dich ein und du berichtest am Montag, ob du mit dem Regal fertig geworden bist und wohin du demnächst fahren wirst, um deine Batterien wieder aufzuladen.“

Jessica lächelte: „Danke, nichts geht über die beste Arbeitskollegin auf diesem Planeten.“

Sie fühlte sich auf einmal beschwingt. Ein Mann, der zwei Tische entfernt von ihnen saß, lächelte sie an. Sie lächelte zurück, während Mara die Rechnung bezahlte. Draußen verabschiedeten sie sich. „Bis Montag und danke für den Kaffee und den guten Rat, Mara.“ „Gern geschehen, drücke die Daumen, dass der Familienkaffeeklatsch heute Nachmittag nicht so langweilig wird.“

Jessica winkte und fuhr nach Hause. Die Luft roch nach Frühling, die Vögel zwitscherten und das Gefühl bleierner Schwere löste sich in ihrem Inneren auf. Das Leben war wunderschön und voller Möglichkeiten.

Brian Culbertson: Back in the day & so good

Fortsetzung folgt 


Sonntag, 12. März 2023

#007.16 – Jessica – Frisbee-Scheiben

 

#007.16 – Jessica – Frisbee-Scheiben

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
 meiner Geschichten. :-)

 


Heute schreibe ich Euch, wie es mit Jessica weitergeht.
Die kleine Liebesgeschichte mit Flo ist aus.
Sie wohnt im zweiten Stock links.

Frisbee-Scheiben


Es war Sonntagvormittag und draußen rauschte der Wind in den kahlen Bäumen und rüttelte an einem losen Blumenkasten auf Jessicas Balkon.

Nach dem Kaffee im Bett hatte Jessica noch eine Weile über Flo gegrübelt und dann zu dem Buch gegriffen, das auf dem Nachtschrank lag. Der abgründige Kriminal-Roman lenkte sie ab. Die Vorsätze der letzten Nacht sickerten nach einigen Kapiteln wieder in ihr Bewusstsein ein. Der unordentliche Wohnzimmerschrank und die Internet-Recherche zu beruflichen Fortbildungen standen auf ihrer gedanklichen zu-erledigen-Liste. Im Bett war es gemütlich und warm, allerdings war der Becher Kaffee leer. Außerdem hatte sie langsam Appetit auf ein richtiges Frühstück. Mit den Gedanken an Toastbrot, Frühstücksei und Fruchtjoghurt, tauchte Flo wieder in ihrem Kopf auf. Jessica seufzte, irgendwie fühlte sich das Leben gerade verzwickt an.

Auf dem Weg zur Küche schaute sie in den Flurspiegel. Ihr Gesicht war blass und die Haare standen wirr in alle Richtungen ab. Vielleicht wäre eine Dusche vor dem Frühstück eine bessere Idee? Das war tatsächlich ein Aufräum-Motivationstipp von ihrer Freundin Tina. Sie hatte behauptet, dass duschen, anziehen und ein tagestaugliches Styling die Produktivität, besonders im Hinblick auf häusliche Aussortiertätigkeiten, steigern könnte. Jessica war skeptisch. Dem Wohnzimmerschrank konnte es doch egal sein, ob sie sich im Schlafanzug oder in Jeans und Pulli der Unordnung in seinen Tiefen widmen würde. Sie entschied sich für einen Kompromiss. In der Küche aß sie ein wenig Obst, weil sie mittlerweile richtig hungrig war, dann war die Dusche dran.

Das warme Wasser war angenehm, das Shampoo duftete dezent nach Mandeln. Jessica schloss die Augen und genoss diesen Moment eingehüllt in Wasserdampf und Mandelduft im warmen Bad. Der Druck in der Herzgegend ließ ein wenig nach. Tinas Tipp hatte tatsächlich etwas bewirkt, sie fühlte sich nach der Dusche frischer und motivierter.

Mit Jeans, einem Pullover und warmen Socken an den Füßen gekleidet stieg ihre Laune. Ihre Haare waren noch nass und das Gesicht ungeschminkt. Die Kaffeemaschine blubberte vor sich hin, das Brot röstete im Toaster und auf dem Tisch standen die Lieblingskäsesorte und frisches Obst. Die Sprecherin der Nachrichtensendung im Radio berichtete von dem aktuellen Wahnsinn außerhalb von Jessicas Wohnung und im Anschluss dudelte ein schnulziger Popsong aus dem Lautsprecher. Sofort war Flo in Jessicas Gedanken wieder da und das Lied versetzte ihr einen Stich. Wieder trommelten Hagelkörner gegen die Fensterscheibe. ‚Ich werde heute keinen Schritt vor die Tür gehen‘, dachte sie, ‚höchstens in den Keller, um ein paar Kisten zum Sortieren zu holen.‘ Selbst dieser Weg erschien ihr angesichts des Wettertreibens da draußen ziemlich weit.

Nachdem die Wochenzeitung mit vielen Werbeblättchen durchgeblättert war, gab es keine Ausrede mehr. Der Schrank mit den unordentlichen Schubladen und Fächern wartete im Wohnzimmer.

Zwanzig Minuten später sah das Wohnzimmer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Auf dem Boden verteilten sich CD’s, Bücherstapel, Ordner, Spiele, schöne, seltsame (von Tante Erika) und hässliche Deko, Fotoalben mit vergilbten Seiten und Krimskrams in jeglicher Form. Dieser Schrank war eine einzige Überraschung.

Die Mülltüte füllte sich, einige Dinge waren einfach kaputt. Warum hatte sie diese Sachen überhaupt in Umzugskisten gepackt und später in dieser Wohnung in den Schrank? Darauf hatte sie keine Antwort, außer, dass das Packen seinerzeit schnell gehen musste.

Wieder kamen Erinnerungen an die Zeit mit Michael hoch. Die kantige Designer-Vase hatte er ihr vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt. Damals stand darin ein sorgfältig arrangierter Blumenstrauß. Die Vase war, trotzdem sie sicherlich teuer gewesen war, nicht ihr Geschmack. Ein Strauß mit struppigen Wiesenblumen, die sie im Sommer gern pflückte, und die Vase passten nicht zusammen. ‚So wie Michael und ich‘, dieser Gedanke war wieder ein innerer kleiner Dolchstoß. Damit war klar, dass die Vase die Wohnung verlassen würde. Nicht in der Mülltüte, aber in einem Karton mit Dingen, die sie spenden wollte.

Eine halbe Stunde später saß Jessica mit einer Taschentuchbox in dem Wohnzimmer-Chaos und weinte. Sie konnte sich nicht beruhigen, diese Mischung aus Liebeskummer wegen Flo und den vielen Erinnerungen aus ihrer vorherigen Beziehung war überwältigend. Dazu gesellte sich das Gefühl, ganz allein auf dieser Welt zu sein, während Regen, Hagel und kleine Schneeflocken im Mix draußen zu Boden sanken. Jessica ließ den Tränen freien Lauf, sie spülten alles nach Außen, was sich tief in ihrem Inneren verborgen hatte. Zu den Dingen, die kreuz und quer auf dem Fußboden verteilt waren, gesellte sich ein kleiner Berg zerknüllter Taschentücher.

Das Handy auf dem Wohnzimmertisch brummte. Eine Nachricht von Tina erschien auf dem Display. Schniefend griff Jessica nach dem Telefon und las:

Hey Jessica, hast du Lust nachher um ca. 18.00 Uhr bei mir vorbeizukommen? Ich hatte gestern Besuch und es gibt noch ganz viel Pasta-Auflauf in meinem Kühlschrank. Eine Flasche Rotwein ist auch noch da. 😊 LG Tina

Die Uhr zeigte 16.34 Uhr an. Bis zu Tinas Wohnung brauchte Jessica ungefähr 15 Minuten mit dem Fahrrad, 25 Minuten zu Fuß. Es war nicht mehr viel Zeit, dieses Durcheinander zu beseitigen. Sie schrieb zurück:

Hallo Tina, danke für die Einladung. Ich komme gerne, allerdings erst gegen 18.30 Uhr. Ich räume gerade meinen Wohnzimmerschrank auf und es herrscht Chaos bei mir… Apropos, brauchst du noch Blumenvasen oder andere Deko? Ich habe unter anderem eine interessant gemusterte Kuchenplatte von Tante Erika im Angebot. Einige CD’s habe ich auch aussortiert. Ich werde ein paar Fotos machen und vielleicht ist ja etwas für dich dabei. Bis später Jessica PS Rotwein ist eine gute Idee.

Jessica fotografierte ein paar Teile auf dem Boden, von denen sie dachte, dass sie ihrer Freundin gefallen könnten. Dann wanderte der Taschentuch-Berg in die Mülltüte. Die Tränenflut war versiegt und sie fühlte sich befreit, aber auch irgendwie innerlich leer.

Nach einem Kaffee in der Küche und einmal durchatmen, räumte sie alles, was bleiben sollte, wieder zurück in den Schrank. Jetzt gab es darin sogar einige leere Flächen. Allerdings tummelte sich auf dem Boden der ganze Kram, der gehen durfte. Jessica musste doch in den Keller, um ein paar Kartons zu holen. Vorsorglich hatte sie nach dem Umzug einige Pappkisten aufbewahrt. Bevor sie die Wohnung verließ, schaute sie wieder in den Flurspiegel und ihr leicht gerötetes Gesicht blickte als Spiegelbild zurück. So war es eben, Tina konnte bestimmt damit leben.

Nach dem Heruntertragen der beschrifteten Kisten in den Keller, verschwanden alle Krümel vom Boden im Staubsaugerrohr. Das Wohnzimmer war wieder betretbar.

Ziemlich erschöpft betrachtete sie den Raum vom Sofa aus. Äußerlich hatte sich nicht viel verändert, trotzdem hatte das Zimmer eine neue frische Energie. Die Internet-Recherche verschob sie auf die nächste Woche. Drei wichtige Erkenntnisse waren die Essenz dieses Wochenendes:

-      Eine Dusche und tagestaugliche Kleidung steigerten die Produktivität. Im Schlafanzug war es schwierig, in die Gänge und zum Ziel zu kommen.

-      Ein Zeitpuffer zum Beenden der Aufräumaktion war sinnvoll, besonders wenn es anschließend noch ein Freundinnen-Treffen gab.

-      Sich nicht zu viel vornehmen, realistische Tagesziele hielten die Motivation aufrecht, lieber in kleinen Schritten und immer dranbleiben.

Dieses Mal wollte sie es schaffen, weil sie ahnte, dass ein Leben ohne Ballast ein echter Neustart werden könnte. Der Blick auf die vielen Erinnerungen war anstrengend, trotzdem hatte es sich heute gelohnt. Jessica fühlte sich befreit und müde. Im Sommer hatte es eine ähnliche Aktion gegeben, sie erinnerte sich an das leichte Gefühl danach. Nur hatte sie anschließend  schnell andere Prioritäten gehabt, unter anderem Flo, so dass der Ballast weiterhin in ihrer Wohnung geblieben war. Das Leben war konsequent und vergleichbar mit einer Frisbee-Scheibe, war Jessicas Fazit am heutigen Tag:

Offene Lebens-Baustellen wurden einer Person gnadenlos so lange präsentiert, bis das Problem erkannt und aufgelöst war. Die Baustellen-Frisbee-Scheibe kam immer wieder zurückgeflogen….

Sie würde nachher nicht so lange bei Tina bleiben und früh ins Bett gehen. Die Traurigkeit wegen Flo und die drückenden Erinnerungen, die an einigen aussortierten Gegenständen im Keller klebten, waren schattengleich noch da, aber hatten an Kraft eingebüßt.

Jessica ging ins Bad und kämmte sich die Haare. Das Gesicht im Spiegel wirkte immer noch gespenstisch blass. Sie freute sich auf ein leckeres Essen mit Tina und lächelte das Gesicht im Spiegel an.

Eine aussortierte CD eines Sängers, den Tina gern hörte, packte sie in ihre Tasche, als sie die Wohnung mit der großen Mülltüte in der Hand verließ. An der Haustür unten wartete der Kater Spike auf eine Gelegenheit, ins Treppenhaus zu seiner kuscheligen Box zu gelangen. Jessica ließ ihn hinein, stellte die Mülltüte ab und kraulte ihn ein wenig. Er maunzte und lief die Treppe zu seiner Box hinauf. Schnell rollte er sich zusammen und schloss die Augen.

Die frische Luft tat trotz der Nässe und Kälte gut. Erstaunlich, morgens war sie davon überzeugt gewesen, heute keinen Schritt vor die Tür zu setzen. Das Fahrrad blieb im Keller. Mit Schwung und einem scheppernden Klirren landete die Mülltüte im großen Plastikbehälter auf dem Hof. Jessica lächelte erleichtert, spannte den Regenschirm auf und verließ das Grundstück in Richtung von Tinas Wohnung. Sie freute sich auf den Abend in der festen Überzeugung, dass sie sich nach dem anstrengenden Tag einen Freundinnen-Plausch mit Rotwein redlich verdient hatte. Auch die Aussicht, sich gleich an einen gedeckten Tisch zu setzen, weckte die inneren Lebensgeister. Sie war zufrieden mit sich und der unperfekten Welt, die sie nach ihren Möglichkeiten von nun an Stück für Stück besser gestalten wollte. Der Ballast, besonders der innere, durfte nach und nach verschwinden. Auf unnötige Lebens-Baustellen-Frisbee-Scheiben hatte sie absolut keine Lust mehr. Schließlich würde irgendwann der Frühling kommen.

Grover Washington Jr.: In the Name of Love


Fortsetzung folgt




Sonntag, 5. Februar 2023

#007.15 – Jessica – der Weg ist das Ziel

 

#007.15 – Jessica – der Weg ist das Ziel

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)



Heute schreibe ich Euch, wie es mit Jessica weitergeht.
Es ist einige Zeit vergangen. Sommer, Herbst und Weihnachten sind vorbei.
Sie wohnt im zweiten Stock links.

Der Weg ist das Ziel


Hagel trommelte gegen Jessicas Schlafzimmerfenster. Der Wecker zeigte 2.54 Uhr an. Erschrocken von dem Lärm am frühen Sonntagmorgen schlug sie die Augen auf, eben noch im Reich der Träume und jetzt in einer lautstarken Geräuschkulisse aus kleinen gefrorenen Eisstückchen. Es passte gut zu ihrer Gefühlslage. Vor zwei Tagen hatte Flo den Kontakt zu ihr offiziell nach einer Aussprache beendet. Nachdem ihre Bekanntschaft so hoffnungsvoll im Sommer begonnen hatte, war Jessica bei jedem Treffen oder Telefonat hin und her gerissen gewesen, ob sie wirklich eine Beziehung zu ihm aufbauen wollte. Sie mochte ihn sehr, manchmal hatte es sich stimmig angefühlt und kurz danach wollte sie einfach die Decke über den Kopf ziehen und sich verkriechen. Dieses zog sich über Wochen und Monate. Flo hatte nun aufgegeben und ihr mitgeteilt, dass er ihre Unschlüssigkeit satt hatte. Sie verstand sich selbst nicht, trotzdem konnte sie ihm die inneren Türen nicht dauerhaft öffnen. Erst hatten sie laut diskutiert, später hatte Flo seinen Arm um sie gelegt. Danach war er einfach nach Hause gefahren und Jessica wusste, dass er nie wieder kommen oder sich bei ihr melden würde.

Wenigstens hatte es letzten Sommer und Herbst einige innige und schöne gemeinsame Momente gegeben. In der Adventszeit hatte sich das Gefühlskarussell zugespitzt. Jessica war ihm gegenüber oft abweisend gewesen, hatte ein paar Verabredungen kurzfristig abgesagt, war dann einsilbig und kurz angebunden und innerlich auf der Flucht vor einer Entscheidung.

'Das habe ich jetzt davon', dachte sie, während sie dem Wettertreiben draußen lauschte. Traurigkeit breitete sich in ihr aus, Flo fehlte ihr jetzt schon. Aber was hätte sie tun können? Im Grunde war er zu früh nach ihrer Trennung von Michael in ihrem Leben aufgetaucht. Seine Aufmerksamkeit hatte sich gut angefühlt und hatte einige Wunden aus der Vergangenheit oberflächlich abgedeckt.

Der Hagel ließ langsam nach. Jessica verließ das Bett, fröstelte und trat ans Fenster. Draußen war alles mit einer weißen kalten Schicht bedeckt. Sie fragte sich, ob der Kater Spike in seiner Box im Treppenhaus schlief oder heute Nacht bei ihrem Nachbarn Unterschlupf gefunden hatte. Ein bisschen beneidete sie den Kater um seine Unabhängigkeit. Er kam und ging, wie es ihm gefiel,und wahrscheinlich kannte er Gefühle von Herzschmerz und innerer Zerrissenheit gar nicht.

Im Grunde waren die Monate Januar und Februar für Jessica schon immer schwierig zu ertragen gewesen, auch ohne Liebeskummer. Ständig war es kalt und dunkel, die glanzvollen Feiertage am Ende des vorherigen Jahres Geschichte. Bunte Weihnachtskugeln, Kerzen, Engel-Figuren wanderten wieder in die Kiste im Keller, die Wohnung wirkte leer und verwaist. Allerdings bezog sich Letzteres bei ihr nur auf die Weihnachtsdekoration, leider war die Entrümpelung ihrer Wohnung noch nicht beendet, geschweige denn in kleineren Schritten voran geschritten. Ausreden gab es viele: Zu viel zu tun bei der Arbeit, lieber die Lieblingsserie zur Entspannung schauen oder allgemein keine Energie.

Sie legte sich wieder ins Bett und rieb ihre kalten Füße auf dem Laken, damit sie warm wurden. Einfach wieder einzuschlafen, funktionierte nicht, auch wenn es mittlerweile nicht mehr hagelte. Eine Ahnung stieg in ihr auf, dass sie erst den ganzen Ballast der Vergangenheit los werden musste, bevor ein wirklicher Neustart für sie möglich war. Da konnte sie noch so lange über Flo grübeln, eigentlich war diese Geschichte nur ein einzelnes Symptom oder ein Puzzlestück in ihrem eigenen unordentlichen Altlasten-Universum. Aber an welcher Stelle könnte sie beginnen, die wirklichen Ursachen zu erforschen und aufzulösen?

Sie fiel wieder in einen unruhigen Schlaf und ein Traum bahnte sich seinen Weg. Jessica saß an einem Schreibtisch bei einem ihrer früheren Arbeitgeber. Dort hatte sie mehrere Vorgesetzte, zwei davon zeigten oft ein machtbesessenes und cholerisches Verhalten. Deshalb hatte sie vor vielen Jahr dort gekündigt. Diese beiden Chefs traten vor ihren Arbeitstisch und beschimpften sie lautstark auf das Übelste. Im Traum brach sie in Tränen aus und brachte kein Wort der Gegenwehr heraus. Der ältere Chef hatte auf einmal die Gesichtszüge ihres Vaters und sie zuckte zusammen. Dann folgte ein plötzlicher Szenenwechsel zu einer Frühlingsidylle am Deich. Schafe grasten, die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Sie saß mit einem Abteilungsleiter ihrer Ausbildungsfirma auf einer Bank, zu dem sie damals einen guten Draht gehabt hatte. Er hatte ihr stets vermittelt, dass er sie für fähig, wertvoll und kompetent hielt. Auf dieser Bank neben der Schafherde wollte er sie für eines seiner Projekte begeistern und sie in sein Team holen. Von so einer Arbeit hatte sie ihr ganzes Berufsleben geträumt und sagte mit Blick auf kreischende Möwen am Himmel zu, ohne lange zu überlegen. Plötzlich verdunkelte das hämische, feiste Gesicht des bösen Chefs aus der ersten Traumszene den Himmel. Mit klopfenden Herzen erwachte sie. Ein diffuses Licht sickerte ins Schlafzimmer. Draußen war eine Krähe zu hören, keine Möwe.

Jessica freute sich, dass sie wieder warme Füße hatte und spürte eine leichte Verwirrung wegen des Traums. Was hatte das zu bedeuten? Die Uhr auf dem Nachtschränkchen zeigte jetzt 7.27 Uhr an.

'Ich bin traurig wegen Flo, das ist nicht zu ändern. Auf das, was ich jetzt konkret tun kann, sollte ich mich konzentrieren', dachte sie und lauschte in die sonntägliche Stille. Flo war zwar aus ihrem Leben verschwunden, aber trotzdem ging es weiter. Es war höchste Zeit, endlich im Inneren und Äußeren aufzuräumen. Und heute würde sie damit beginnen, dran bleiben und Stück für Stück vorankommen. Sie stellte sich vor, dass Spike vor ihr stand und maunzte. Sie interpretierte es als: „Der Weg ist das Ziel.“ Einfach an einer Stelle anfangen, zum Beispiel heute den chaotischen Wohnzimmerschrank aufräumen und im Internet nach passenden Fortbildungen zur Verwirklichung ihrer beruflichen Träume recherchieren. Das war ein guter Plan und Anfang für diesen trüben Sonntag Mitte Februar. Der Liebeskummer würde zwar bleiben, aber irgendwann könnte sich wieder eine neue Tür öffnen.

Diese Gedanken waren tröstlich und Jessica beschloss, den ersten Kaffee im Bett unter der warmen Decke zu trinken und Flo dabei viele gute und dankbare Gedanken zu schicken.

 Paul Hardcastle: Desire

Fortsetzung folgt



Mittwoch, 7. Dezember 2022

000.13 - Coming soon: Das Buch "Spike und Anna"

Liebe Leserinnen und Leser, 
liebe Freundinnen und Freunde, 

hier kommt ein Auszug aus meinem Buchprojekt "Spike und Anna". In dem Kapitel stelle ich den Kater Spike vor. Regelmäßige Leser*innen des Blogs kennen ihn natürlich. Er ist das verbindende Element in meinen Beiträgen zu den unterschiedlichen Themen. Nun ist er zusätzlich eine wichtige Figur in meinem Buch, das demnächst fertig sein wird, wenn alles wie geplant läuft. 

Anna ist die Hauptfigur, die trotz Corona Pandemie eine zauberhafte und intensive Zeit erlebt. Aber ich will nicht zu viel verraten. 

Darf ich vorstellen? Das ist der weise alte Kater Spike: 


Guten Tag, mein Name ist Spike. Ich bin 16 Jahre alt und ein Kater, der seit vielen Jahren - gefühlt schon immer - in diesem Mehrfamilienhaus lebt. 

Ursprünglich zog ich mit Katrin hier ein. Katrin war immer beschäftigt und so verbrachte ich meine Tage als junger Kater, um die Gegend draußen kennenzulernen. Sämtliche Mauselöcher, menschliche Nachbarn und andere Haustiere wurden von mir genauestens unter die Lupe genommen. Katrin verließ früh morgens die Wohnung, schickte mich nach der Fütterung nach draußen und kam stets spät mit hängenden Mundwinkeln von ihrem Bürojob zurück. Meistens erwartete ich sie abends auf unserer Fußmatte, um sie zu begrüßen. 

Im Nachhinein bin ich der Meinung, dass ich Streunerblut in mir habe, weil ich es nie lange in geschlossenen Wohnungen aushalte. Ich brauche die frische Luft, stets neue Bilder und Eindrücke und gerne habe ich unterschiedliche Menschen um mich, die mich mit verschiedenen Sprachen und Klängen ansprechen und mit Leckerlis versorgen.  

Katrin verliebte sich nach unserem zweiten Sommer und zog Hals über Kopf aus der kleinen Wohnung aus, um ein neues Leben am anderen Ende der Stadt mit ihrer großen Liebe zu beginnen. Ich fühlte mich dort unwohl und wanderte durch viele Straßen zurück in mein vertrautes Revier. 

„Da bist ja wieder, mein Süßer“, begrüßte mich der Hippie-Mann aus dem ersten Stock, „ich habe dich vermisst.“ Der Hippie-Mann trägt die langen, ergrauten Haare oft zu einem Zopf zusammen gebunden, außerdem weite bequeme Hosen und pfeift meistens vor sich hin. Er kümmert sich im Haus um alles Mögliche: Verlorengegangene Kinder und Haustiere, Weihnachtsdeko in schrillen Farben im Treppenhaus Ende des Jahres und um seine Freunde in allen Lebenslagen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe es mehrmals hautnah miterlebt, wie in seiner Wohnung laut und ausgelassen gefeiert wurde oder ein Freund oder Freundin verheult vor seiner Wohnungstür stand. Bei ihm bin ich öfter zu Gast, besonders an kalten Wintertagen wie jetzt. Seine Räume bergen eine reichhaltige Auswahl an unterschiedlichem Krimskrams, zum Beispiel Schneekugeln mit Häusern oder Kirchen darin, staubige Zimmerpflanzen, bunte Bilder, Fußball-Fanartikel und dergleichen. Ich liebe seine Kugeln aus Glas, manchmal hat er sie geschüttelt und ich sah stets fasziniert dem wilden Treiben im Glas zu. Mit seinem Haustier, einem mittelgroßen Hund, komme ich aus. Wir sind zwar nicht beste Freunde, lassen uns aber in Ruhe. 

Katrin wollte mich nicht zurück haben und so blieb ich. Ich wohne oft im Treppenhaus, an sehr kalten Wintertagen bei dem Hippie-Mann. Er stellt mir eine Katzenbox und Futter ins Treppenhaus und alle Nachbarn lassen mich hinein und hinaus. 

Eine blonde Frau kam gestern mit einem großen Umzugswagen und einigen Männern, die ihre Möbel ins Dachgeschoss schleppten, hier an. Den halben Tag war es unmöglich, mein Schläfchen in der Box im Treppenhaus zu halten, weil ständig schnaufende Menschen mit Kisten und Möbeln hin und her liefen. Es lag eine eigenartige Spannung in der Luft. Die blonde Frau erzählte dem Hippie-Mann unten an der Eingangstür, dass sie vorher in einem großen Haus gelebt habe. Jetzt freue sie sich auf einen neuen Lebensabschnitt. 

Im Sommer höre ich meinen Mitbewohnern gerne zu, wenn auf ihren Balkonen mit Freunden sitzen und über das Leben philosophieren oder von Alltäglichem berichten. Manchmal habe ich mich unter einem Busch zusammengerollt und ihrem Lachen gelauscht. Momentan sind die Menschen aber in ihren Wohnungen, weil es draußen kalt ist. 

Hier lebt auch eine Art Geheimpolizei. Eine ältere Dame, mit Locken, die aussehen wie Draht, grau und hart. Sie gibt immer vor, schlecht zu hören. Das stimmt aber nicht, ich habe sie beobachtet. Sie hört und weiß alles. Sie hat den Überblick, wer nie den Keller gefegt hat, den Müll nicht ordentlich trennt und bei der Reinigung des Treppenhauses sämtliche Ecken auslässt und nie das Geländer abwischt. Besucher werden genau von ihrer Wohnung im Erdgeschoss beobachtet und falls es ein Einbrecher wagen würde, einen Gegenstand aus einer Wohnung zu entwenden, wäre der Bösewicht schneller hinter Schloss und Riegel als er bis drei zählen kann. Aber auch die Geheimpolizei versorgt mich mit Leckerlis, deshalb ist mir egal, was sie sonst tut. Irgendwo schlummert in dem Körper mit dem Drahtgestell auf dem Kopf ein gutes Herz, zumindest für alte flauschige Kater. 

Wollt ihr mehr von meinen Mitbewohnern erfahren? Von dem Mann mit dem traurigen Blick aus dem zweiten Stock, der nie mit den Nachbarn redet und keinen  Besuch bekommt? Oder dem düsteren Mann mit dem struppigen Bart aus dem Erdgeschoss, der seine Küche nur zum Kaffee kochen benutzt. Jeden Abend steht das Auto eines anderen Pizzadienstes vor der Eingangstür. Die Türme von Pizzakartons trägt er mit einer besonderen Technik zum Papiermülleimer. Ich habe es erst einmal erlebt, dass er seinen Turm auf dem Weg neu gestapelt hat. Dann gibt es noch den Rothaarigen aus dem Dachgeschoss, der gerne laute Hip Hop-Musik hört, parallel dazu läuft oft sein Staubsauger. Wahrscheinlich übertönt er damit innere Stimmen, die ihm Unangenehmes ins Ohr flüstern. Außerdem wohnt eine Familie mit zwei Kindern im ersten Stock. Das kleine Mädchen ist meine beste Freundin. Wir sind oft draußen gemeinsam unterwegs oder sitzen einfach nebeneinander. 

Dann möchte ich noch meine Lieblingsfußmatte von der alten Dame mit der Drahtfrisur erwähnen. Die Fußmatte ist weich und ein Bild von einer Maus ist darauf zu sehen. Dort liege ich gerne. Echte Mäuse fange ich schon seit Jahren nicht mehr. Ich bin zu langsam, zu alt und die Mäuse sind zu flink für mich, aber auf der Matte träume ich von meiner großen Zeit als Mäuseschreck rund um mein Zuhause. Manchmal, wenn es kalt ist, schmerzen meine Beine. Dann schließe ich die Augen  träume ich in der Box im Treppenhaus, um mich abzulenken. Ich möchte noch  hierbleiben und meine Mitbewohner beobachten und erfreuen. Dem Hippie-Mann und den anderen Menschen im Haus, würde ich fehlen, das weiß ich. Irgendwann werde ich einfach friedlich einschlafen und woanders hinkommen. Wohin ist das große Geheimnis, was selbst alte Kater nicht kennen.