Sonntag, 24. Mai 2026

#004.18 Marie - Kochshow

 

#004.18 Marie - Kochshow

Dies ist das Zuhause der Menschen, Haustiere und
meiner Geschichten. :-)


Marie hat einen intensiven Traum.
Sie wohnt im Dachgeschoss links.

Kochshow


Die starken Scheinwerfer von der Decke leuchteten auf die sechs Chrom-glänzenden Kochstellen im Fernsehstudio. Frische Zutaten, appetitlich präsentiert auf und in unterschiedlichen Schalen, schmückten die Oberflächen rund um die jeweiligen Kochfelder. All das erblickten die gespannten Zuschauer auf den zwei kleinen Tribünen. Der Mann mit der hellblauen kurzen Jacke zwischen den ganzen schwarz gekleideten Kameraleuten feuerte die Zuschauer an, gleich in tosenden Applaus auszubrechen, wenn die sechs Kandidatinnen und Kandidaten der ersten Runde inklusive des prominenten Fernsehkochs Stefan, durch die Drehtür treten würden. Es klappte, der Applaus schwoll zu einem ohrenbetäubenden Tsunami aus Klatschen und Johlen an.

Ich stand zusammen mit meinen Mitstreitern und Stefan mit der blütenweißen Kochjacke hinter der Schwingtür und wartete auf das Signal zum Durchgehen. Mein Herz klopfte bis zum Anschlag und Röte überzog mein Gesicht. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, hier mitzumachen? Klar, ich kochte leidenschaftlich gerne und gut, aber am liebsten entspannt zu Hause nach Feierabend oder am Wochenende mit Christian oder für meinen kleinen, feinen Freundeskreis. Stets lief in der Küche beim Schnippeln und Brutzeln eine entspannte Smooth-Jazz-Playlist im Hintergrund. Dabei bin ich immer in meiner inneren Mitte, während das Gemüse im Einklang mit den sanften Saxophon Klängen geschnitten wird. Aber hier? Gleich galt es ein Rezept in 35 Minuten in diesem Studio zu kochen, es hübsch auf einem stylischen Teller zu präsentieren und von einem bekannten Sternekoch verkosten zu lassen. Einer von uns sechs würde die Runde verlassen müssen. Wen es treffen würde, entschied jener Sternekoch am Drehtisch am Ende der Kochzeit. Ich atmete einmal durch, als das Signal zum Betreten des Kochstudios kam. Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und würde bestimmt auf dem Weg zu meiner Kochinsel stolpern und hinfallen, festgehalten durch eine Fernsehkamera. Aber nein, ich erreichte unfallfrei meinen Platz, Stefan verkündete in die Kameras das Motto „Vorspeisen“ und die Kochzeit begann zu laufen. Meine Hand zitterte, als sie nach dem Brokkoli griff, der in kleine Röschen zerteilt werden musste. Das Scheinwerferlicht brannte hell wie die Sonne auf meine Hände und die Kameras filmten alle Details. Stefan war in Hochform: „Liebes Publikum, begrüßen Sie bitte mit einem riesigen Applaus meine erste Kandidatin Marie, die ein besonderes Rezept mitgebracht hat.“

Ich wollte im Boden versinken und wünschte mich durch Raum und Zeit in meine stille Küche zu Hause zurückreisen zu können. Aber keine Chance, jetzt hieß es abliefern, kochen, beim Reden nicht stottern und eine tolle Vorspeise zu zaubern.

Der Raum füllte sich mit Kräuter- und Gemüseduft, durchzogen von leichten Röst-Aromen. Stefan lief zwischen den Kandidaten hin und her, machte Witze und gab Tipps zum Garen und Abschmecken. Ich befand mich auf einmal in einem Tunnel ohne Kameras und gleißendem Licht, kochte Schritt für Schritt mein Rezept und beantwortete Stefans Fragen. Ich schaffte es tatsächlich, den schwarzen Teller mit der Vorspeise auf dem Drehtisch zu platzieren. Sogar der Parmesan Chip hatte funktioniert.

Dann stieg die Spannung. Der Sternekoch war durch die Drehtür getreten und hatte am Tisch Platz genommen. Er probierte sich durch Lachs-Tartar und Krabbensüppchen. Mein Herz raste noch einmal los, die Scheinwerfer und Kameras tauchten in meiner Wahrnehmung wieder auf und ich lauschte fast atemlos der Verkostung der einzelnen Kreationen durch den Juror.

Er lehnte sich zurück: „Alle haben toll gekocht, Kompliment an deine Truppe, Stefan.“

Welcher Teller hat dir denn am besten gefallen?“, Stefan blickte gespannt in seine Richtung.

Die beiden Variationen vom Brokkoli mit dem selbstgemachten Raviolo. Das schmeckte nach Italien Urlaub.“

Wieder Applaus, ich war komplett sprachlos, ich hielt mich an meiner Kochstelle fest und konnte es überhaupt nicht glauben. Ich hatte den Tagessieg abgeräumt und würde morgen wieder kochen, Thema „Frühling“. Nein, jetzt wünschte ich mich nicht mehr zurück in meine eigene Küche. Es war ein persönlicher Triumph, egal, wie es morgen laufen würde. Blut rauschte durch meinen Körper, das Adrenalin taumelte in euphorische Höhen.

Ein Piepen durchbrach den Applaus. Der Wecker zeigte 6.00 Uhr an. Verwirrt schaute sich Marie im Schlafzimmer um. Wo war das Publikum? Die Kochinseln? Die Fernsehkameras? Es roch nach frisch gewaschener Bettwäsche statt nach Kräutern. Draußen war es bereits hell und ein Streifen goldenes Morgenlicht fiel durch den Vorhang in den Raum. Der Traum eben hatte sich real angefühlt, ihr Herz pochte immer noch vor Aufregung. Marie atmete einmal tief durch und ließ den Traum vor dem inneren Auge erneut ablaufen. 

Gestern Abend hatte sie Christian besucht und sie hatten sich nach dem Abendessen eine Kochsendung in der Mediathek angesehen. Christian hatte scherzhaft gemeint, dass er Marie bei Gelegenheit dort anmelden würde, weil sie so phantastisch kochen könnte. Wahrscheinlich hatte diese Bemerkung den intensiven Traum angestoßen. Sie würde heute Abend Christian davon erzählen, dass sie bereits an der Kochshow teilgenommen und sogar den Tagessieg abgeräumt hatte. 

Gleich wartete ein normaler Arbeitstag statt eines Publikums auf sie. Marie lächelte und lief in Richtung Bad, um diesen Tag mit viel Schwung zu beginnen. Vielleicht war es ein Hinweis, manchmal im Alltag mutiger zu sein und etwas zu riskieren? Sie würde darüber nachdenken, aber sicherlich niemals vor einem Fernsehpublikum unter Zeitdruck kochen. Da hielt sie es eher wie ihr pelziger Kater-Nachbar Spike, der lieber entspannt seine Welt erkundete und am liebsten an einem gemütlichen warmen Ort die Sonnenstrahlen im Frühling genoss.

Fortsetzung folgt 

www.zdf.de/video/shows/die-kuechenschlacht-106/die-kuechenschlacht-vom-19-mai-2026-100



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