#006.21
– Sarah – Kaleidoskop
Dies ist das Zuhause der
Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)
Heute kommt Sarah wieder
zu Wort.
Sie wohnt im 2. Stock rechts.
Kaleidoskop
Der Regenbogen am Himmel
erstrahlte in voller Pracht, als Sarah in ihrem blauen Kleid, das
sehr lange einsam im Schrank gehangen hatte, an jenem denkwürdigen
Samstagmorgen das Haus verließ. Ein wenig aufgeregt war sie schon,
auch wenn es „nur“ ein Kollege war, der sie zum Frühstück
eingeladen hatte. Um das Gefühlswirrwarr noch zu steigern, hatte sie
sich eingestanden, dass sie viel lieber mit ihrem Brieffreund Thomas
einen Kaffee getrunken hätte. Aber er wohnte nun einmal mehr als 400
Kilometer entfernt und war aktuell mit seinen beiden Bücherläden
in der kleinen Studentenstadt in Hessen beschäftigt.
Mittlerweile waren schon
mehr Menschen auf der Straße unterwegs, als Sarah mit ihrem Rad in
Richtung Innenstadt fuhr. Sie musste das blaue Kleid beim Fahren ein
wenig bändigen, damit der Wind den Rock nicht unvermittelt
hochwirbeln konnte. Der Vorteil an der zugegebenermaßen gewagten
Rocklänge war allerdings, dass der Stoff nicht zwischen die
Fahrradspeichen geraten würde. Jeans waren immer die bequemere
Alternative, zumindest beim Radfahren, aber Sarah hatte sich heute
für dieses Outfit entschieden. Der Gedanke, dass ihr Kollege
Matthias ihr wahrscheinlich nette Komplimente machen würde und
außerdem große Augen, tröstete sie ein wenig.
Sarah erreichte das Café
und schloss das Fahrrad ab.
„Hey, Sarah“, meldete
sich eine Stimme von schräg rechts, „toll, dass du so spontan
bist.“
Sarah schaute in die
Richtung, aus der die Stimme kam.
„Hallo Matthias, also
die Uhrzeit deiner SMS am Samstagmorgen war schon abenteuerlich.“
„'Abenteuerlich' kann
ich am besten“, war seine Antwort, „und Du bist jetzt hier.“
Dabei zwinkerte er mit den Augen.
Irgendwie fiel ihr in
diesem Moment keine spontane passende Antwort ein.
„Du siehst übrigens
toll aus. Mit dem Kleid habe ich Dich noch nie im Büro gesehen.“
„Danke“, war ihre
schlichte Antwort, so als seien ihr auf einmal sämtliche Worte
abhanden gekommen.
„Ich habe einen Tisch
reserviert. Hast Du diese Registrierungs-App auf Deinem Handy?“,
fragte er.
„Ja, lass uns
hineingehen. Wir können uns gerne mit meinem Handy registrieren.“
In diesen Zeiten war es
sehr kompliziert, ein Café zu betreten. Die Regeln änderten sich
ständig und waren regional unterschiedlich. Ohne die besagte App
wurden die Kontaktdaten umständlich auf einem Formular erfasst.
„Liebe Kollegin, hast
Du Hunger? Hinter der Theke gibt es die besten Bagels der Stadt.“
Nachdem sie sich
registriert und endlich den Tisch erreicht hatten, schaute Sarah
unauffällig ihr Gegenüber etwas genauer an. Matthias trug ein
Jeanshemd und eine dunkle Jeans, was sehr lässig wirkte, außerdem
trug er heute eine Brille. Er hatte schlanke gepflegte Hände, was
ihr sehr gut gefiel.
„Das Kleid, was du
heute anhast, ist echt der Hammer“, merkte er an und grinste dabei.
„Danke, beim Rad fahren
war es etwas kompliziert.“
Später, nachdem die
Kellnerin viele kleine Teller und Schälchen mit verschiedenen
Frühstücksleckereien abgestellt hatte und Sarah voller Hingabe in
ihrem Milchkaffee rührte, erzählte Matthias ein paar Anekdoten aus
seiner Abteilung. Sarah prustete einmal laut los vor Lachen, als er
die Brummgeräusche des hausinternen IT-Spezialisten nachahmte, der
äußerst selten mit Worten kommunizierte.
Matthias betrachte sie
aufmerksam, während sie lachte und auf einmal breitete sich eine
angenehme Ruhe aus, auch alle Geräusche von den Nachbartischen waren
in diesem Moment verstummt. Sarah erwiderte still seinen Blick und
strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.
Nach einer gefühlten
Ewigkeit ergriff Matthias wieder das Wort: „Es gefällt mir
unheimlich gut, mit Dir hier zu frühstücken. So können wir die
Pandemie-Atempause gemeinsam genießen, auch wenn unsere Kontaktdaten
heute wieder in irgendeinem Speicher-Nirwana gelandet sind.“
„Da magst Du recht
haben“, sagte Sarah nachdenklich, „in diesen Zeiten ist es
wahrscheinlich leicht für IT-Nerds, ich meine natürlich
Spezialisten, Konsumenten-Profile zu erstellen. Wer weiß, vielleicht
bekommen wir demnächst Werbung für neue Bagel-Kreationen von Café
Schröder per Mail?“
„Damit kann ich, glaube
ich, leben“, er grinste, „wollen wir demnächst mal zusammen ins
Kino gehen? Auch das ist wohl wieder möglich.“
„Ja, warum nicht. Ich
war schon über ein Jahr nicht mehr im Kino. Wirklich Wahnsinn, wenn
man sich das überlegt.“
„Darf ich dich heute
einladen? Schließlich habe ich dich heute so früh mit meiner SMS
geweckt.“
„Ja, du darfst mich
einladen. Den Kinoabend kann ich dann ja übernehmen“, antwortete
Sarah.
Matthias hatte die
Rechnung bezahlt und vor dem Café verabschiedeten sie sich.
„Vielen Dank für das
schöne Frühstück. Wir sehen uns ja wahrscheinlich am Montag im
Büro.“
„Davon gehe ich aus.
Nehmen wir den ersten Kaffee in der Küche zusammen?“, fragte
Matthias.
„Gut, dann sehen wir
uns am Montag um 8.00 Uhr in unserer Büroküche“, fasste Sarah
zusammen und lächelte dabei, „einen schönen Sonntag für Dich
morgen und denke nicht allzu viel an die Arbeit.“
„Höchstens an Dich,
tschüss, Sarah, und pass auf, dass Dein Kleid auf dem Fahrrad nicht
weg fliegt.“
„Tschüss, Matthias,
kein Kommentar dazu von mir.“
Mittlerweile zeigte
Sarahs Armbanduhr 13.00 Uhr an. In ihrem Briefkasten zu Hause war
eine Benachrichtigung, dass ein Päckchen für sie bei Frau Schulze
abgegeben worden war.
Sarah klingelte an Frau
Schulzes Wohnungstür. Nach einer Weile öffnete sich die Tür und
ein Kopf mit grauen Draht-ähnlichen Haaren schaute heraus.
„Sie wollen bestimmt
das Päckchen abholen, oder? Warten Sie, ich hole es.“
Während Sarah wartete,
sprintete der Kater Spike ungewöhnlich schnell für sein Alter die
Treppe herunter.
„Hey, Spike, ich öffne
Dir gleich unten die Tür“, sagte sie laut.
„Ein Paket aus Hessen“,
stellte Frau Schulze neugierig fest, „haben Sie Verwandte dort?“
„Nein, danke fürs
Annehmen und einen schönen Tag noch“, schnell verließ Sarah mit
diesen Worten die Zone der nachbarschaftlichen Neugierde und ließ
erst Spike ins Freie.
In ihrer Wohnung
betrachtete sie das Paket von allen Seiten. Thomas hatte es
sorgfältig beschriftet. Mit einer Schere öffnete sie es vorsichtig.
Es war ein Umschlag und ein weiteres längliches, in Geschenkpapier
eingewickeltes Paket darin. Das Geschenkpapier war mit fein
gezeichneten Gingko-Blättern bedruckt. Sarah packte es im
Zeitlupentempo aus, damit das schöne Papier, was an sich schon ein
kleines Kunstwerk war, nicht dabei zu Schaden kam. Darin war in einem
cremefarbenen Karton ein altmodisches Metall-Kaleidoskop. Sarahs Herz
schlug bei diesem Anblick schneller, so etwas Schönes hatte sie
lange nicht mehr in den Händen gehabt. Sie schaute hindurch und
drehte es bedächtig dabei, während stetig neue Muster vor ihrem
Auge entstanden. Als Kind hatte sie ein buntes Kaleidoskop aus Pappe
besessen. Nie hatte sie sich daran satt sehen können, stundenlang
wurde es gedreht und die Plastikperlen-Formationen staunend
bewundert. Es lag in ihrer Kiste mit den besonderen
Kindheitserinnerungen in ihrem Keller.

Liebe Sarah,
am Donnerstag bin ich
wieder gut zu Hause angekommen und dachte die ganze Zeit daran, dass
ich Dich leider nicht noch einmal sehen konnte. Ich weiß, es ist
eigentlich unverzeihlich, eine tolle Frau wie Dich zu „versetzen“.
Als kleine
Wiedergutmachung schicke ich Dir dieses Kleinod, was mir ein guter
Freund, der mit Antiquitäten handelt, für Dich überlassen hat. :-)
Ich finde, es passt zu Dir bzw. zu Menschen wie uns, die gerne
Regentropfenmuster in Pfützen ansehen oder sogar mit einem Ast darin
herumrühren, um die Verwirbelungen zu beobachten …
Vielleicht kommst Du
mich bald besuchen? Die Corona-Lage ist ja gerade entspannter als
noch vor ein paar Wochen. Ich werde alles dafür tun, um der beste
Stadtführer, den diese hessische Stadt je gesehen hat, für Dich zu
sein, inklusive Ausflug zu meinem Ferienhaus am Edersee, wenn Du noch
ein paar Tage Urlaub dranhängen möchtest.
Ich freue mich, wenn
Du an mich denkst, während das Kaleidoskop besonders harmonische
Muster für Dich zaubert.
Auf Deinen Besuch bei
mir in meiner Stadt freue ich mich jetzt schon und kann es kaum
abwarten.
Dein Thomas
Seinabo Sey - Younger (Kygo Remix)
Fortsetzung folgt